Heiko Mell

„Weil ich dort viel lernen kann“

Antwort:

Der Berufseinsteiger ist aus der Sicht der Praxis „blutiger“ Anfänger – ein „Greenhorn“, wie man im Wilden Westen gesagt hätte. Er kann halt nichts – oder doch?

Schließlich haben wir, die anderen Bürger dieses Landes, heftig Steuern gezahlt, damit der heutige Einsteiger in den letzten etwa zwanzig Jahren (Schule, Sonstiges, Studium) manches hat lernen dürfen. Irgendetwas wird doch dabei herausgekommen sein, was ihn „praxisverwendungsfähig“ macht. Sollte man denken – sollte eigentlich auch der Einsteiger selbst denken.

Denkt er aber eher nicht: „Weil ich hier besonders viel lernen kann“, sagt er gern als Antwort auf die Frage, warum er sich gerade um diese Position bewerbe. Das ist aus seiner Sicht ja auch beinahe verständlich – nach jenen zwanzig Jahren des Lernens und der Ausbildung denkt man „automatisch“ so weiter.

Aber es gibt ja auch noch die Sicht der anderen Seite, die des potenziellen Arbeitgebers. Konkret: die Sicht desjenigen, der vom ersten Beschäftigungstag an viel Geld für den jungen Einsteiger zahlen soll. Und der künftige Arbeitgeber freut sich durchaus über demonstrierte weitere Lernbereitschaft – würde aber auch ganz gern etwas hören über die konkreten Gegenleistungen, die er nun bekäme. Gegenleistungen für das Gehalt (plus erhebliche Sozialkosten plus Arbeitsplatzkosten plus plus plus) und für die Kosten des Anlernens, das jetzt noch einmal fällig wird, trotz jener zwanzig Jahre gerade absolvierter Lernzeit.

Machen wir uns einen Grundsatz zu eigen, der in modernen Marketingstrategien ebenso enthalten ist wie er im Bewusstsein „uralter“ phönizischer Kaufleute verankert war: Wer anderen etwas verkaufen will – der Berufseinsteiger will seine Arbeitskraft gegen Geld an den Mann bringen -, muss seinem „Kunden“ sagen oder demonstrieren, wo für den(!) der Nutzen in diesem Geschäft steckt. Überzeugt er damit, kommt es zum Kauf, sonst eher nicht.

Also sollte die Begeisterung des Anfängers gerade für diesen Job nicht so furchtbar ausschließlich mit dem Vorteil begründet werden, den er daraus zu ziehen gedenkt. Sondern der Einsteiger sollte vorrangig formulieren, was er gerade hier in diese Anstellung einbringen kann. Das können erste fachliche Berührungspunkte mit dem Thema aus Studienschwerpunkten, Praktika oder Diplomarbeiten sein, das kann aber auch auf besonders ausgeprägten Eigenschaften und Fähigkeiten beruhen, die er sich zuschreibt oder zutraut.

Und nur keine Angst: Das Unternehmen weiß schon, dass der junge Einsteiger jetzt auch lernen muss. Dieses „Müssen“ ist überhaupt der Schlüssel zum Ganzen, jedenfalls aus Arbeitgebersicht: Der Anfänger muss bereit sein, sich an die neue, ungewohnte Berufswelt anzupassen, sich einzufügen. Aber es sollte nicht die einzige Begründung seiner Begeisterung gerade für diesen Job sein, dass er dort fortführen kann, was er die letzten zwanzig Jahre gemacht hat – nämlich lernen, ausgebildet werden, Seminare besuchen. Denn bezahlt wird er eher fürs Tun.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 109
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-30

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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