Heiko Mell

Zeitoffizier: späte Chance nach frühem Studium?

Frage:

Ich bin Soldat der Bundeswehr in der Offizierslaufbahn und stehe kurz vor dem Abschluss meines Master-Studiums in Luft- und Raumfahrttechnik. Anschließend werde ich noch mindestens zehn Jahre als Soldat dienen, bevor ich dann mit diesem Studium eine vermutlich industrielle Tätigkeit suchen werde.

Ein arbeitsuchender Ingenieur, der seit seinem Studienabschluss vor zehn Jahren keine einschlägige Tätigkeit ausgeübt hat, ist für die meisten Arbeitgeber auf den ersten Blick natürlich nicht sonderlich interessant. Wir müssen daher mit Führungserfahrung und einem breiten Horizont überzeugen. Dies wird sinnvollerweise durch ein Zweitstudium und/oder Fortbildungen ergänzt.

Was für Fortbildungsmaßnahmen würden Sie mir während meiner Dienstzeit empfehlen, um mich bereits vor dem zivilen Berufseinstieg in eine gute Ausgangssituation zu bringen? Halten Sie es eher für sinnvoll, die technische Expertise aufzufrischen/zu vertiefen oder sollte ich mich (zum Beispiel durch ein Fernstudium in BWL) anderweitig fortbilden?

(Bitte veröffentlichen Sie meinen Namen nicht.)

Antwort:

Diese Serie, die vermutlich deutlich älter ist als Sie, veröffentlicht seit Beginn keine Namen von Einsendern und auch nicht von Unternehmen, bei denen jemand beschäftigt ist oder war. Ich hätte routinemäßig auch den Namen Ihres Arbeitgebers verändert, habe das aber wegen seiner absoluten Alleinstellung auf dem deutschen Arbeitsmarkt unterlassen, es wäre nur lächerlich.

Ihre Frage ist absolut berechtigt, die Thematik ist sehr komplex. Ich selbst habe nie gedient (durch Gesetz befreit), bin aber an militärischen Fragen immer interessiert und auch sonst von permanenter Neugier getrieben.

Vorab drei spezielle Aspekte, mit denen Sie rechnen müssen:

  1. Früher hatten sehr viele der damals ohnehin meist männlichen Entscheidungsträger in der Industrie einst selbst ihren Wehrdienst geleistet und/oder waren Väter wehrpflichtiger Söhne. Diese Manager verfügten über ein Minimum an Grundwissen über militärische Strukturen, Ränge sowie Dienststellungen und hatten ein Mindestmaß an Vorstellungen darüber, was einen Hauptmann d. R. in der Regel ausmacht oder auszeichnet.  Heute ist das Wissen „ziviler“ (das Wort kennen wir, verwenden es aber mangels eines Bedarfs nie; bei der Gelegenheit: Das Wort „Verwendung“ gibt es in der Industrie auch nicht – an seinem Gebrauch erkennt man stets den Ex-Offizier) Entscheidungsträger über auch nur einfachste militärische Zusammenhänge weitgehend minimal bis nicht vorhanden. Das erleichtert Ihren späteren beruflichen Zweiteinstieg nicht gerade.
  1. „Heute in zehn Jahren“ – dazwischen liegt in unserem Metier eine nicht einmal für vage Spekulationen jeglicher Art zugängliche Zeitspanne. Konkret: Niemand ahnt auch nur, was dann sein wird. Floriert die Konjunktur, ist die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt extrem hoch und das Angebot so dramatisch niedrig, dass die Arbeitgeber jeden nur denkbaren Kompromiss bei der Einstellung schließen? Oder ist es umgekehrt, die Unternehmen haben Einstellstopp und entlassen Mitarbeiter? Beispiel: 1993 fuhren frisch promovierte Ingenieure aus Verzweiflung Taxi, relativ kurz danach wurde „Ingenieurmangel“ das neue Schlagwort (aber das ahnten die promovierten Taxifahrer noch nicht). Das bedeutet: Da niemand die Lage in Ihrem Zielgebiet zum Zeitpunkt Ihres Systemwechsels (es ist einer!) kennt oder auch nur ahnt, bleiben enorme Unwägbarkeiten.
  2. Der Name und das Image des aktuellen Arbeitgebers sind ein wesentlicher Teil der Qualifikation eines Bewerbers. Welches Bild sich der „zivile“ Arbeitsmarkt von der Bundeswehr in zehn Jahren macht, ist völlig offen. Das hängt auch davon ab, wie der „Laden funktioniert“ (heute ist das Image eher schlecht, wenn man an nicht fliegende Flugzeuge und anderes „totes“ technisches Gerät denkt) – und wer uns dann regiert und wie diejenigen dann zu dieser speziellen Laufbahn stehen, ist auch völlig offen. Auf dieser höchst unsicheren Basis zum Kern:

Ihre Überlegungen sind völlig richtig, Ihre Bedenken sind berechtigt. Zehn Jahre später gilt Ihr reines Studienwissen als veraltet. Das ist es natürlich auch bei Mitarbeitern in der Industrie – wird aber mehr als ausgeglichen durch eine passende Tätigkeit, die täglich wieder neue fachlich relevante Erfahrungen und spezifisches Wissen vermittelt.

Das bedeutet für Sie: Ideal wäre ein fachlicher „roter Faden“ vom Studienschwerpunkt über die Tätigkeit der nächsten zehn Jahre hin zu einer Industrieposition. Als – willkürliches und laienhaft konstruiertes – Beispiel: Studium der Luft- und Raumfahrt, Bundeswehr-Tätigkeit in der Instandsetzung von Flugzeugen, späteres Ziel: Instandsetzung/Wartung von Passagierflugzeugen einer zivilen Fluggesellschaft.

Ideale sind selten, deshalb vorsichtshalber auch ein eher negatives Extrem: Studium der Luft- und Raumfahrt, Einsatz bei der Bundeswehr als Vorgesetzter ständig größer werdender Gruppen von Panzergrenadieren, späteres Ziel: Entwicklung/Konstruktion von Flugzeugen oder Raumstationen. Ich sage nicht, dass so etwas bei der Bundeswehr überhaupt vorkommt, aber erfahrungsgemäß sind große Organisationen zu allem fähig.

Bewegt sich Ihre Laufbahn in der Nähe des Ideals, könnten Sie Ihre spätere (mit Abschluss so kurz vor dem Systemwechsel wie möglich) Fort- und Weiterbildung auf Themen konzentrieren, die mit Blickrichtung „freie Wirtschaft“ das Studium sinnvoll ergänzen wie z. B. (die Aufzählung ist absolut nicht vollständig) Projektmanagement, SAP-Einsatz, Elektronik in Sensorsystemen o. Ä. m. Lesen Sie vorher unbedingt Stellenanzeigen für Industrie-Ingenieure; dort sehen Sie, was dort erwartet wird, wo Sie hinwollen.

Im Falle meines negativen Extrembeispiels wäre Ihr Erststudium als Fachbasis „weg“ bzw. veraltet. Lebenslang bliebe Ihnen zwar eine „technische Basis“ oder ein „vertieftes technisches Verständnis“, aber für den endgültigen beruflichen Einsatz im zivilen Bereich müssten Sie sich praktisch fachlich neu qualifizieren. Beispielsweise durch ein von Ihnen selbst angesprochenes Zweitstudium in BWL, am besten auch wieder mit Masterabschluss (Sie wären dann aber mehr Dipl.-Kfm. als –Ing.). Aber auch ein dem früheren Studium ähnliches technisches Zweitstudium, das Ihnen dann aktuelle Kenntnisse etwa in Informatik, Mechatronik oder Maschinenbau bescheinigt, käme in Frage.

Theoretisch wäre sogar ein aufgefrischter Master in Ihrer alten Fachrichtung denkbar. Aber gesehen habe ich das noch nie, ich weiß auch nicht, ob so etwas angeboten wird – und wie man sich dabei fühlt. Nur Ihr Verdacht, in zehn Jahren könnten Sie in ein anderes berufliches System nicht einfach auf der Basis eines ggf. ziemlich veralteten Studienwissens einsteigen, ist völlig berechtigt.

Noch zwei Hinweise fallen mir ein: Viele ehemalige Zeitoffiziere suchen – und finden – gezielt ihren späteren Weg in der Rüstungsindustrie. Auch dafür aber wird nicht jede denkbare Bundeswehrlaufbahn als Empfehlung gelten.

Stets gilt: Ein solcher Systemwechsel, wie Sie ihn dann in zehn Jahren zwangsläufig anstreben, ist möglich, aber oft mit Anlaufschwierigkeiten verbunden. Es geht dabei nicht nur um Fakten, sondern sehr stark auch um Vorurteile. Aber vertrauen Sie darauf: Qualität setzt sich (meist) irgendwann durch

Ein Denkmodell, das zu hohe Erwartungen dämpfen und Verständnis für die „andere Seite“ wecken soll, das aber selbst von mir als gewagt empfunden wird (aber erlaubt sein muss): Am 1. April 2020 bewirbt sich Dipl.-Ing. Max Müller, 35, ungedient und heute Produktionsleiter eines Industriebetriebes, Chef von 120 Mitarbeitern, führungsstark und selbstbewusst, bei der Bundeswehr und fordert Rang, Dienststellung sowie Uniform eines Hauptmanns und Kommandeurs einer entsprechend großen Truppeneinheit. Irgendwie fürchte ich, dass daraus nichts wird. Aber müsste so etwas nicht eigentlich nach beiden Seiten hin möglich sein?

Frage-Nr.: 3.001
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-03-29

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Von Heiko Mell

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