Heiko Mell

Zum Thema „Frauenquote“

Frage 1: Seit zehn Jahren bin ich Mitglied beim VDI und beziehe die VDI nachrichten. Mein Mann und ich lesen jede Woche mit Begeisterung diese Fachzeitung.

Leider ist mir das Lesen nie in Ruhe und mit Konzentration möglich, denn zwei kleine Kinder werden wie magisch von so einem Vorgehen angezogen und bereits beim ersten Abschnitt schreit‘s mehrere Male „Maama“. So habe ich mit Interesse und dennoch nur mit halber Konzentration den Beitrag „Frauenquote: Stabilbaukasten vs. Puppenstube?“ gelesen. Hier meine Antwort, und ich bin sicher, meine Diplom-Ingenieur- und Master-Genossinnen pflichten mir bei:
Weder eine Frauenquote noch irgendein Girls‘ Day werden bewirken, dass gleichviele Frauen wie Männer in Führungspositionen, Vorständen, im Bundestag etc. sitzen werden. Denn die top ausgebildeten und somit fähigen Frauen sind schon vorhanden und in die Arbeitswelt integriert.

Antwort/1: Nur ein ganz kleiner Einschub: Eine Top-Ausbildung befähigt nicht (!) automatisch („somit“) zur Übernahme von Führungspositionen, weder bei Frauen noch bei Männern. Sie ist eine wichtige Basis, aber den Ausschlag gibt die Persönlichkeit. Es gibt Einser-Absolventen mit Auszeichnung, deren Ausstrahlung meilenweit von den Anforderungen entfernt ist, die hier gestellt werden müssen. Aufstieg setzt stets entsprechendes Wollen, Können und die Bereitschaft voraus, die geltenden Regeln zu akzeptieren. Es hapert – bei Frauen ebenso wie bei Männern – tatsächlich oft an mehreren dieser Kriterien.

Frage/2:
Nur leider haben die Kolleginnen und ich keine weiteren Ressourcen frei, um die benannten Positionen einzunehmen. Warum? Die Gesellschaft weist auch den Ingenieurinnen weiterhin eine Rolle zu, die augenscheinlich von der Natur so vorgegeben wird. Wer erledigt zum allergrößten Teil die anfallenden Arbeiten an den Kindern, in der Familie und im Haushalt? Das sind die bestens ausgebildeten Ingenieurinnen.

Wer opfert seine Vollzeitstelle zum größten Teil der Familie und geht ein Teilzeitverhältnis ein? Die Frauen. Wer verlässt den geraden Weg zur Karriere im Lebenslauf zugunsten der Kinder? Die Ingenieurinnen.

Sie widmen sich der Kinderbetreuung, während die Väter zur gleichen Zeit Führungspositionen einnehmen. Und kommen die Mütter in den Betrieb zurück, lässt sich in der Regel nicht nahtlos an Geleistetes anknüpfen. Dann schließt sich rasch das Zeitfenster für die Karriere und weitere Punkte verhindern die Bemühungen um anspruchsvolle Positionen.

Es mag sein, dass es in Großstädten wie München und Berlin ein erträgliches, jedoch teures Angebot an Kinderbetreuungsplätzen und Haushaltshilfen gibt. Aber das enorme Stadt-Land-Gefälle ist doch offensichtlich und Ingenieurinnen leben nicht nur in der Großstadt.

Und das Problem ist sogar gesetzlich verankert. Bei der bestehenden Verpflichtung, den Betreuungsbedarf jährlich abzufragen und somit die Öffnungszeiten von Kitas etc. jährlich anzupassen (in meinem Fall wurde die Öffnungszeit von 17 auf 16 Uhr verkürzt), dürfte kein Mann und keine Frau mit gutem Gewissen einen Arbeitsvertrag unterschreiben, zu dessen Erfüllung man diese Kita benötigt. Warum ist eine jährliche Anpassung nötig? Einen Handyvertrag geht man ja auch für mehrere Jahre ein, und er verlängert sich bei Nichtkündigung. Warum gilt der gesetzlich festgeschriebene Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren nur von 8 bis 16 Uhr?

Die Kinder kommen in die Schule und haben viele Ferientage. Warum gibt es keine Förderung für Ferien‧betreuungsplätze oder gar eine Verpflichtung für alle Städte und Kommunen, solche Plätze anzubieten? Wer bleibt hauptsächlich beim kranken Kind zuhause? Wer verzichtet als erste auf Weiterbildung zugunsten der Familie? Warum unterliegt das Elterngeld einer Progression? Warum werden gut verdienende Frauen hier bestraft? Wie überflüssig ist da die Frauenquote!

Die Gesellschaft muss die Frauen in Führungspositionen wirklich wollen und die Gleichberechtigung nicht nur vorgaukeln. Ändert endlich die Gesellschaft – dann würde ein riesiges Potenzial von qualifizierten, intelligenten, motivierten und strebsamen Ingenieurinnen frei, die viele Positionen im Führungsbereich einnehmen würden, und niemand bräuchte mehr eine Quote!

Antwort/2:
Ein engagierter Beitrag, dessen Kernaussage auch ich nur zustimmen kann. Ich habe übrigens hier schon vor Jahren geschrieben: Gebt den jungen Familien genau die Kinderbetreuung, die sie brauchen. Dann habt ihr genug Frauen in Führungspositionen – und ihr löst vermutlich sogar noch das demografische Problem. Wir sind ein reiches Land. Wenn man sieht, wofür hier überall Geld ausgegeben wird, das uns jeweils nur bedingt weiterbringt …

Service für Querleser: Das (Berufs-)Leben ist Kampf. In der beruflichen Jugend und im mittleren Alter gilt dieser dem Erringen individueller Ziele. Über 50 geht der Kampf uneingeschränkt weiter, er gilt jetzt aber der Sicherung des Erreichten. Und er ist nicht weniger anspruchsvoll als der um Fortkommen und Aufstieg.

Frage-Nr.: 3.059
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-21-02

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

Top Stellenangebote

HTW Berlin-Firmenlogo
HTW Berlin Stiftungsprofessur (W2) Fachgebiet Industrielle Sensorik und Predictive Maintenance 4.0 Berlin
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Lehrbeauftragter (m/w/d) Mosbach
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Professur für Mechatronik (m/w/d) Mosbach
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professur (W2) Network Communication Cham
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professur (W2) Technologien und Prozesse in der Additiven Fertigung Cham
THD - Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
THD - Technische Hochschule Deggendorf Professur (W2) Energieinformatik Deggendorf
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) Produktionstechnik - Produktionssysteme Nürnberg
Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
Technische Hochschule Deggendorf Professor (d/m/w) Network Communication Deggendorf
Technische Hochschule Deggendorf-Firmenlogo
Technische Hochschule Deggendorf Professor (d/m/w) Technologien und Prozesse in der Additiven Fertigung Deggendorf
Hochschule München-Firmenlogo
Hochschule München W2-Professur für Mathematische Methoden und Grundlagen (m/w/d) München
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.