Heiko Mell

Masterabschluss und beruflicher Aufstieg in 3,5 Jahren?

Frage 1:

Vielen Dank für Ihre hilfreiche Karriereberatung. Leider bin ich erst vor einem Jahr auf Ihre Artikel gestoßen.

Nach meinem Maschinenbau-Studium (Bachelor) hatte ich bei einem kleinen mittelständischen Maschinenbau-Unternehmen im Bereich Projektierung/Anlagenkonstruktion angefangen. In Kooperation mit dieser Firma habe ich berufsbegleitend meinen Master gemacht. Nach ca. 2,5 Jahren bin ich zu meinem jetzigen, deutlich größeren Arbeitgeber gewechselt.

Antwort 1:

Da hat Ihr erster Arbeitgeber nicht viel Freude an der Unterstützung Ihres Master-Projekts gehabt! Kaum hatten Sie Ihre Urkunde, waren Sie auf und davon. Ich unterstelle, dass Sie sich korrekt im Rahmen Ihres Arbeitsvertrages bewegt haben, darum geht es hier nicht. Aber wie groß wird in diesem Unternehmen wohl die Begeisterung sein, wenn wieder ein junger Bachelor kommt und Unterstützung beim nebenberuflichen Master-Studium sucht?

Es ist leider so, dass fast jeder (!) Mitarbeiter, der nebenberuflich ein Zweit- oder Aufbaustudium absolviert (besonders gefürchtet ist in diesem Zusammenhang der MBA), am Tage der Urkundenüberreichung eine größere Verantwortung, den sofortigen Aufstieg oder etwas in der Art einfordert und bei Nichterfüllung seiner Wünsche kündigt. Im Hinblick auf den großen Aufwand, den das nebenberufliche Studium vom Mitarbeiter fordert, kann man das irgendwie sogar verstehen.

Für den Arbeitgeber jedoch ist und bleibt der Angestellte der „Mitarbeiter Hans Müller“, der auch nach Aushändigung seiner Master-Urkunde immer noch absolut derselbe Mensch wie vorher ist, mit all seinen Stärken und Schwächen. Dieses Unternehmen würde sich freuen, machte der Mitarbeiter erst einmal seinen Job weiter – jetzt mit erheblich größerer Effizienz (die albernste Art, das nur in einer gewissen Nähe zur deutschen Sprache auszudrücken, ist „er performt jetzt besser“): Es entfiele die Belastung durch das nebenberufliche Studium (mehr Zeit z. B. für Überstunden) – und der frischgebackene Master sollte ja tatsächlich irgendwie „mehr“ können als der bisherige Nur-Bachelor.

Dann hätte sich die Kooperation mit dem Angestellten gelohnt, der würde durch Superleistung überzeugen und nach nur ein bis zwei Jahren nahezu zwingend befördert werden (ich weiß, ich weiß: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – wie es in Märchen so schön heißt). Allerdings: Kleine Mittelständler haben oft auch dann keine Beförderungsmöglichkeiten, wenn ein Mitarbeiter den Aufstieg verdient hätte.

Es sind aber auch spätere Bewerbungsempfänger denkbar (inhabergeführte Mittelständler eher als Großkonzerne), die einem Kandidaten diesen hier vom Einsender gegangenen Weg übel nehmen. Sie schließen daraus: Dieser Bewerber tritt seine Förderer mit Füßen, mit Dank und Anerkennung für besondere Dienste ist bei diesem Menschen nicht zu rechnen.

Mir geht es hier nicht um Vorwürfe gegenüber dem Einsender, auch kennen wir die Details der Absprachen mit jenem Arbeitgeber nicht. Ich will aber die Gelegenheit nutzen, diesen Aspekt aus Arbeitgebersicht zu beleuchten – und Verständnis für solche Unternehmen zu wecken, die nach schlechten Erfahrungen spontan auf Abwehr schalten, wenn ein Bewerber mit der Absicht kommt, ein weiterführendes nebenberufliches Studium absolvieren zu wollen.

Als eine Art Ideallösung kann gelten, wenn im Zeugnis des Arbeitgebers steht: „Herr Müller hat mit unserer Förderung ein nebenberufliches Masterstudium absolviert. Er verlässt uns absprachegemäß auf eigenen Wunsch zum … mit dem erfolgreichen Abschluss dieses Vorhabens. Es bestand von Anfang an Klarheit darüber, dass wir Herrn Müller keine seiner neuen Qualifikation entsprechende Position würden bieten können. Wir bedauern, …, danken für seine sehr guten Leistungen und wünschen …“

Und dann kann es keinesfalls schaden, im Lebenslauf bei der Darstellung der Bachelor-Position kurz zu schreiben: „Mit dem Arbeitgeber, der mein nebenberufliches Studium zum Master gefördert hat, war abgesprochen, dass ich das Unternehmen nach erfolgreichem Masterexamen verlasse, da man mir keine dieser Qualifikation entsprechenden Aufgaben anbieten konnte.“

Oder man bleibt noch so ein bis drei Jahre dabei, dann gibt es keinerlei Bedenken späterer Bewerbungsempfänger.

Es geht natürlich auch anders. Aber: Wenn dann demnächst eine jener plötzlichen Katastrophen eintritt, könnten sich „offene Fragen“ addieren. Man weiß ja nie …

Frage 2:

Bei dem neuen größeren Arbeitgeber (über 5.000 MA) bin ich seit über einem Jahr als Projektleiter für die Realisierung von Anlagenprojekten mit einem Umfang von ca. 5 – 10 Mio. Euro zuständig. Soweit ist meine Karriere, wie ich sie mir vorgestellt habe, gut gelaufen.

Nun beschäftigt mich eine Frage: Aktuell ist eine Stelle als Gruppenleiter mit Personalverantwortung für ca. 100 Mitarbeiter in einer anderen Abteilung ausgeschrieben. Da ich auf Dauer an einer Position mit Personalführung interessiert bin, würde ich gern wissen, wie es von meinen Vorgesetzten gesehen wird, wenn ich mich um diese Stelle bewerbe (beim Gehalt gäbe es keinen nennenswerten Sprung).

Alternativ könnte es diese Chance geben: Der Gruppenleiter, der die Konstrukteure und die E-Technik leitet (er ist direkt meinem aktuellen Vorgesetzten zugeordnet), wird in spätestens vier Jahren in Rente gehen.

Was würden Sie mir empfehlen?

Antwort 2:

Ein Detail am Rande: Eine Gruppe mit 100 Mitarbeitern ist extrem groß. So etwas steht in der Praxis oft für ein eher von der Masse der Aufgaben als von höchstem fachlichen Anspruch geprägtes Zuständigkeitsgebiet. In Gegensatz dazu stehen die realistischen Größenordnungen der Gruppen, die Sie im vorletzten Absatz umschreiben. Wäre ich Psychologe (die Menschheit darf sich durchaus freuen, dass ihr das erspart blieb), würde ich aus der Nichtnennung des Fachgebietes bei jener Gruppe schließen, dass auch Ihnen dabei nicht ganz wohl ist, sonst hätten Sie das Gebiet zumindest umschrieben.

Abgesehen davon: In meiner Überschrift billige ich Ihnen 3,5 Jahre Praxis zu. Davon liegen 2,5 Jahre in einem sehr viel kleineren Unternehmen: Man überträgt leichter und besser Praxis aus einem größeren Hause auf ein kleineres als umgekehrt. Dann hatten Sie damals nur die Qualifikation und die Aufgaben eines Bachelors. Streng genommen wertet man bei der Bewerbung eines Masters auch nur dessen Erfahrungen als Master. Geben wir darauf in Ihrem Fall einen Aufschlag von 50 % auf das eine Jahr als Master, dann liegen Sie derzeit realistisch bei etwa 1,5 Berufspraxis-Jahren.

Schon 3,5 Jahre ohne echte Personalverantwortung wären für die plötzliche Übernahme der disziplinarischen Führung von 100 Mitarbeitern viel zu kurz, bei angenommenen 1,5 Jahren gilt das diskussionslos.

Ich sehe zwei mögliche Gefahren für Sie:

  1. Ihre Vorgesetzten könnten fassungslos den Kopf schütteln über so viel „Selbstvertrauen“ (das sie vermutlich anders nennen würden). Sie könnten in deren Augen an Gesicht verlieren und sich vielleicht sogar um realistische Chancen für die besser geeignete Nachfolge des genannten Gruppenleiters bringen. Über die auch zu sehende Möglichkeit, sich ggf. wegen „maßloser Ambitionen“ zum Gespött der Kollegen zu machen, will ich gar nicht reden.
  2. Sollten Sie jene Position erringen können, besteht die ernst zu nehmende Gefahr des Scheiterns. Hundert Mitarbeiter sind schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe. Das muss den bisher in disziplinarischer Personalführung Ungeübten einfach überfordern!

Sollten Sie dann scheitern, hätten Sie nicht nur einen massiven „Fleck“ auf Ihrer Karriereweste, Bewerbungsempfänger würden Ihnen auch fehlenden Realismus, mangelnde Einsicht in die eigenen Fähigkeiten etc. vorwerfen. Und: In anderen Unternehmen, bei denen Sie sich bewerben könnten, dürfte es keine Gruppenleiter mit 100 Mitarbeitern geben. Sie hingen also in doppeltem Sinne in der Luft (gescheitert in einer großen Position; jetzt zwangsläufig als Bewerber um einen Job mit etwa 5 – 10% des Führungsumfanges der alten Funktion auftretend – was sehr nach dem „Backen kleiner Brötchen“ aussähe und Ihre Chancen drastisch reduzierte).

Ganz anders wäre die Situation – einschließlich eines ja auch dort möglichen Scheiterns – bei der angerissenen Nachfolge zu sehen.

Meine Empfehlung: Unterlassen Sie die Bewerbung, arbeiten Sie auf jene Nachfolge konsequent hin (Ihre Vorgesetzten müssen zu dem Urteil kommen, Sie wären der geeignete Kandidat), falls das nicht klappt, bewerben Sie sich dann, nach fünf Jahren in diesem Hause, extern um eine Aufstiegsposition.

 

Service für Querleser

  1. Man sagt zwar: „Gott ist mit die Maßlosen“ (umgangssprachlich). Aber man kann sich nicht darauf verlassen.
  2. Der Sprung vom relativ unerfahrenen nichtführenden Fachmann in eine Gruppenleiterposition mit 100 Mitarbeitern ist nicht zu verantworten.

 

Frage-Nr.: 3.031
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-09-20

Von Heiko Mell

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