Heiko Mell

Auffälligkeiten – von „unergiebig“ bis „Plauderer“

Antwort:

Mir begegnen einige Kategorien von Bewerbern, die im Vorstellungsgespräch negativ auffallen – und sich dessen mit höchster Sicherheit nicht bewusst sind.

Da ist besonders gefürchtet der „Unergiebige“. Er sagt so gut wie nichts, versucht mit einem Minimum an Aussage auszukommen. Sein – vermutetes – Ziel: Keinen Einblick zu geben in seine Persönlichkeit, keine Angriffsflächen zu liefern. Er ist offensichtlich nicht auf Sieg aus, er versucht schlicht, Niederlagen zu vermeiden. Also lässt er sich nicht locken – mit Plaudereien über das Wetter nicht, mit Fragen zu Details des Berufswegs auch nicht. Und wenn man ihn nach einem längeren Vortrag über die Besonderheiten der zu besetzenden Position etwas erschöpft fragt, ob ihn denn das alles nun weiter interessiere, sagt er: „Ja.“ Und dann gar nichts mehr.

Sein Denkfehler: Es reicht nicht, nichts falsch zu machen. Ein Bewerber muss seinen Gesprächspartner aktiv begeistern, Sympathien erwecken, Mitbewerber hinter sich lassen. Das schafft er so nicht.Netter ist dann schon der „Plauderer“. Er hat die Mitte 40 überschritten, viel erlebt – und daran darf ich jetzt teilhaben. 1974 hat er eine Lehre absolviert. Ja. Und der Meister damals, der war noch vom alten Schlag und hat tatsächlich … Das ist entspannend, aber man denkt auf der anderen Seite des Tisches an den etwas autoritären oder rein faktenorientierten Vorgesetzten, an den er künftig berichten soll. Wenn er dort auch so freundlich plaudert … Also eher lieber nicht.

Wie merkt man, wenn ein Bewerber am Schluss des heutigen oder letzten Arbeitsverhältnisses deutlich mehr Ärger hatte als er gern zugeben mag? Ganz einfach: Der Kandidat, zu einer umfassenden chronologischen Darstellung seines Berufsweges aufgefordert, will instinktiv nicht ran an diesen kritischen Punkt. Umgehen lässt sich der nicht, lügen will oder kann der Bewerber nicht, was macht er also? Er dehnt die Monate oder Jahre unmittelbar davor schier endlos aus. Und spricht über Erfolge, die er damals hatte und Projekte, derer er sich annahm und über Dinge, die er getan und Verdienste, die er erworben hatte. Nur um nicht aussprechen zu müssen, was zwar unvermeidlich, aber unangenehm ist: „Und dann hat man mich gefeuert.“ Und ich hatte gerade sagen wollen: „Und dann hat man Sie sicher in den Vorstand berufen – man hatte ja schier keine andere Wahl mehr bei so viel an Verdiensten.“

Diese Diskrepanz fällt dann besonders auf – und der Kandidat zeigt, dass er die Episode noch längst nicht verarbeitet hat. Damit gibt er preis, was er doch gern verborgen hätte.

Dagegen ist der „Ich bin der Größte überhaupt“-Typ vollkommen harmlos: Er verbirgt nichts, kann er gar nicht, man liest in ihm wie in einem offenen Buch. Wer nun als Arbeitgebervertreter meint, in diesem Hause sei die Rolle des Größten schon auf höchster Ebene besetzt, lehnt diesen Bewerber eben ab. Vorsichtshalber.

Und wenn ein Kandidat redet und redet und überhaupt nicht mehr zu stoppen ist? Dann lehnt man sich zurück und denkt an etwas anderes. Es gibt so schöne Erinnerungen …Schließlich ist die Darstellung einer anforderungsgerechten persönlichen Qualifikation eine Bringschuld des Bewerbers. Er muss überzeugen – niemand muss ihm beweisen, dass er nicht in Frage kommt. Ich gebe zu, das vereinfacht die Sache enorm.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 125
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-09-08

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