Heiko Mell

Zurück auf Anfang?

Frage:

Ich bin Anfang 30, Master, habe ca. sechs Jahre in einem Mittelstands‧unternehmen als Konstrukteur und Projektleiter gearbeitet und bin seit gut einem Jahr bei meinem zweiten (auch mittelständischen) Unternehmen als Projektleiter tätig.

Aktuell wird bei uns ein groß angelegtes Strukturprojekt (geplant für drei bis fünf Jahre) vorangetrieben. Die Gesamtprojektleitung auf Abteilungsleiterebene soll ein heute als Gruppenleiter tätiger Mitarbeiter übernehmen. Er hat einschlägige Erfahrungen aus früheren Tätigkeiten.

Nun hat mir mein vorgesetzter Abteilungsleiter, der weiterhin mein Chef bliebe, die Stelle jenes zur Beförderung anstehenden Gruppenleiters angeboten. Da ich hier erst seit relativ kurzer Zeit beschäftigt bin, frage ich mich, ob ich das Angebot annehmen soll.

Offiziell wird diese Stelle als Vertretung des bisherigen Stelleninhabers ausgeschrieben. Für den Fall, dass das Großprojekt eingestellt wird, würden der heutige Gruppenleiter und ich in unsere alten Ebenen zurückfallen und auf die Ausgangsstellen zurückkehren.

  1. Mich reizt die Chance, ich habe aber Bedenken wegen meiner kurzen Zeit hier.
  2. Andererseits kann ich den Beförderungsvorschlag nicht gut ablehnen.
  3. Wenn das Projekt erfolgreich beendet wird, wird der heutige Gruppenleiter sehr wahrscheinlich eine andere Abteilungsleiterstelle bekommen (er wird bereits intern gefördert).
  4. Wie wird so ein „Ausflug“ von mir später bewertet (in- wie extern), falls nach dem Ende des Projekts keine Abteilungsleiterstelle für den heutigen Gruppenleiter frei wird und wir beide „auf Anfang zurück“ gehen müssen?
  5. Wenn ich nicht zum „Führen“ geeignet bin, kann ich nach Abschluss des Projekts wieder in meinen alten Bereich und die alte Funktion zurück. Dann läuft die ja offiziell nur als „Vertretung“ deklarierte neue Funktion eben einfach aus – oder?

Antwort:

Niemand kann wissen, wie das Experiment ausgeht, aber es gibt wahrscheinliche Abläufe:

Was mir am wenigsten gefällt, ist Ihre Variante „Für den Fall, dass das Großprojekt eingestellt wird“ – niemand bewegt und erreicht etwas, wenn er sich dauernd mit dieser Möglichkeit beschäftigen muss. Gehen Sie davon aus, dass eine vernünftige Unternehmensleitung „auf Sieg setzt“ und weiß, was sie da tut. Vergessen Sie diese unschöne Möglichkeit einfach, sie lähmt Ihre Gedanken. Ihr Großprojekt kann scheitern, das gehört dazu, aber mit der Einstellung aus sonstigen Gründen sollten Sie nicht rechnen. Haken wir das also einfach ab. Wir diskutieren ja auch nicht die Gefahren, die dem Projekt durch den Tod des Projektleiters oder den Abgang der heutigen Geschäftsleitung drohen könnten. Ohne einen gewissen Grundoptimismus geht überhaupt nie etwas voran. Alle „Sieger“ in der Menschheitsgeschichte haben etwas riskiert – was auch hätte schiefgehen können.

Übrigens hat Ihnen Ihr Abteilungsleiter gar nicht „die Stelle jenes … Gruppenleiters“ angeboten, sondern nur dessen irgendwie zeitlich begrenzte Vertretung. Das ist ein Unterschied. Positiv dabei: Der neue Job wäre recht niedrig aufgehängt – bei einem Scheitern hätten Sie nur eine relativ geringe „Fallhöhe“ abzufedern.

Zu Ihren Fragen:

Zu 1.: Diese Bedenken können Sie vergessen. Üblich wäre es durchaus, dass ein Kandidat ganz neu von außen kommt und sofort „richtiger“ Nachfolger eines Gruppenleiters wird. Der hätte dann vorher überhaupt keine hausinternen Erfahrungen gesammelt. Wenn Sie überhaupt jemals zum Gruppenleiter taugen, dann reichen Ihre etwa sieben Jahre Berufserfahrung absolut aus. Neun wären auch nicht besser.

Zu 2.: Das stimmt. Oft ist eine solche Ablehnung das Ende aller weiteren Beförderungsträume.

Übrigens: Ihr Chef bietet Ihnen nicht etwa jenen Job an, um etwas für Sie zu tun! Er hat ein personelles Loch, das er stopfen muss – und Sie sind der Stopfen. Er wäre Ihr alter und neuer Chef, er hält Sie für geeignet, er ist erfahrener als Sie, er will den Erfolg dieser Lösung – das sind alles gewichtige positive Argumente. Vergessen Sie nicht: Er ist bereit, das Risiko mit Ihnen (keine Führungserfahrung, höchstens zu vermutendes Führungspotenzial) einzugehen. Wer sind Sie, dass Sie seinem Plan widersprechen möchten? Sie wissen doch: Chefs haben immer recht!

Zu 3.: Aber ja! Bei erfolgreichem Projektverlauf gewinnen alle Beteiligten. Wie sagt man: Der Sieg hat viele Väter. Darüber würde ich mir keine Sorgen machen. Der erfolgreiche Leiter des Großprojekts im Range eines Abteilungsleiters würde dann seine alte Funktion auch nicht mehr zurückhaben wollen, diese „Schuhe“ wären ihm dann einige Nummern zu klein.

Zu 4.: Die Ausgangslage für diese Frage muss deutlicher benannt werden mit „Falls das Projekt scheitert“. Dann staubt es gewaltig, Schuldige werden gesucht (und gefunden), so etwas kann bis hinauf in die Unternehmensleitung zum Köpferollen führen.

Diese Situation wäre der GAU, sie ist nicht planbar und bringt diverse Katastrophen mit sich. Beschäftigen Sie sich damit überhaupt nicht – das Großprojekt darf nicht scheitern. Punkt. (Es kann aber dennoch scheitern, Komma, das macht das Leben so spannend.)

Also mit dem Großprojekt hätten Sie ja gar nichts zu tun, sein eventuelles Scheitern würde Sie nur mittelbar belasten. Falls der entsprechende Projektleiter das überhaupt „überleben“ würde (höchst ungewiss), rutschte er auf seinen alten Platz zurück – und brauchte dort keinen Stellvertreter mehr, Sie rutschten ebenfalls retour.

Intern wäre das etwas unschön, aber relativ harmlos. Jeder wüsste dann: Sie wurden Opfer unbeeinflussbarer Umstände. Extern wäre es möglich, die Gruppenleiter-Zwischenphase tief zu hängen, dann ist auch hier die Fallhöhe gering: Sie würden im Lebenslauf schreiben und auf eine entsprechende Zeugnisformulierung achten: „von … bis … interimistische (oder kommissarische) Stellvertretung des Gruppenleiters während dessen zeitlich befristeter Übernahme der Leitung eines Großprojekts; planmäßige Rückkehr in die frühere Funktion nach Projektende“. Das akzeptieren auch Bewerbungsempfänger.

Wenn Sie auch nur ein bisschen ehrgeizig sind, sollten Sie danach in- oder extern nach einer richtigen Gruppenleiterposition streben. Das würde jeder verstehen. Sie hätten dann quasi „Blut geleckt“.

Zu 5.: Aufstieg ist immer mit der völlig offenen Frage verbunden, ob man auf der nächsten Stufe der Leiter den Anforderungen noch gerecht wird. Eine endgültige Sicherheit in dieser Frage gibt es nicht.

Das gilt in allen Lebensbereichen. Auch ein Politiker ist irgendwann erstmals Minister oder Kanzler oder Kreisvorsitzender seiner Partei. Da muss er durch. Selbst ein Serienautor hat irgendwann „aus dem Nichts heraus“ seine erste Serie geschrieben.

Bescheidenheit ehrt Sie, eventuelle Selbstzweifel jedoch würden Ihnen nur Probleme bereiten und Sie lähmen. Ohne ein gesundes Selbstbewusstsein funktioniert Aufstieg nicht. Vertrauen Sie vor allem auch dem Urteilsvermögen Ihres heutigen und künftigen Chefs – der übernimmt mit Ihrer Ernennung ein größeres Risiko als Sie (er kann, da er höher steht, auch tiefer fallen).

Wenn Sie diese Chance (aber es ist halt eine mit „Haken und Ösen“) ausschlagen oder in jener Funktion als stellvertretender Gruppenleiter scheitern, dann können Sie alle weiteren Aufstiegspläne gleich begraben.

Sehen Sie es so: Geschäftsführer zu sein, das „kann“ eine sehr kleine Elite im unteren einstelligen Prozentbereich aller entsprechend vorgebildeten Angestellten; Abteilungsleiter „kann“ eine kleinere Elite im unteren zweistelligen Prozentbereich; stellvertretender Gruppenleiter auf Zeit „kann“ nahezu jeder hochqualifizierte, erfahrene Sachbearbeiter – wenn er das will. Die „richtige“ Führung fängt erst mit der disziplinarischen Personalverantwortung an, meist also beim Abteilungsleiter.

Und: Niemand hat je Vorzeigbares erreicht, ohne auf dem Weg dorthin Risiken einzugehen. „Nur nicht ängstlich“, sprach der Hahn zum Regenwurm – und fraß ihn. Viel Glück, es wird schon werden!

in eigener Sache

Beratung gesucht

Frage:

Ich bin langjähriges Mitglied des VDI und wende mich an Sie in der Hoffnung auf hilfreiche Informationen zur Karriereplanung.

Direkt nach meinen Maschinenbaustudium an der …-Universität bin ich bei meinem heutigen Unternehmen eingetreten, das auf additive Fertigungstechnologien (wie etwa 3-D-Druck; H. Mell) spezialisiert ist.

Nach mehreren Jahren Berufserfahrung bin ich inzwischen als Senior-Projektmanager und auch im Vertrieb für die größten nationalen und internationalen Kunden – weltweite Hersteller aus der Branche XY – tätig. Jetzt möchte ich mich gerne neuen Aufgaben stellen und mich beruflich verändern.

Nach meiner Recherche in einschlägigen Jobportalen ist mir aufgefallen, dass dies im Bereich der additiven Fertigung gar nicht so einfach ist.

Haben Sie beim VDI eine konkrete Anlaufstelle mit Karriereberatern oder können Sie mir einen solchen Berater empfehlen, mit dem man sich gerne auch persönlich austauschen kann? Gerne würde ich auch meine Bewerbungsunterlagen von einem Experten sichten lassen, um ein kritisches Feedback zu erhalten, die Unterlagen zu optimieren und eine Strategie zu entwickeln. Konkret suche ich eine Stelle mit spannenden Aufgaben im Bereich der additiven Fertigung mit Entwicklungspotenzial in X-Stadt und Umgebung.

Antwort:

Ich nutze die Chance, um immer wieder einmal auch für andere interessierte Leser Klarheit zu schaffen:

Sie haben sich an die Adresse dieser Serie „Karriereberatung“ in den VDI nachrichten gewandt. Diese Rubrik steht allen Lesern dieser Zeitung offen, eine Mitgliedschaft im VDI ist dafür nicht erforderlich.

Diese Serie wird im Auftrag dieser Zeitung als Service für ihre Leser seit vielen Jahren von einem externen Autor gestaltet (Heiko Mell), der über langjährige Beratungserfahrungen auf diesem Gebiet verfügt, aber nicht im Auftrag des VDI tätig ist und auch nicht für den Verein sprechen kann.

Soweit ich das überblicke, haben Sie im angesprochenen Gesamtzusammenhang folgende Möglichkeiten:

  1. Sie können uns hier Ihr Problem schildern, dann haben Sie die Chance, in dieser Rubrik der VDI nachrichten eine Antwort zu bekommen. Die Darstellung Ihres Problems und Ihrer Person erfolgt anonym, es werden keine Namen genannt. Da wir aber mehr Fragen bekommen als Platz für Antworten vorhanden ist, müssen wir uns eine Auswahl der zu bearbeitenden Einsendungen vorbehalten. Eine direkte Beratung (schriftlich oder persönlich) ohne Abdruck in den VDI nachrichten ist nicht möglich – es geht hier ausschließlich um die Gestaltung einer entsprechenden Rubrik in dieser Zeitung. Dafür ist dieser Service kostenlos für die Leser. Das funktioniert hervorragend, wir haben inzwischen über 3000 Fälle ausführlich diskutiert.
  2. Auf den diversen regionalen Recruiting-Tagen bieten die VDI nachrichten ebenfalls diverse kostenlose Beratungsleistungen in Karrierefragen an.
  3. Wie Sie ebenfalls dieser Zeitung entnehmen können, bietet der VDI für seine Mitglieder eine Karriereberatung an. Einzelheiten sehen Sie unter www.vdi.de/netzwerke-aktivitaeten/karriereberatung.

Um – siehe unter 1. – diese Serie ansprechend und vernünftig gestalten zu können, braucht dieser externe Autor sehr viel Erfahrung und den ständigen Kontakt zur praktischen Arbeit als Karriereberater. Er nun bietet privaten Kunden seit mehr als 30 Jahren ein breites Spektrum solcher Leistungen an; aus jener Praxis ist diese Serie überhaupt entstanden. Unter dem Foto des Autors in jeder Folge steht die Adresse seiner Homepage, auf der alle Details enthalten sind. Diese individuellen Leistungen, die nichts mit dieser Zeitung oder dem VDI zu tun haben, sind honorarpflichtig. So wie die Arbeit von Rechtsanwälten, Ärzten, Steuerberatern etc.

Nun können Sie wählen. Kurz zu Ihrem Anliegen, damit Sie den Ansatz einer möglichen Problemlösung sehen: Sie sind auf ein sehr enges Fachgebiet spezialisiert, dem Sie auch treu bleiben möchten. Besser zur Karrieregestaltung würde z.B. das Ziel passen: „Ich bin heute im Automotive-Bereich als Projektmanager für komplexe Fertigungsanlagen tätig und suche den Weg zum Entwicklungs- (oder Produktions- oder Vertriebs) Leiter im Automotive-Bereich. Ich strebe ins gehobene Management, die angewandte Fertigungstechnologie ist für mich nicht entscheidend.“

Zusätzlich zum sehr engen Fachgebiet engen Sie die Suche noch ein durch Fixierung auf eine einzige mittelgroße Stadt. Das wird in dieser Kombination nicht funktionieren. Dann soll die Aufgabe auch „spannend“ sein. Schließlich erwarten Sie von der sehr speziellen Position auch noch Potenzial für Ihre weitere Karriere. Das alles ist ein bisschen viel. Der Karriereberater, den Sie suchen, hat das vor sich, was wir „ein weites Feld“ nennen (wenn er jünger ist, mag er es „spannend“ nennen).

Frage-Nr.: 3.048 und 3.049
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-12-06

Von Heiko Mell

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