Heiko Mell

Die Bewerber und die Elite

Antwort:

Ich habe nie ergründen können, wie andere Menschen Erkenntnisse von großer Tragweite gewinnen. Mir jedenfalls drängen sie sich – falls sie überhaupt ins Haus stehen – unvermittelt auf. Wie hier:Bewerber sind völlig zweifelsfrei Teile einer Elite. Hat doch jeder von ihnen seine heutige Position nur nach einem mehrstufigen Auswahlprozess errungen, bei dem er jeweils viele andere Mitbewerber hinter sich gelassen hatte. Und wer mit diesem Thema zu tun hat, weiß: So besonders lange ist jener letzte Auswahlprozess, bei dem sich jeder der heute auftretenden Kandidaten an die Spitze seines teilweise recht großen Feldes gesetzt hatte, noch gar nicht her: Die Leute wechseln ja eher zu oft als zu selten – damit ist der unsichtbare „Orden“, den jeder Positionsinhaber und auch jeder Bewerber trägt („ich wurde auserwählt“), noch ziemlich aktuell. Und bei internen Beförderungen gilt entsprechendes.Was nun kommt, tut mir in der Seele weh, muss aber sein. Es gipfelt in zwei Sätzen:

1. Bewerber gehören zur Elite.

 

2. Armes Deutschland.Dabei brauche ich nicht nur Bewerber, weil sonst mein Geschäft nicht läuft – ich mag sie auch. Jedenfalls die guten, die etwa 10 – 20 Prozent des jeweiligen Feldes ausmachen. Ich kann die zahlreichen Kandidaten aus meinen Vorstellungsgesprächen als Zeugen benennen für die sachlich-konstruktive Atmosphäre, um die ich mich – meist erfolgreich -dabei bemühe. Die Gespräche machen mir sogar viel Freude, wie ich gern einräume (und wie man mir hoffentlich immer noch anmerkt).

Aber der große Teil jener anderen bis etwa 80 – 90 Prozent? Die zumeist eine Position haben, die durchaus eindrucksvoll ist und die von einem Arbeitgeber kommen, der sich in vielen Fällen sehen lassen kann. Wir sprechen hier schließlich nur von Akademikern mit Karriereambitionen und überwiegend mit bereits vorhandenen Beförderungen im Lebenslauf.

Was geht vor in soliden Positionsinhabern, wenn sie zum Bewerber mutieren? Wie soll man ihr Auftreten am Telefon, ihre Gesprächsvorbereitung, ihre Leistungen bei der „Arbeitsprobe Bewerbung“, ihr Stolpern von einer Falle in die andere in der persönlichen Vorstellung, ihr taktisch höchst unkluges Verhalten, ihr offensichtliches Motto „Ich rede mich um Kopf und Kragen“ interpretieren?

Ich weiß es nicht. Da ich an die Konsequenz „armes Deutschland“ nicht glauben will, kann nur gelten: Die Leute sind gut in ihrem Job – nur überfordert, wenn sie als Bewerber auftreten sollen (wollen). Aber warum? Und ich schwöre, dass wir nichts Besonderes verlangen, was über gesunden Menschenverstand hinausgeht.

Gerade heute saß wieder jemand vor mir, dem ich sein eigenes Anschreiben vorhielt, in dem im entscheidenden Satz der Anfang in keiner erkennbaren Beziehung zum Schluss stand. Er war sichtlich schockiert und „hätte so etwas nicht für möglich gehalten“. Ich eigentlich auch nicht, da waren wir schon zwei.

Und wenn Sie mir nicht glauben, zeigen Sie den Artikel Ihrem Personalchef. Er wird sagen, ich untertriebe noch. Maßlos.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 120
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-06-14

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