Heiko Mell

Mit „gespaltener Zunge“ reden?

Antwort:

1. „Wie halten Sie es mit der Teamarbeit?“, fragt der Personalchef im Vorstellungsgespräch. Das, so der Bewerber, sei das Höchste überhaupt und für ihn die absolut bevorzugte Art zu arbeiten. Darin sei er stark. Kaum, dass er sich anderes auch nur vorstellen könne.

Dieses Ritual muss sein. Und es ist nicht auf diesen einen Begriff beschränkt, sondern gilt ebenso für diverse andere „moderne“ Formen des innerbetrieblichen Zusammenlebens. Dabei haben, um bei diesem Beispiel zu bleiben, schon die von mir so geliebten mammutjagenden Neandertaler im Team gewirkt – wie wollten sie sonst einen solchen Fleischberg erlegen und zerwirken? Aber sie hatten einen argen Nachteil, die Leutchen damals: Sie wussten noch nicht, dass sie ein Team waren, die Aufwertung dieser Selbstverständlichkeit blieb der Neuzeit vorbehalten. Na lassen wir das.

Wenn unser Bewerber dann tätig ist im neuen Job – in seinem so „bevorzugten“ Team -, dann allerdings ist er aufgerufen, mehr zu tun als still vor sich hin zu arbeiten. Falls er am beruflichen Fortkommen interessiert ist. Ein kurzes, schnelles Nachdenken zeigt ihm, dass noch nie ein Team zum Abteilungsleiter befördert wurde. Wohl jedoch einzelne Mitglieder. Also beschließt er (heimlich), auch so ein einzelnes Mitglied zu sein. Und sich bei seiner Arbeit zu profilieren, für eine Beförderung zu qualifizieren und anzubieten. Wobei es falsch wäre zu behaupten, das ginge stets zu Lasten der anderen Mitglieder. Oder gar der „Sache“. Letzteres ist einfach: Um die Sache geht es so gut wie nie oder immer nur vordergründig.

 

2. Nehmen Sie einen neu über das Unternehmen hereinbrechenden höchsten Chef, der eine völlig andere Politik fährt, damit alles über den Haufen wirft, was gestern noch Maßstab war – und dabei totale Gefolgschaft verlangt. Letztere bekommt er selbstverständlich auch, in jedem Fall verbal und offiziell. „Nebenbei“ gilt es jedoch für so manchen unterstellten ambitionierten Manager und Nachwuchskandidaten, so geschickt zu operieren, dass man noch „lebt“, wenn dieser neue Chef eines Tag den Weg gehen wird, den schon der frühere gegangen war. Wobei gilt: allzu „lahme“ Parteigänger vernichtet der jeweils „aktuelle“ Boss, allzu überengagierte eliminiert dann der nächste. Auch hier kann es zur Überlebensstrategie gehören, „schwarz“ zu sagen und „weiß“ dabei nicht aus den Augen zu verlieren, vorsichtig gesagt. Taktik ist der halbe Sieg. Strategie bringt die andere Hälfte, gute Sacharbeit ist das Mittel zum Zweck, hilft allein aber nicht weiter.

Ich schreibe über Beispiele dieser Art nicht besonders gern und sehe natürlich auch den desillusionierenden Charakter, den sie auf unbefangene Gemüter ausüben können. Aber erstens ist „Karriere“ ohnehin nichts für unbefangene Gemüter, zweitens bleibt in der Praxis auf Dauer kein Raum für aus der Kindheit mitgeschleppte Illusionen. Und drittens sehe ich täglich fachlich fähige, gut ausgebildete Menschen, die hilflos zwischen den Minenfeldern herumstolpern, die es nun leider überall gibt. Weil dies keine Welt ist, in der man stets sagen sollte, was man denkt.

Der Unterschied: „Minenfelder?“, fragt entsetzt der Anfänger und fragt sich, ob die Welt vielleicht doch schlechter sei als angenommen. „Klar. Wo?“, kommentiert hingegen der Erfahrene den Hinweis. Dieses Stadium gilt es zu erreichen. Ich helfe dabei, so gut ich es kann.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 101
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-01-25

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