Wie schnell hätten Sie’s denn gern?

Antwort:

Man darf Bewerber nicht zu lange warten lassen – was ja irgendwo auch verständlich ist.

Zunächst einmal vertrauen sie weder Post noch Internet – kommt keine Eingangsbestätigung, wird sofort reklamiert. Kommentar des Profis bis dahin: Die Bestätigung ist eigentlich überflüssig, Briefe sind oft etwas unpünktlich, gehen aber letztlich praktisch nie verloren. E-Mail-Bewerbungen im qualifizierten Bereich taugen meist ohnehin nichts, darauf sollte man besser ganz verzichten. Aber dennoch: Wer als Bewerbungsempfänger auf sich hält, schickt Eingangsbestätigungen. Wobei mir einfällt: Das Finanzamt schickt bei Einkommensteuererklärungen keine. Wie habe ich das bisher nur durchgestanden?

Aber das alles ist nichts gegenüber dem Aufruhr, den jemand mit blitzschnellen Entscheidungen über erhaltene Bewerbungen hervorrufen kann. Eigentlich gilt das nur für blitzartig kommende negative Bescheide – die sind irgendwie schlimm. Positive schnelle Nachrichten (Einladungen zum Gespräch) hingegen sind toll. Versteht das jemand?

Immer wieder berichten Bewerber in Gesprächen, sie hätten da und dort Bewerbungen hingeschickt und drei Tage später („überlegen Sie mal, drei Tage“) die Unterlagen nebst Absage wieder in Händen gehabt. Man spürt förmlich, wie es die Betroffenen drängt, „eine Unverschämtheit“ hinzuzufügen. Warum bloß?

Zum Verfahren: Etwa 90 % der Bewerbungen sind ohnehin weniger interessant, ihre Absender bekommen sowieso eine Absage. Der Rest – bis auf den eingestellten Kandidaten – später auch. Also ist der Empfang einer negativen Entscheidung keine subtile Form von Hochverrat oder Beleidigung, sondern der statistische Normalfall. Mit dem zu rechnen war.Zum Tempo: Vorliegende Bewerbungen werden gelesen und dabei sofort nach „interessant“ (10 %) und „ungeeignet“ (jene 90 %) unterschieden. Vielleicht stellt man aus einigen Unterlagen aus jeder Gruppe noch eine „Reserve-Kategorie“ zusammen, in die man so etwa 15 % hineingibt, welche man eigentlich doch nie mehr anschaut, aber man fühlt sich besser dabei.

Bleiben 75 % für die Gruppe „ungeeignet“. Seien Sie versichert: Dort kommt man nach einmaliger schneller Durchsicht hinein; diese Unterlagen liest garantiert nie wieder jemand – auch dort nicht, wo sie vier oder sechs Wochen liegen bleiben. Die kann man also ebenso gut sofort zurücksenden. Eigentlich würde man den Absendern sogar Orientierungshilfe geben oder es ihnen ermöglichen, sich in einem anderen Bewerbungsfall schneller entscheiden zu können. Aber man macht sie wütend.

Also lautet die Kurzformel für Ungeübte in dem Geschäft (auf Unternehmensseite): Bewerber sind schwierig; eine schnelle gute Nachricht hinterlässt einen Super-Eindruck; ein schneller schlechter Bescheid erzeugt hingegen Wurt. Oder: Der Bewerber findet es gut, wenn Bewerbungsempfänger schnell arbeiten. Aber nur, wenn sie ihn dabei positiv bewerten. Mögen sie seine Qualifikation hingegen nicht, sollen sie lieber so lange für die Nachricht brauchen wie das Finanzamt für eine Rückerstattung zuviel gezahlter Steuern.

Weshalb Profis Bewerbungen zwar gelegentlich kurz nach dem Eingang lesen und bewerten, aber negativ zu bescheidende danach zwei Wochen liegen lassen. Wenn das Bewerber glücklich macht, tut man es gern …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 107
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-15

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