Heiko Mell

Das Telefonschweiger-Duell

Antwort:

Nehmen Sie bloß kein Telefonbuch in die Hand. Warum nicht? Weil Telefonnummern drinstehen, weil die dazu sind, dass man sie anruft – und weil Sie das je nach Buch einige Jahre in Atem halten könnte.

Sie finden das albern, ich sehe es Ihnen an. Ich finde das auch, also sind wir schon zu zweit. Aber so viele andere finden es nicht – und rufen an, wenn sie eine Nummer sehen. Beispielsweise in einer Stellenanzeige. Und ganz besonders sind Anfänger betroffen. Wenn man nur wüsste, was man dagegen tun kann.

Sehen Sie, die jungen potenziellen Bewerber werden tatsächlich entsprechend aktiv, nur weil da eine Telefonnummer steht. Das gestehen sie auf Befragen sogar ein. Wobei sie diese Frage dadurch herausfordern, dass der Wählprozess offenbar ihre Energie zu 100 Prozent erschöpft hat.

Das geht so: „Mein Name ist Müller“, sagt der Anrufer. Ich habe mich vorher gemeldet und schweige erst einmal. Müller wird ja wissen, was er will. „Sie haben da inseriert“, sagt Müller schließlich. Ich weiß das, die Leute bei der Zeitung wissen das und ein paar hunderttausend flüchtige Leser wissen es inzwischen auch. Es ist noch nicht die Sensation an und für sich.

Damit es überhaupt weitergeht, sage ich ja, ich hätte (inseriert). Daraufhin schweigt Müller. Ich schließe mich an, schließlich ist das sein Anruf. Dann aber hat er die schwächeren Nerven im Duell der Schweiger. „Ich wollte Sie einmal anrufen“, sagt er. „Gut“, meine ich, „das haben Sie ja nun getan.“ Das Gespräch droht, intellektuell zu versanden. „Was kann ich denn für Sie tun?“, frage ich schließlich. Irgendwie muss es ja weitergehen. Näheres, quält Müller sich ab, würde er gern wissen zur ausgeschriebenen Position. Ich hatte so etwas fast befürchtet – und weise den darin schlummernden Verdacht von mir, meine Anzeigen müssten stets noch „interpretiert“ werden.

Irgendwann reicht es mir und ich frage präzise: „Warum rufen Sie überhaupt an?“ Das führt dann immer wieder zu einem schönen Effekt: „Weil da eine Telefonnummer steht, da dachte ich, man sollte anrufen.“

Ja. Oder nein, was weiß ich. Wie gesagt, hoffentlich liest er nicht das Telefonbuch.

Also: Wenn Inserenten unbedingt und ohne dass der potenzielle Bewerber konkreten(!) Klärungsbedarf hat, angerufen werden wollen, dann sagen sie es ausdrücklich in ihrer Anzeige. Die anderen sagen mit dem Abdruck der Nummer nur, wo man anrufen könnte, wenn es denn unbedingt sein müsste(!). Jeder hat Verständnis für eine klare, präzise Frage. Wer aber anruft und einen anderen damit vom Arbeiten fernhält (außer dieser ist Call-Center-Agent, was mich immer irgendwie an Jerry Cotton erinnert), der lege sich vorher ein Konzept zurecht. Denn es ist „seine Party“ – er muss wissen, was er eigentlich will.

Und: Man hört unmittelbar an der Art der Gesprächseröffnung, ob jemand Berufserfahrung hat. Zwar weiß auch der Erfahrene oft nicht, was er eigentlich will – aber er verbirgt das irgendwie besser.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 110
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-07

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