Heiko Mell

Unsicher in diversen Details

Frage 1:

Zunächst einmal vielen Dank für Ihre Arbeit im Bereich der Karriereberatung!

Nach dem Abitur (1,8) habe ich ein duales Studium im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen erfolgreich abgeschlossen (Bachelor; 2,2). Eine Anstellung im Unternehmen war aufgrund der wirtschaftlichen Situation nicht möglich. Ich schied mit sehr gutem Arbeitszeugnis aus.

Im Anschluss daran habe ich im gleichen Fachgebiet ein Masterstudium begonnen und kurz darauf bei meinem aktuellen Arbeitgeber als Werkstudent angefangen. Nach erfolgreichem Abschluss als Master (2,2) vor ca. einem Jahr wurde ich dort als IT-Projektleiter eingestellt, entsprechende Aufgaben hatte ich dort teilweise schon als Werkstudent übernommen.

Jetzt ist es mir gelungen, eine Anstellung als IT-Projektleiter bei einem DAX-Konzern zu erhalten. Die naheliegende Frage nach dem Warum des Wechsels konnte ich glaubhaft beantworten (fehlende Möglichkeiten der Weiterentwicklung, Rahmenbedingungen für erfolgreiche Projektumsetzung nicht gegeben, Strategie der Geschäftsführung nicht erkennbar). Entsprechend Ihren Empfehlungen strebe ich in diesem Konzern nun eine längere Zugehörigkeit an.

Antwort 1:

Die Absicht (längere Dienstzeit) ist löblich. Sie sind aber auch zu einem längeren Verbleib „verdammt“. Zwar haben Sie für die kurze Zeit beim Partner-Unternehmen Ihres dualen Studiums eine gute Ausrede – aber im Lebenslauf ist erst einmal nur zu sehen, dass man Sie dort nicht übernommen hat. Dann kommt die „gemischte Phase“ als Werkstudent und Projektleiter, wobei der Werkstudent generell weniger „zählt“ und die „richtige“ Anstellung dort nur etwa ein Jahr gedauert hat. Für den immerhin möglichen Fall, dass Ihr nun gefundener neuer Arbeitgeber Sie demnächst entlässt, haben Sie dann außer großen Hoffnungen und drei kurzen Dienstzeiten wenig zu bieten.

Aber natürlich bewerte auch ich die Chancen dort erst einmal höher als die Risiken. In den nächsten Jahren dürfte das Klima auf dem Arbeitsmarkt jedoch wieder etwas rauer werden, seien Sie immerhin gewarnt.

Weniger gut gefällt mir die von Ihnen gegebene Begründung für den jetzigen Wechsel. Sie haben dort Ihren heutigen Arbeitgeber ganz schön in die Pfanne gehauen – und sich als „Fast-noch-Student“ Maßstäbe und Urteile angemaßt, die doch in den Ohren kritischer Entscheidungsträger ziemlich vermessen klingen. Ein Berufsanfänger im ersten Beschäftigungsjahr gilt nicht als kompetent genug, um Strategien von Geschäftsführern zu beurteilen.

Nun, man hat Sie dennoch eingestellt, damit ist auch Ihre Argumentation scheinbar akzeptiert worden. Aber ich habe schon oft darauf hingewiesen: Derzeit werden überall IT-Projektleiter dringend gesucht. Und wenn die begehrten Bewerber knapp sind, schlucken die Unternehmen mögliche Bedenken hinunter, das Hemd ist ihnen näher als die Hose. Aber wenn sich die Verhältnisse auf dem Markt wieder ändern, kehrt man mit einem Schulterzucken zu den traditionellen Maßstäben zurück. Darauf will ich Sie vorbereiten.

Frage 2:

Meine Kündigung wurde von meinem aktuellen Arbeitgeber mit Bedauern, aber gut aufgenommen. Zu meinem direkten Vorgesetzten habe ich ein gutes Verhältnis.

Aufgrund der Unzuverlässigkeit der Personalabteilung in dieser Hinsicht hat er mir empfohlen, mein Zeugnis selbst anzufertigen.

Antwort 2:

Nachdem Sie schon die Geschäftsführung als unfähig erkannt haben, bekommt auch die nachgeordnete Personalabteilung ihr Fett weg. Auch hier rate ich pauschal zur Zurückhaltung (was immer auch Ihr Chef gesagt haben mag). In der Sache jedoch ist es durchaus üblich, Mitarbeiter an der Erstellung ihres Zeugnisses zu beteiligen. Nur „anfertigen“ können Sie Ihr Zeugnis nicht – es wäre dann gefälscht. Sie dürfen höchstens einen Entwurf erarbeiten, den das Unternehmen dann übernimmt oder abändert, auf Original-Briefbogen des Hauses überträgt, rechtswirksam unterschreibt und Ihnen aushändigt. Dann erst ist es ein Zeugnis.

Frage 3:

Da ich über meine studentische Tätigkeit dort kein Zwischenzeugnis habe, wird dieses Zeugnis meine gesamte Tätigkeit in diesem Unternehmen mit einschließen. Anbei finden Sie dazu meinen aktuellen Entwurf. Wie soll ich meine beiden Positionen und den Übergang am besten darstellen?

Ich habe außerdem das Problem, den genauen Zeitpunkt festzulegen, den ich für den Übergang angeben soll: Ich war bis zum Monat X eindeutig als Werkstudent angestellt. Ab X+1 Monat wurde mein Arbeitsverhältnis aufgrund meines hohen Stundenpensums auf eine „normale“ Tätigkeit umgestellt, allerdings ohne entsprechenden Vertrag (weil ich noch nicht mit dem Studium fertig war). Ab Studienende (X+3 Monate) habe ich dann immer wieder auf einen offiziellen Vertrag mit Stellenbeschreibung und entsprechendem Gehalt gepocht, habe den Vertrag dann aber erst zum Tag X+7 Monate bekommen (zehn Monate vor meinem Ausscheiden).

Da das Arbeitszeugnis fest definierte Zeiträume haben sollte, weiß ich nicht, wie ich dies am besten schreiben sollte. In meinen Bewerbungen habe ich den Beginn meiner „richtigen“ Angestelltentätigkeit als „fließend“ nach dem Studienabschluss angegeben. War das richtig? (Ja; H. Mell)

So ich dies auch offiziell so festhalten oder soll ich auf den Tag X als Beginn meiner Angestelltentätigkeit pochen, sodass ich etwas mehr Berufserfahrung habe?

Antwort 3:

Wie unsere älteren, berufserfahrenen Leser schon wissen, sind das alles absolute Bagatellprobleme. Die ganze Zeit jedoch überlege ich, ob mir nicht noch irgendeine epochale Weisheit einfällt, die ich Ihnen (und anderen, denn Sie werden nicht allein sein) nahebringen kann. Woraufhin Sie noch in zwanzig Jahren sagen könnten: „Das hat mir der alte Mell damals vermittelt, das habe ich nie vergessen.“ Etwas, das mir als Nachruhm bleibt, nach dem wir alle streben. „Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen“, sagt Goethe im Faust. Aber wenn ich mich recht erinnere, ging es dort um einen künftigen Generationen zu hinterlassenden Staudamm, ich tue es eine Nummer kleiner:

„Ap, Jun, Se, No“ – ich höre meinen alten, schon längst pensionierten, aber wieder reaktivierten Grundschullehrer immer wieder diese vier Silben hart formulieren und sich dabei mit dem Rohrstock (!) in die offene linke Hand klatschen. Und wer es danach immer noch nicht wusste, bekam einen Hieb auf die Finger.

„Ap, Jun, Se, No“ – das behält man sein Leben lang. Was stattdessen heute gelehrt wird, taugt offenbar nichts, denn Sie, geehrter Einsender nennen in Ihrem Zeugnisentwurf den „31.04.20xx“.

„Ap, Jun, Se, No“ – das steht für April, Juni, September, November. Die haben 30 Tage, der Rest hat 31, bis auf den Februar, der ist „verschieden“. Also gibt es Ihren 31.04. niemals, damit blamiert man sich ganz schön.

Abgesehen von dem zu lang geratenen April haben Sie das gut gelöst: „Herr …, geboren am …, war vom … bis zum … in unserem Unternehmen tätig. Im Rahmen seines Masterstudiums der Fachrichtung Wirtschaftsingenieurwesen war er zunächst als Werkstudent eingestellt und übernahm nach seinem Abschluss zum … (X+3) die Position des Projektleiters …-System.“

Das dient Ihren Interessen; wenn es so unterschrieben wird, ist alles gut. Jetzt könnte aber auch Ihre durch und durch unzuverlässige Personalabteilung merken, dass Sie sich die „richtige“ Angestelltentätigkeit ab dem Tage des Studiumabschlusses zuschreiben, was ja nicht stimmt. Also würde ich lieber schreiben: „… zunächst als Werkstudent eingestellt. Sein Studium schloss er zum …(X+3) erfolgreich ab. Danach übertrugen wir ihm die Position des Projektleiters …-System.“

Mein Vorschlag schreibt nur das unstrittige Datum Ihres Examens fest. Das Wort „danach“ ist zeitlich ziemlich offen, obwohl der Zeugnisleser natürlich denkt (!), es bezeichne den folgenden Tag.

Aber: Das alles sind unwichtige Kleinigkeiten. Ob Sie bei gleicher Gesamtbeschäftigungsdauer nun zehn oder 16 Monate innerhalb dieser Kombination „richtig“ angestellt waren, hat nach drei folgenden Konzernjahren jede Bedeutung verloren. Und falls Sie dort in der Probezeit wieder gehen müssten, ginge es hier auch nur um die Unterscheidung zwischen „sehr großer“ und „ganz großer“ Katastrophe in der Gesamtbetrachtung Ihres Werdeganges.

Frage 4:

Ist es sinnvoll, auf die Unterschrift (besser ist der Dativ, also „auf der Unterschrift“; H. Mell) des Geschäftsführers zu bestehen oder reicht auch die Unterschrift des (mir wohlgesonnenen) Produktionsleiters?

Antwort 4:

Zunächst einmal „besteht“ ein Angestellter mit weniger als einem Jahr vertraglich gesicherter Dienstzeit gegenüber einem Geschäftsführer besser nicht auf allzu vielen Forderungen. Bitten darf er allerdings schon.

Dann steht in Ihrem eigenen Zeugnisentwurf gar nichts über eine Unterstellung direkt unter den GF, also vermisst dessen Unterschrift auch absolut niemand. Ich würde auch den GF weder im Zeugnis noch sonst irgendwo erwähnen. Ihre berufliche Welt ist in Zukunft die eines DAX-Konzerns. In diesem sind Sie organisatorisch „Lichtjahre“ vom Vorstand entfernt, was für Ihr Berufsalter völlig normal ist. Also schreiben Sie auch über den heutigen Job besser ganz sachlich und erwähnen die Nähe zum dortigen „Olymp“ nicht. Dann gibt es auch keinen Grund, den GF um die Unterschrift zu bitten.

Generell gilt: Zeugnisse sind keine Aussagen von Personen, sondern von Unternehmen. Wer unterschrieben hat, ist eher unwichtig. Das Unternehmen muss sich darum kümmern, dass diese Dokumente rechtswirksam und im Rahmen seiner Unterschriftsregelung unterzeichnet werden. Üblich sind zwei Unterschriften, meist von einem Vertreter des Personalwesens und einem dazu berechtigten Manager der Fachabteilung.

Am Rande: Nur wer längere Zeit eng mit einer berühmten, weithin bekannten Persönlichkeit zusammengearbeitet hat, bemüht sich beim Ausscheiden gern um die Unterschrift dieses besonderen Chefs. Auch wissenschaftliche Mitarbeiter, die bei einem namhaften Professor promoviert haben, schmücken ihr Zeugnis gern mit dessen Unterschrift.

PS: Warum schreiben Sie in Ihrem eigenen Entwurf: „Zu seinen ihren Aufgaben …“? So weit sind wir noch nicht, noch darf ein Mann wie Sie im Zeugnis ein ganzer Mann sein …

Frage-Nr.: 2.999
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-03-22

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Von Heiko Mell

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