Heiko Mell

Ratschläge mit internationaler Universalität

Frage:

In Frage 3.057 schwärmt ein Leser vom guten Ruf der deutschen Ingenieure im Ausland. In Ihrer Antwort relativieren Sie diese Aussage als schwieriges Thema. Das sollten Sie m. E. noch viel stärker tun, damit es nicht, insbesondere bei jungen Ingenieuren, zu Übermut kommt.

Ich war in Japan und Singapur und kam mit höchstem Respekt vor den dortigen Ingenieurleistungen zurück. Und mit welch atemberaubendem Tempo China voranschreitet, wird ja fast täglich berichtet. Huawei, erst 1984 gegründet, ist heute ein weltweit führender Konzern der Telekommunikationstechnik. Was hat Deutschland auf diesem Gebiet (und vielen anderen auch) heute noch zu bieten?

Antwort:

Ihr Beitrag ist – unabhängig vom konkreten Firmenbeispiel, das ja offenbar wieder anderweitige Probleme einschließt – mehr als angebracht.

Ich sehe drei hier angesprochene Teilbereiche, die eng miteinander verzahnt sind und sich daher stark gegenseitig beeinflussen: 1. Die Frage nach dem gewollten technologischen Niveau, nach der technischen Leistungsfähigkeit hier im Lande. Wie hoch ist die Bereitschaft von Gesellschaft und Politik, diesen Bereich als „überlebenswichtig“ für uns einzustufen und nach Kräften zu fördern? Mit dem Ziel, einen international führenden Platz auf diesem Gebiet einzunehmen, auszubauen und zu halten.

Kurz: Wo will unser Land technologisch im internationalen Vergleich stehen?

  1. Die daraus abzuleitende Frage nach der fachlichen und persönlichen Qualifikation derjenigen Menschen, die für eine überzeugende Antwort auf Nr. 1 die konzeptionelle Basis liefern und deren überzeugende Umsetzung sicherstellen müssen. Wer das Ziel von Nr. 1 will, muss bereit sein, engagiert in Attraktivität und Qualität der Ingenieur-Ausbildung zu investieren.

Kurz: Wie „gut“ sollen/müssen unsere Ingenieure sein?

  1. Die Frage nach der inneren (umgangssprachlich „moralischen“) Einstellung der heranwachsenden Generation unserer Ingenieure zur Leistung, nach ihrem „Hunger“ auf einen vorderen Platz im internationalen Vergleich, nach der Bereitschaft, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen (es gibt einen Erfolg dieser Art niemals umsonst).

Kurz: Wie „belastbar“ ist die innere Haltung unserer jungen Ingenieure zur Leistung, zum Streben nach einem vorderen Platz im internationalen Wettbewerb, zum eigenen beruflichen Erfolg?

Das sind sehr komplexe Themen, wer sich als Einzelner damit zielführend auseinandersetzen will, stößt schnell an Grenzen. Also sortiere ich: Für Nr. 1 und Nr. 2 ist ein Autor der „Karriereberatung“ grundsätzlich nicht zuständig, nicht berufen und, von Randbereichen abgesehen, auch nicht kompetent. Hier obliegen Problemdefinition und Dringlichkeitsanalysen anderen Institutionen oder auch Personen.

Aber Nr. 3 ist mein ureigenes Feld. Und da mache ich mir durchaus Sorgen. So finde ich in Definitionen der „Generation Z“ (Jahrgang 1996 – 2010) Sätze wie: „Arbeit wird sehr intuitiv gesucht, und sie bleiben dort nur, solange sie durch diese Arbeit erfüllt werden. Viele denken über ihre eigene berufliche Zukunft gar nicht nach. Sie suchen nach flexiblen Arbeitszeiten und Home-Offices. Die Mehrheit bevorzugt eigene geschäftliche Aktivitäten gegenüber einer ‚abhängigen‘ Anstellung. Sie streben nach Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben. Sie haben kein Problem damit, die Arbeitsstelle oft zu wechseln.“

Dazu fällt mir weniger das eine schlagende Gegenargument ein als eher eine Anzahl einzelner Gesichtspunkte und Anregungen:

  1. a) Man kann so denken, das ist erlaubt. Wir müssen uns damit auseinandersetzen.
  2. b) Besonders hilfreich im Hinblick auf die Lösung der als Nr. 1 und Nr. 2 angesprochenen Punkte ist diese Haltung nicht. Sie hilft uns nicht im Wettbewerb mit den in diesem Beitrag angesprochenen Ländern und ihren Ingenieuren wie etwa Japan, Singapur und China.

Entweder wir vermitteln jenen Ländern ebenfalls eine Grundhaltung gemäß unserer „Generation Z“ oder wir verspielen unsere Zukunft – wenn wir das einfach hinnehmen.

  1. c) Grundhaltungen wie diese kommen und gehen, man nennt es „Zeitgeist“. Gegen das, was der jeweils beinhaltet, ist pauschal nicht leicht etwas auszurichten. Wer den Kampf dagegen aufnimmt, braucht Stehvermögen.
  2. d) Jeder von uns, der die umrissenen Ambitionen der „Generation Z“ nicht für zielführend hält, ist aufgerufen, mit überzeugenden Argumenten sowie durch eigenes Vorbild einen von Toleranz geprägten, aber konsequenten Gegendruck aufzubauen, um ein völliges Abgleiten unserer bisher so erfolgreichen Strukturen in die Beliebigkeit zu verhindern.

Als Hoffnungsschimmer: „Zeitgeist“ ist kein absoluter, endgültiger Wert, er ändert sich ständig (was Zeitgeist-Mitläufer meist nicht sehen; sie halten die jeweils neue Haupt-denkströmung für die Lösung schlechthin) – unser Land muss noch da und stark sein, wenn auch diese Welle eines Tages verebbt und für eine neue, noch „fortschrittlichere“ Platz macht.

  1. e) Die Unternehmen sind aufgerufen, dem Zeitgeist auch gegen die vielleicht bestehende innere Überzeugung des „alten“ Managements weitgehend dort entgegenzukommen, wo er nicht den Lebensnerv bedroht.

Beispiele: „Viele denken über ihre eigene berufliche Zukunft nicht nach“ – es ist klar, wie die Lebensläufe aussehen werden. Tolerieren wir sie etwas weitergehend als heute noch. „Sie suchen nach flexiblen Arbeitszeiten und Home-Offices“ – kommen wir ihnen ruhig entgegen, die Digitalisierung erweitert die Möglichkeiten dazu. „Sie haben kein Problem damit, die Arbeitsstelle oft zu wechseln“ – dann senken wir eben unsere Toleranzschwelle auch hier ein wenig.

Alles nicht etwa aus Freude am Nachgeben gegenüber einer von vielen neuen Wellen, sondern mit dem klaren, alles dominierenden Ziel, durch eindeutiges Bekenntnis zur Leistung unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und zu verbessern.

Das wird kein Zuckerschlecken, wer darauf anspringt, wird sich oft wie ein Rufer in der Wüste fühlen. Ich habe damit eine gewisse Erfahrung. Man braucht ganz sicher auch eine ziemliche Frustrationstoleranz.

Und zum Schluss noch eine Nachricht an die vielleicht schon hier lesende noch jüngere Generation: Wir tun es, wenn wir es tun, auch zu Ihrem Besten. Ich weiß, dass dieses Argument größte Schwierigkeiten hat, von zeitgeistberauschten jungen Leuten auch nur angehört zu werden. Aber zu hoffen ist erlaubt.

Frage-Nr.: 3.068
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-27-03

Von Heiko Mell

Top Stellenangebote

VDI Verlag GmbH-Firmenlogo
VDI Verlag GmbH Abteilungsleiter Herstellung (m/w/d) Düsseldorf
Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern Professur (W3) für "Nachrichtentechnik - Bildsignalverarbeitung" Kaiserslautern
Hochschule München University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule München University of Applied Sciences W2-Professur für Produktentwicklung und Flugzeugkonstruktion (m/w/d) München
Hochschule München University of Applied Sciences-Firmenlogo
Hochschule München University of Applied Sciences W2-Professur für Sachverständigenwesen und Fahrzeugaufbau (m/w/d) München
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W 2) (w/m/d) für das Fachgebiet Medizintechnik Bremen, Bremerhaven
Stadt Mönchengladbach-Firmenlogo
Stadt Mönchengladbach Projektleitung (m/w/d) Gebäudetechnik Mönchengladbach
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur (W2) "Werkstoffkunde, Fügetechnik" Ulm
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart W3-Professur "Systemverfahrenstechnik" Stuttgart
Hochschule Kaiserslautern-Firmenlogo
Hochschule Kaiserslautern Professur (W2) Apparatebau - Fertigungsverfahren in der Prozesstechnik Kaiserslautern
Hochschule Kaiserslautern-Firmenlogo
Hochschule Kaiserslautern Professur (W2) Embedded Systems und Digitaltechnik Kaiserslautern
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.