Heiko Mell

Haben Sie sich einmal selbst gehört?

Antwort:

Wer ins Vorstellungsgespräch kommt, hat wesentliche Hürden im Bewerbungsprozess schon genommen: Die Fakten seines Berufslebens wurden bereits akzeptiert, haben sogar neugierig gemacht. Würden Alter, Ausbildung, Berufsweg, Tätigkeiten, Positionen, Wechsel etc. in diesem Fall nicht grundsätzlich gebilligt, hätte der Bewerbungsempfänger die Einladung zum Gespräch gar nicht erst ausgesprochen.

Was jetzt noch kommt, ist vor allem anderen die Bewertung der Persönlichkeit. Und wer schon einmal an öffentlichen Plätzen Menschen beobachtet hat, die einfach nur so dasitzen und schweigen, weiß sehr genau, dass deren Verhalten keine ausreichende Beurteilungsbasis abgibt: Der Mensch muss reden!

Redet er, gibt er unendlich viel von sich preis. Eigentlich leiten wir fast das ganze Urteil davon ab, wie er beim Sprechen wirkt. Sei es, dass er auf – komplizierte, kritische und einfache – Fragen antwortet oder sei es, dass wir ihn erzählen lassen. Besonders letzteres ist aufschlussreich. Hat es der Kandidat doch in der Hand, alle Parameter selbst zu bestimmen: Was er sagt, wie er es sagt, wie er die Stimme moduliert, wie spannend oder einschläfernd er seinen Text herüberbringt, wie knapp oder ausführlich er seine Aussagen aufbaut, wie viel er an Überflüssigem präsentiert und wie hart er sich am vorgegebenen Thema orientiert.

„Schildern Sie doch einfach einmal Ihren Weg von der Schule an bis heute“ – diese Aufgabe ist vorhersehbar, ihre Lösung entscheidet wesentlich über Ablehnung oder Vertragsangebot. Bedenken Sie dabei: Alle Fakten kennt der Zuhörer ja schon, alle Angaben hat er schon einmal gelesen und für interessant befunden. Nicht mehr dass oder was Sie studiert haben, ist die Sensation (wenn es auch erwähnt werden muss im Gesamtzusammenhang). Aber warum die Fachrichtung gewählt, der erste Versuch abgebrochen oder die Diplomarbeit so schwach bewertet wurde, kann dabei beleuchtet werden.

In fünfzehn bis zwanzig Minuten sollte das generell abgehakt sein. Bei detailliertem Interesse kann und wird der Arbeitgeber-Vertreter schon die für ihn relevanten Details hinterfragen, dann kann diese Gesprächsphase auch eine halbe bis eine Stunde dauern.

Und wie hören Sie sich dabei an? Ist es das hilflose Gestammel eines Überforderten oder die sachlich-präzise Sprache eines zielorientierten Managers? Neigen Sie zum Plaudern, zum Aufbauschen unwichtiger Kleinigkeiten, zum unangemessen ausführlichen Darstellen längst vergangener Phasen ihrer beruflichen Vergangenheit? Maßstab ist die Zielposition – ein Berufsanfänger darf mehr falsch machen als ein potenzieller Geschäftsführer.

Könnten Sie sich dabei zuhören, gewönnen Sie wertvolle Einblicke in Ihre Persönlichkeit – und Sie hätten Ansatzpunkte für Korrekturen an Ihrem Vortrag. Aber Sie können ja! Setzen Sie sich vor den größten Spiegel, den Sie haben, stellen Sie sich die Aufgabe wie oben beschrieben („Schildern Sie doch einfach einmal …“) und lassen Sie irgendeine Art von Tonband mitlaufen. Dann schlafen Sie darüber und hören es sich am nächsten Tag kritisch an. Sie könnten überrascht sein – vielleicht sogar angenehm. Ich wünsche es Ihnen – und meinen Berufskollegen, die später in den Genuss Ihres Originalvortrages kommen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 123
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-07-19

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