Heiko Mell

„Sie, der Sadist“ und „ich, der Fan“

Leser A: Ich habe Ihre Karriereberatung gelesen (überflogen) und bin ja eigentlich schockiert. Ich bin mir aber sicher, genau das ist Ihr Ziel. Sie beraten die Menschen und Ihre Tätigkeit befriedigt zugleich Ihre sadistischen Bedürfnisse, indem Sie die Bewerber oder die Frager beleidigen. Das alles versuchen Sie mit guten Worten zu umspülen. Doch was soll das alles? … Warum ich Ihnen schreibe? Ja, ich langweile mich, habe nie etwas zu tun (arbeitsuchend). Schreiben ist doch immerhin so etwas wie Arbeit. Man sagt, daß der Mensch durch Arbeit gut und ehrlich werde. Nun, da hätte man wenigstens eine Chance.

Mein lieber Herr Mell, jeder der Ihnen begegnet, wird bestimmt bei Ihrem selbstsicheren Anblick und beim Durchlesen Ihrer Bewerbung sagen: „Donnerwetter, das ist aber ein Plus! Das ist doch mal was Positives!“

Leser B: Auch ich bin ein Fan Ihrer Karrieretips. Das war nicht von Anfang an so. Als Studienanfänger empfand ich Ihre Art des Ratgebens als sehr arrogant und Ihre Beschreibung der Realität aus meiner damaligen Sicht sehr hart und abschreckend. Doch ich habe gelernt, für mich viele wertvolle Tips anzunehmen.

Antwort:

Zunächst zu Leser A: Sie dürfen sich Ihre individuelle Meinung bilden und diese auch äußern. Aber ich darf mich auch wundern – so nehmen wir beide unser Recht in Anspruch.

Sie sind arbeitslos. Das ist, so man es nicht wissentlich selbst herbeigeführt oder durch gedankenlose Fehlhandlungen in Kauf genommen hat, zweifelsohne ein hartes Schicksal. Andererseits aber, das darf man nicht vergessen, wird in diesem Land viel gearbeitet und werden in den Tageszeitungen Woche für Woche mit ungeheurem Aufwand (eine Stellenanzeige kostet schnell 12.000,- DM und wesentlich mehr) wieder Arbeitskräfte dringend gesucht.

Von diesen Stellenangeboten müßten – ich habe keine Detailangaben über Ihre Qualifikation – viele für Sie interessant gewesen sein, wenn Sie stets auf die Sicherstellung einer arbeitsmarktgerechten Qualifikation geachtet haben.

Wenn es also offene Stellen gibt und Sie keine errungen haben bisher, dann müßten Sie doch über alle Maßen interessiert sein an Informationen über diesen Arbeitsmarkt, über diese Arbeitswelt, über die Spielregeln, denen Bewerbung, Beruf und Karriere unterliegen. Sie müßten wissen wollen, was Sie bisher – nach diesen Regeln – vielleicht falsch gemacht haben und was Sie zukünftig ggf. aussichtsreicher gestalten könnten. Denn die Regeln wird man Ihretwegen nicht ändern.

Sie „nutzen“ nun Ihre Chance, aus dem intensiven Studium dieser Serie etwas zu lernen oder eventuell eine Ihren Fall betreffende Frage zu stellen – indem Sie statt dessen diesen Autor anmotzen. Und: Ist dadurch irgend etwas besser geworden für Sie? Sie müssen mich nicht mögen – aber lehnen Sie die für Sie nützliche letzte Abendfahrt mit der Straßenbahn nach Hause ab, weil Ihnen der Fahrer nicht sympathisch ist und schlafen lieber auf der Parkbank?

Sehen Sie, Sie wissen einfach zu wenig über die relevanten Zusammenhänge: Unter jeder Folge dieser (seit 1984 in ähnlicher Form laufenden) Serie steht, wer ich bin. Sie machen sich Gedanken darüber, was andere Leute beim Durchlesen meiner „Bewerbung“ wohl denken. Aber Sie müßten doch wissen, daß ein Mensch in meiner beruflichen Position keine Bewerbungen schreibt (sie würde auch niemand lesen). Darauf bin ich nicht stolz, das ist einfach so. Machen Sie, was Sie wollen, aber wundern Sie sich nicht. Das bleibt mein Privileg.

Zu Leser B: Diese Entwicklung von Ablehnung über Skepsis bis hin zum „Fan“ scheint typisch zu sein, ich lese öfter derartige Zuschriften.

Je erfahrener die Leser selbst im Berufsleben sind, desto größer ist im allgemeinen die Zustimmung.

Übrigens sagt fast niemand von meinen Kritikern, die Dinge seien überwiegend gar nicht so wie ich sie schildere. Nur: Je jünger die Menschen sind, desto weniger wissen sie über die Welt, in und von der sie in Kürze leben wollen. Die Abiturienten und Studienanfänger können kaum etwas dafür – aber wer hat sie bis dahin eigentlich so lebensfremd erzogen und geformt?

Was mich übrigens bei vielen kritischen Zuschriften amüsiert: So gut wie niemals haben sich bisher die betroffenen Ratsuchenden hinterher beschwert. Es sind immer die anderen, die als selbsternannte Anwälte der vermeintlich Geknechteten auftreten.

Aber dessen ungeachtet darf jeder meine Bemühungen nach seinen Maßstäben werten. Und dann Fan werden, beispielsweise.

Frage-Nr.: 1259
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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