Heiko Mell

Ich, Gott und allwissend, …

Antwort:

Zeugnisse sind – bei aller Problematik, die Gesetze und Rechtsprechung dort hineinbringen – in diesem Lande ein wichtiges Instrument bei der Bewerberauswahl. Das ist durchaus verständlich: Ein potenzieller neuer Arbeitgeber will ja nicht nur wissen, was ein Bewerber früher getan hat, sondern auch, wie er seine Aufgaben in den Augen des damaligen „Käufers“ der Arbeitskraft erledigt hat.

Auch bei einem konzerninternen Wechsel informiert sich der potenzielle neue Chef über das Urteil des alten, sei es durch Studium der Personalakte mit ihren diversen Bewertungen, sei es durch (telefonische) Direktauskunft. Nicht einmal bei simplen früheren Schulzeiten von Bewerbern begnügt sich ein Bewerbungsempfänger mit dem Wissen um Art und Namen der besuchten Institution – er will schon auch wissen, wie der Schüler dort „gearbeitet“ hat, zu welchen Urteilen seine dortigen „Chefs“ gekommen waren: Er will Noten sehen.

Gäbe es keine Zeugnisse, müssten wir bereit sein, Bewerber noch stärker „auf Verdacht“ einzustellen als heute – und brauchten zum Ausgleich ein Arbeitsrecht, das uns ein viel problemloseres Feuern von Angestellten erlaubt (erst alles zusammen ergibt ein System, ein Baustein wie „Abschaffung der Zeugnisse“ allein funktioniert nicht!).

Aber bei aller Wertschätzung dieser Dokumente muss doch gesagt werden, dass sie einen fundamentalen Systemfehler enthalten. Sehen Sie, was steht in einem solchen Zeugnis (es darf ja leider nur Gutes sein, notfalls geschickt zurückhaltend ausgedrückt)? Es heißt dort:“Er IST …“ (beispielsweise fachlich brillant, kreativ, durchsetzungsfähig, um gute Arbeit bemüht, bei Mitarbeitern beliebter als bei Vorgesetzten). Wobei diese Gegenwartsform nur in Zwischenzeugnissen steht, während die Aussagen in Endzeugnissen in die Vergangenheitsform gesetzt werden.

Das aber ändert nichts am dogmatischen Anspruch: „Er IST“ beansprucht eine absolute Wahrheit der Aussage, die so gar nicht zu verantworten ist. Woher will denn der „irrende“ Mensch, der hier formuliert hat, eigentlich wissen, wie der Mitarbeiter nach scheinbar absoluten Maßstäben einzustufen IST?

Von der Sache her angemessen wäre vielleicht folgende Formulierung: „Sein Vorgesetzter, Dipl.-Ingenieur TU, 38, und Abteilungsleiter im zweiten Dienstjahr, hielt ihn für …/stufte ihn ein als … Zur besseren Einschätzung informieren wir den Leser darüber, dass dieser Vorgesetzte selbst z. B. nur eine mittlere Gesamtwertung in seiner Beurteilung erreicht, so dass Irrtümer in seinen Aussagen über Mitarbeiter keinesfalls ausgeschlossen sind.“

Dabei dürfte dann – endlich – auch Negatives im Zeugnis stehen, wie in Schul- und Studiendokumenten auch.Übrigens ist der Teil des Zeugnisses, in dem von der Zufriedenheit des Arbeitgebers die Rede ist, in der heutigen Form durchaus korrekt. Jede Form von „zufrieden“ ist individuell und relativ, ist persönliche Aussage und keinesfalls der Versuch, absolute Wahrheiten mit Unfehlbarkeitsanspruch zu verkünden. Auch „wir bedauern sein Ausscheiden“ ist richtig ausgedrückt – es ist klar als vom Gefühl des Vorgesetzten geprägt erkennbar.

Nun glaube ich keinesfalls, dass obiger Formulierungsvorschlag sich so einfach durchsetzt. Dazu ist das Thema zu komplex. Aber es kann nicht schaden, wenn formulierende Vorgesetzte und Personalspezialisten sich immer wieder einmal vor Augen halten: Er IST nicht, Sie HALTEN ihn bloß für. Was durchaus nicht dasselbe sein muss.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 111
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-13

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