Heiko Mell

„Unterschiedliche Auffassungen“

Antwort:

Ein Mensch, der nicht tut, was ihm gesagt ward, kann ein ehrenwerter sein. Muss nicht, kann aber, keine Frage. Das Problem ist man bloß: Kennen Sie (oder lesen Sie gar öfter) Anforderungsprofile, z. B. in Stellenanzeigen, in denen irgendjemand zwischen „ehrenwert“ und „aufrechtem Charakter“, am besten noch mit „unbeugsamem Wesen“ gesucht wird? Sehen Sie, ich kenne auch nicht. Soweit die Ausgangslage.

Nun gibt es leitende Leute, die schreiben in ihren Bewerbungen, sie seien wegen „unterschiedlicher Auffassungen“ über oder wegen „Differenzen“ im Hinblick auf die Unternehmenspolitik ausgeschieden. Teils steht es sogar in ihren Zeugnissen, teils sagen sie es, als seien sie auch noch stolz darauf. Ich weiß nicht, ob das angebracht ist.

Was wird von einer Führungskraft erwartet? Mit dem ihr unterstellten Apparat, unter Einsatz der ihr anvertrauten Mittel setzt sie Vorgaben um. Eine Vorgabe kann sein, bestimmte definierte Ziele zu erreichen oder für bestimmte Probleme überzeugende Lösungskonzepte zu entwickeln und diese nach Zustimmung – dann wieder als Vorgabe – umzusetzen.Es steht nirgends, dass dies nur gilt, wenn der Chef richtig handelt oder auch nur vernünftig! Wenn er eine Fehlbesetzung ist, hat das Unternehmen Pech gehabt.

Was ist nun mit einem Manager, der sich verweigert hat, der nicht damit zufrieden war, abweichende eigene Vorstellungen nur vorzutragen – sondern der lieber allergrößten Ärger riskierte, als Vorstellungen umzusetzen, die mit seinen nicht übereinstimmten? Und dem das so wichtig war, dass er es in Bewerbungen so ausdrückt oder der das in seinem Zeugnis so ausdrücken lässt? (Und der mit seinen abweichenden Ideen ja auch nicht überzeugen konnte?)

Er könnte Recht gehabt haben, durchaus. Aber er wird das niemals unter Beweis stellen können. Wobei jemand, der Bewerbungen liest, stets mehr in den Maßstäben der vorgesetzten Ebene denkt als in denen, aus der ein Bewerber kommt. „Dieser Mensch hat in einer Organisation wie der unter mir nicht funktioniert“, ist alles, was der Bewerbungsempfänger sicher weiß. Der Rest sind Zweifel – und die werden zwar bei Gericht zu Gunsten von Angeklagten, im Bewerbungsfall aber zu Lasten von Kandidaten gewertet. Und der Bewerbungsleser weiß nicht, wo die Toleranzgrenzen des Menschen liegen, der wegen „unterschiedlicher Auffassungen“ ausschied. Ist der extrem empfindlich oder verweigert der sich nur, wenn es wirklich brennt? Auch da wieder Zweifel, auch da wieder deren kritische Bewertung.

Ach ja, nicht zuletzt gilt: „Wegen unterschiedlicher Auffassungen“ steht nur in Dokumenten, wenn das Ausscheiden auf Initiative der Arbeitgeberseite erfolgte. Was ohnehin zu vermeiden ist, wenn man „abhängig beschäftigt“ werden will. Also ist die Formulierung der Beweis für einen Doppelfehler!

Was man nun tut, wenn die Differenzen wirklich unüberwindlich werden? Man sucht rechtzeitig den Wechsel – und scheidet ohne Krach „auf eigenen Wunsch“ aus des alten Arbeitgebers Diensten. Der bedauert das dann artig – und spätere Bewerbungsempfänger haben zwar keine Sicherheit, aber auch keinen Anlass zu Zweifeln. Oder kürzer: Das Recht zu „Differenzen“ haben eher gleichberechtigte Partner als untergeordnete abhängig Beschäftigte. Ehrenwert allerdings könnten beide sein – siehe oben. Aber dafür zahlt kaum jemand etwas.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 108
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-22

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