Heiko Mell

Lächerliche 5 %!

Antwort:

Nehmen wir an, Sie wären fünfundzwanzig, in der Endphase Ihres Studiums oder schon junger Ingenieur. Möchten Sie dann gern etwas Berufsrelevantes lesen so über die Zeit um 1962? Vermutlich könnte ich Sie kaum mehr langweilen als damit. „Unvergleichbar mit heute, ganz anderes technisches – wirtschaftliches – politisches – gesellschaftliches Umfeld, völlig andere Standards damals ohne Bedeutung für uns heute, alles hat sich total gewandelt“, wären Ihre Argumente. Und Sie hätten Recht damit!

Das Problem ist man bloß, dass Sie bis etwa 2042 arbeiten müssen. Und in diesen vierzig Jahren wird sich mindestens so viel verändern wie in den vier Jahrzehnten, die hinter uns liegen. Eher mehr, seien Sie dessen versichert.Was also gerade heute Ihr Denken und Handeln prägt, wird nur für einen kurzen Zeitraum Bestand haben, dann haben wir irgendeine „neue Situation“. Sind wir uns soweit einig?

Derzeit nun gilt: Berufseinsteiger bekommen ohne allzu großen Aufwand eine Position. Der schnell gezogene Schluss der Betroffenen: Was also soll das ganze Getue um einzuhaltende Regeln, langfristige Planung, sorgfältige Entscheidungsabwägung oder auch um die Mitarbeit in Organisationen und Vereinen (in denen man u. a. Kontakte zu erfahrenen Mitgliedern knüpft, die wiederum hilfreich sein könnten beim Gestalten des Werdeganges)? Es geht doch auch so!

Es geht tatsächlich. Aber ich weiß, wie lange das anhält: im Durchschnitt zwei Jahre in der ersten Anstellung. Dann scheinen der Chef unmöglich, die Aufgabe langweilig und das Umfeld unerträglich zu sein. Dann muss etwas geschehen – und das Heil wird im Arbeitgeberwechsel gesucht. Aber dann sind die eigenen Ansprüche an die nächste Position höher, die der potenziellen neuen Arbeitgeber an solche Bewerber auch; die erste Position ist unauslöschlich eingebrannt in den Lebenslauf, was den Spielraum für weitere Experimente oder radikale Neuanfänge deutlich einengt; dann muss so langsam die Grundlage für die erste Beförderung gelegt werden, die in Kürze fällig, aber schwerer zu erringen ist als ein interessant klingender Anfängerjob. Und die Marktsituation hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit gewandelt: Ein Unternehmen, das heute über Schwächen im berufsrelevanten Bereich des Lebenslaufs hinwegsieht, um überhaupt an Personal zu kommen, wird plötzlich wieder wählerisch.

Also in Kürze sind Sie dann doch konfrontiert mit einer Wirklichkeit, in der selektiert wird, in der Regeln zu beachten und Grenzen nicht ungestraft zu missachten sind. In zwei, spätestens aber in vier oder in sechs Jahren unterliegen Sie härteren Maßstäben als gerade heute beim – zufällig – problemarmen Einstieg. Und vielleicht rächt sich dann schon, was Sie am Beginn Ihres Weges versäumten.

„Jetzt droht der mir schon mit der Zukunft“, könnten Sie sagen. Und wieder hätten Sie Recht. Denn selbst, wenn derzeit ein unbeschwerter Start winkt, hält diese Phase für Sie höchstens zwei Jahre an. Das sind von den Ihnen bevorstehenden vierzig Jahren nur lächerliche 5 %. Um die völlig unbeschwert zu genießen, lohnt es nicht, leichtsinnig zu sein und Risiken einzugehen – indem Sie unterstellen, das Ignorieren von Regeln bliebe „straffrei“ bis 2042.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 102
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-01-31

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