Heiko Mell

Leserreaktion – „Mell ist ein Verbandskasten“

Auch wenn ich mit meinem Werdegang („Studium verschlafen und erst nach vier Berufsjahren auf Mell gestoßen“) nicht zu Ihrer Topzielgruppe gehöre, hat mir Ihr Kompendium aus Tausenden von Tipps, wenn auch spät, die Augen geöffnet. Heute bin ich „Leiter XY“, daran haben Sie mit Ihrer Arbeit maßgeblichen Anteil.

Immer wieder bin ich erstaunt, wie häufig hochqualifizierten Personen der Blick aufs Wesentliche misslingt und sie mit offenen Flanken (wie im Beitrag „Bodenlose Frechheiten u. Ä.“ aus dem vorigen Jahr) lospoltern. Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass dieses Verhalten in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zugenommen hat. Ich halte das für keine gute Entwicklung.

Ihre Tipps hüte ich wie mein erstes Schachbuch. Alles Wichtige für den Berufseinstieg/-alltag ist in Ihren Ratschlägen enthalten. Wenn ich am Schachbrett sitze, hilft mir mein Wissen über die Spanische Eröffnung und nicht, ob ich den Autor des Buchs sympathisch finde.

Ich gebe Ihre Ratschläge an Kollegen und Bekannte in dieser Form weiter:

  1. „Mell“ muss man kennen, nicht mögen.
  2. In jungen Jahren ist „Mell“ Teil des Karrierefundaments. In mittleren Berufsjahren ist „Mell“ ein Steig- und Sicherungswerkzeug. In späteren Jahren ist „Mell“ ein Verbandskasten. Kurzum, für „Mell“ ist es (fast) nie zu spät.

Antwort

Meine Hauptzielgruppe waren und sind keineswegs elitäre Karriere‧aspiranten, denen ich noch ein wenig mehr „Schub“ verleihen möchte. Ausgangspunkt meiner Aktivitäten in Sachen „Karriereberatung“ war vielmehr die erschreckende Erkenntnis, dass ganz normale Bewerber kaum zu verstehende Fehler machten: bei dem Aufbau der Bewerbung, beim Gestalten ihrer Berufslaufbahn, bei der Argumenta‧tion im Vorstellungsgespräch. Wo es Regeln gab, wurden diese missachtet, übertreten oder durch eigene Überlegungen ersetzt („ich dachte, es wäre besonders aussichtsreich, …“).

Also sah ich eine mir gestellte Aufgabe darin, dem Publikum zu erläutern, wie das System funktioniert. Das Schöne daran: Es ist nie vollbracht, hört niemals auf. Teils wachsen täglich neue Kandidaten heran, die – natürlich – die Fehler ihrer Vorgänger unbedingt wiederholen müssen, am besten in leicht verfeinerter Form. Teils stellte sich heraus, dass viele Menschen nicht zur Übertragung pauschaler Grundregeln auf ihre individuellen Verhältnisse in der Lage sind. Und teils haben auch gestandene Akademiker ein ziemlich gestörtes Verhältnis zu taktisch geschicktem Vorgehen oder gar logischen Überlegungen.

Ich gebe Ihnen gern Beispiele:

– Oft komme ich mir vor wie ein Seminarreferent, der seinem Publikum erklärt, man dürfe seine Schwiegermutter auch dann nicht irgendwo entsorgen, wenn sie außerordentlich lästig sei. Das habe ich begründet, im Zusammenhang dargestellt – alles ist gut, alle haben verstanden. Dann frage ich, ob noch jemand eine Frage stellen wolle. Man will: „Das mit der Schwiegermutter habe ich problemlos akzeptiert. Aber bei mir ist es der Schwiegervater. Darf ich denn nun den …?“

– Ich suche im Kundenauftrag einen hochqualifizierten Jungakademiker als Assistenten des Vorstands einer mittelständischen AG. Mit der – in der Schlagzeile des Inserats erwähnten – Perspektive: „Nachfolge des in einigen Jahren ausscheidenden Chefs“. Die handverlesenen Kandidaten werden im Vorstellungsgespräch routinemäßig gefragt, wo sie ihre mittel- bis langfristige berufliche Zukunft sehen. Einer sagt: „in der Selbstständigkeit“, ein anderer könnte sich eine Laufbahn als Hochschulprofessor vorstellen. Glauben diese Unglücklichen wirklich, ein seinen Nachfolger suchender Vorstand stellt „so jemanden“ ein?

Zu Ihrer Bemerkung, das „Lospoltern mit offenen Flanken“, aber mit fehlendem Blick für das Wesentliche, habe zugenommen: Das sehe ich auch so. Eine gewichtige Ursache ist das Internet mit der Möglichkeit, unmittelbar nach dem Lesen eines Beitrags eine Entgegnung in die Tasten hauen und auf den Weg bringen zu können. Dabei schreibt man sich dann so richtig warm und steigert sich von Zeile zu Zeile. Ich habe noch die Zeit erlebt, in der es nur die gedruckte Zeitung mit ihrem festen Erscheinungsdatum auf der einen Seite und nur die Möglichkeit gab, sich die Schreibmaschine, Papier und Kohlepapier (für Durchschläge) sowie Umschläge und Briefmarken herauszusuchen und dann mühsam einen Brief Buchstabe für Buchstabe zu gestalten. Den ließ man zwangsläufig bis zum nächsten Tag liegen, weil der Briefkasten so spät am Abend nicht mehr geleert wurde. Also las man sich sein Machwerk beim Frühstück noch einmal durch – und beschloss, die eine oder andere platte Beleidigung anlässlich einer Neufassung doch herauszunehmen. Man sah jenen Briefen diese Sorgfalt an: Sie waren überlegter formuliert und sorgfältiger in ihrer Argumentation.

Ihren Ratschlag Nummer zwei für Kollegen und Bekannte könnte ich glatt als Slogan für meine Werbebotschaft übernehmen, vielen Dank dafür.

Frage-Nr.: 2.955
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-06-22

Von Heiko Mell

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