Heiko Mell

„Kleider“ machen Aufsteiger

Antwort:

Also eigentlich machen Kleider Leute, wie Gottfried Keller so gegen 1870 geschrieben hat. Wer hätte nicht schon Gelegenheit gehabt, sich von der Treffsicherheit gerade dieses Ausspruches zu überzeugen. Also keine Sensation aus heutiger Sicht bis da hin.

Jetzt jedoch habe ich eine neue Variante erlebt – absolut passend zu unserem Thema. Da sagt in einem amerikanischen Spielfilm der Inhaber einer Werbeagentur zu einer Angestellten (sinngemäß): „Man kleidet sich nicht nach dem Job, den man hat, sondern nach dem, den man haben will.“

Was in etwa heißt (und im Film auch bedeutete): „Für das, was Sie sind, mag Ihr Outfit ja noch angehen – aber wenn Sie noch etwas werden wollen, müssen Sie vorher dem Standard der Zielebene entsprechen.“

Nun müssen Sie bloß noch „kleidet“ im übertragenen Sinne werten, als übergeordneten Begriff für Ausstrahlung, Persönlichkeit, Denken, Verhalten, Leistung – dann haben Sie nicht nur einen jener seltenen Bögen gespannt von Gottfried Keller zu einem modernen amerikanischen Drehbuchautor, Sie haben auch gleich ein wichtiges, häufig übersehenes Aufstiegsprinzip vor sich.

Der Sachbearbeiter wird nämlich nicht Abteilungsleiter (und dieser nicht entsprechend Geschäftsführer), wenn er sich darauf beschränkt, täglich die Rolle des braven Inhabers seiner derzeitigen Position zu geben, dabei vom Aufstieg zu träumen und auf das Wunder zu hoffen, man möge doch höheren Ortes seine schlummernden Talente erkennen. Seien Sie versichert: Man wird dieselben weder entdecken noch vermuten, man wird hingegen das typische Erscheinungsbild der heute eingenommenen Ebene sehen – und es dabei belassen.

Nein, dieser Beispiel-Sachbearbeiter (und jeder andere karriereinteressierte Positionsinhaber) muss lange vor einer möglichen Beförderung sein, ja auch aussehen, auftreten und arbeiten wie ein Abteilungsleiter über ihm. Denn nur dann werden die noch höher stehenden Entscheidungsträger irgendwann zu der Erkenntnis kommen, der Mitarbeiter passe, so wie er sich jetzt schon darstellt, recht gut hinein in die nächsthöhere Ebene. Der Aufstiegskandidat muss also Vorleistungen erbringen, bevor er auf Beförderung hoffen darf. Die Gruppe, in die er hinein will, muss ihn schon lange vorher als „einen von uns“ empfinden.

Und das, obwohl er noch längst nicht so bezahlt wird wie ein Abteilungsleiter. „Gebt mir den Job und das Geld eines Chefs, dann (erst) werde ich auch so sein wie ein solcher“ – daraus wird nichts. So manche schmerzlich vermisste Beförderung mag an diesem Prinzip gescheitert sein.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 112
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-27

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