Heiko Mell

Kilo, Kilo und die Physik im Lehrplan

Vielen Dank für die kurzweilige Antwort zur Frage mit dem „Kilo“. Ich bin aber, ehrlich gesagt, etwas enttäuscht von Ihnen. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie eine Ingenieurausbildung genossen und sollten somit wissen, daß die Einheit „Kilogramm“ die physikalische Größe Masse bewertet und nicht eine Kraft respektive ein Gewicht.

Letzteres wird durch die Einheiten Newton oder veraltet Pond beschrieben.

Ob nur wir Deutschen so schlampig mit der Sprache umgehen? Oder kann die Verwendung von falschem Vokabular an dem unzureichenden physikalischen Wissen liegen, das uns in der Schule vermittelt, richtiger: nicht vermittelt wird?

Mein Vater ist Physiklehrer und wohnt in Sachsen. Er kennt die Lehrpläne aus der früheren DDR, die auch ich erlebt habe, und die heutigen.

Wissen Sie vielleicht, warum die naturwissenschaftliche Ausbildung im bundesdeutschen Lehrplan eine solch geringe Rolle spielt? Mein Neffe z.B. erzählte mir, daß er Physik erst wieder in der 8. Klasse hat und jetzt in der 7. statt dessen etwas über Chemie erfährt ….

Antwort:

Also das Kilo: Ja, Sie und andere, die mir dazu schrieben haben natürlich recht.

Aber: Wenn ich in den Laden meiner bisher höchst zuvorkommend reagierenden Gemüsefrau gehe und „2 Kilonewton Kartoffeln“ bestelle, dann kommen Sie bitte zur Verstärkung mit. Ich kenne auch keinen lebenden Menschen, der im täglichen Leben sein Gewicht in Newton angibt.

Wie ich mit meinen Gedanken so weit gekommen bin, fällt mir etwas ein: Wo bekomme ich an meinem Büroschreibtisch, meilenweit entfernt von „Dubbels Handbuch des Maschinenbaus“, irgendwelche Informationen in die Hand, wie denn nun in unserem Land Gewichte üblicherweise (nicht zwangsläufig richtig) bezeichnet werden?

Bei meiner Suche fiel mir die Gewichtstabelle des Großunternehmens Post in die Hände. „Gramm (g)“ darf der Brief wiegen, steht dort, kein Zweifel, kein Newton.Na schön, dachte ich, vielleicht haben die dort keine Ingenieure oder Physiker. Aber der Staat, der müßte doch wissen, was man als Gewichtseinheit nimmt. Da ich z.Z. ein noch relativ neues Auto fahre, ist mein Fahrzeugschein (eines der weitverbreitetsten Behördenpapiere überhaupt) noch ebenso lesbar wie aktuell. Was wiegt denn nun mein Kfz? Die Antwort ist eindeutig: Kilogramm wiegt es (leer ebenso wie gesamt).

Nun bin ich beruhigt. Wenn die Allianz aus Gemüsefrau, Post und Staatsbehörde in g oder kg wiegt, dann werde ich das in Sachen Übergewicht weiterhin auch tun. Sonst versteht mich doch niemand, zumindest im allgemeinen Leben nicht. Schließlich schreibe ich auch für Kaufleute und kann nicht jedesmal die Dimension wechseln, wenn sich der vermutliche Leserkreis ändert.

Aber ich verspreche: Unmittelbar nach der Post und dem gewaltigen Behördenapparat steige ich um und werde dann mein Übergewicht in anderen Dimensionen angeben (ob es dann auch weniger wird?). Auf die Gemüsefrau warten wir lieber nicht ….

Verstehen Sie mich bitte nicht miß: Ich bin sehr für Korrektheit. Aber die Mehrheit des Volkes sollte schon verstehen, was ich an nichttechnischen allgemeingültigen Aussagen von mir gebe. Ist das nicht eine gute Ausrede?

Zum Ausgleich kann ich etwas anderes für Sie tun: Ich kann Ihnen sagen, wer die viel zu geringe Bedeutung „harter“ Schulfächer zu verantworten hat und warum man dieses Ziel verfolgte.

Das geht im wesentlichen auf Bildungstheoretiker und -praktiker einer bestimmten politischen Grundrichtung zurück. So wurde beispielsweise um 1968 gefordert: „Abitur für alle.“ Alle hieß alle. Jeder Hilfsarbeiter, jeder Ungelernte. Alle eben. Das wurde dann mehr und mehr zum Dogma, vertreten von den mehr und mehr in die Institutionen (vor allem die politischen) einsickernden Verfechter des „für alle“.

Bei der Realisierung ergab sich ein erstes kleines Problem: „Alle“ wollten gar nicht. Gibt es doch nicht nur Unterpriveligierte im Lande, denen „die Gesellschaft“ ihr natürliches Recht auf Bildung vorenthält, sondern auch Faule und Desinteressierte. Nun ja.

Blieb aber ein Rest von nennenswertem Ausmaß, der schon gewollt hätte. Schön, müßte man halt mehr Plätze an Gymnasien schaffen. Das ging ja noch. Aber dann zeigte sich, daß derjenige Anteil an einer Bevölkerung, der eine Elite-Schule durchsteht, nicht beliebig vergrößerbar ist. Die Quote der Begabten steigt nicht schon deshalb, weil man dies auf politischer Ebene fordert.

Nun hätte ein Praktiker eingesehen, daß die Idee nicht viel taugte, und sie zu den Akten gelegt. Aber es stand ein Dogma dahinter. Dogmatiker geben niemals auf. Aus „für alle“ wurde zwar zähneknirschend „für viele“, aber mehr als bisher sollten es schon sein.

Nun lassen Sie einmal „Abitur“ auf der Zunge zergehen. Was heißt das eigentlich, wie ist das definiert? Sehen Sie, niemand weiß das. Will heißen, das kann man frei entscheiden. Und das genau tat man. Die Schüler durften Deutsch und Mathematik sowie andere „bösartige“ Fächer abwählen. Damit mehr junge Menschen durchkamen, mußten die Anforderungen letztlich gesenkt werden. Wenn man mehr Sozialkunde anbietet und es dafür in Physik und anderen Naturwissenschaften „lockerer“ angehen läßt, dann wird das Ziel für viele leichter erreichbar. Das wurde dann in die Tat umgesetzt, Sie und ich sehen und beklagen das Resultat.

Und so bin ich zwar hoffnungslos reaktionär, weiß aber auch viele Lehrer hinter mir, wenn ich sage, daß man mit höheren Anforderungen einerseits (zu denen dann auch kompromißlos eine bestimmte naturwissenschaftliche Basis gehören müßte) und begabungsentsprechend weniger Schülern auf der Eliteschule andererseits insgesamt vermutlich mehr erreichen würde.

Nicht vergessen darf man, daß die seit Jahren ins Kraut geschossenen Anforderungen aus der Wirtschaft nach Bewerbern mit Abitur („keine Schornsteinfegerlehre ohne höchsten Bildungsabschluß“) nicht Ursache, sondern Wirkung dieser Inflation sind. Weil z.T. schon mehr als die Hälfte eines Jahrganges das Gymnasium besucht, sank das Niveau des verbleibenden Restes zwangsläufig. Denn man kann die Quoten zwar verschieben, die Kinder insgesamt aber nicht talentierter machen.

Bevor nun einige Leser ihr gutes Recht wahrnehmen und bitterböse Briefe schreiben, sollten sie eines wissen: Was immer mich bewegt, Bildungsarroganz der besitzenden Klasse kann es nicht sein. Ich habe schließlich gar kein Abitur. Auch gönne ich von Herzen jedem alles aber die wundersame Vermehrung der Fähigkeiten der Jugend eines Volkes darf den, der täglich mit Menschen umgeht, schon erstaunen. Und ich werde täglich mit den Ergebnissen der Bildungsinflation konfrontiert.

Das vielleicht als „Trost“ für Sie, lieber Einsender: Es trifft ja nicht nur die Naturwissenschaften. So schwor beispielsweise meine frühere Nachbarstochter nach bestandenem Abitur, während der gesamten Schulzeit niemals von Goethe gehört zu haben. Heute ist sie selbst Lehrerin. Ist die Welt nicht schön?

Aber keine Angst, wir werden es dem Wettbewerb auf dem Weltmarkt schon zeigen, werden wir es. Bloß was? Na, daran arbeiten wir noch.In zwei Bereichen möchte ich nicht mißverstanden werden:

1. Ich bin sehr für die Förderung begabter Kinder und Jugendlicher ohne Rücksicht auf das Elternhaus. Aber das hat weder etwas mit der wundersamen Vermehrung der geistigen Gaben eines Volkes noch mit einer Niveau-Senkung beim Ziel (die niemand bestreiten wird) zu tun. Man kann schlicht nicht die Hälfte eines Volkes zur „Elite“ erklären (ob man nun dieses Wort mag oder nicht, spielt dabei keine Rolle).

2. Dies ist die Meinung eines einzelnen Menschen, der hier seinen Namen nennt. Weder diese Zeitung noch der VDI oder sonst jemand identifizieren sich damit oder tragen die Verantwortung dafür.

Kurzantwort:

Hohe Anforderungen bei einer bestimmten Ausbildung und der Wunsch, einen besonders großen Teil der Bevölkerung daran teilhaben zu lassen, widersprechen sich. Das ist ein Naturgesetz.

Frage-Nr.: 1101
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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