Heiko Mell

Leserreaktion auf „Gegen alle Regeln – politisches Geschick im Arbeitsleben“

Frage:

Ich verfolge Ihre Karriereberatung nun schon seit über zehn Jahren und möchte behaupten, dass ich den Tenor Ihrer Antworten auf die meisten Fragen vorhersehen kann. Diese erfolgen aus einer wertkonservativen (systembewahrenden), tendenziell arbeitgeberfreundlichen Sicht.

So auch Ihre Antwort zur Einsendung 2.981, in der Sie die kritische E-Mail des Einsenders an den Vorstand entgegen seiner eigenen Einschätzung als kapitalen Fehler bewerten. Ihre Antwort zielt wie üblich darauf ab, dass der Angestellte nicht aufmucken und stets zum Gefallen seiner Vorgesetzten handeln sollte als Teil einer streng hierarchischen Organisation. Ziel soll sein, dass der Arbeitnehmer durch Anpassung mit möglichst wenig Reibungsverlusten/Konflikten durch sein Arbeitsleben kommt. Wenn seine Schmerzgrenze erreicht ist, soll er sich zunächst um einen alternativen Arbeitsplatz bemühen und dann kündigen, am besten ohne Gründe zu nennen (er will ja auch noch ein gutes Zeugnis erhalten).

Diese Einstellung führt zum einen dazu, dass Defizite an der bestehenden Struktur nicht behoben werden können, weil die Vorgesetzten über die zugrunde liegenden Probleme gar keine Kenntnis erhalten. Zum anderen sollte man stets versuchen, bei der Bewertung menschlichen Handelns eine ganzheitliche Perspektive einzunehmen. Der berufliche Werdegang ist nur eine, wenn auch wichtige Säule des Lebens. Der Lebenssinn besteht aber nicht darin, die Vorgesetzten oder den dahinter stehenden Konzern „glücklich zu machen“. Auch eine mustergültige Karriere mit Maximierung des Einkommens kann allenfalls ein Baustein eines erfüllten Lebens sein.

So kann es aus Sicht des Individuums durchaus die richtige Entscheidung ein, seinem Unmut Luft zu machen und öffentlich zu seinen Werten zu stehen – auch mit möglichen negativen Folgen für die Karriere, um mit sich selbst im Reinen zu bleiben. Wenn wie im beschriebenen Fall der Arbeitnehmer sich zunächst um eine neue Anstellung bemüht hätte und dann erst die E-Mail an den Vorstand schreiben würde, wären mehrere Monate vergangen und über die Sache längst Gras gewachsen.

Ich möchte daher einen Kontrapunkt zu Ihren Aussagen setzen und Angestellte dazu ermutigen, nicht nur im Sinne möglichst geringer Reibungsverluste zu agieren, sondern zu ihren Idealen zu stehen. Hierzu kann es auch gehören, belegbare Ungerechtigkeiten oder Missstände als solche zu benennen. Neben dem Risiko, das der Angestellte dabei eingeht, können sich daraus umgekehrt Chancen für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit und in Folge auch neue Karriereoptionen ergeben, die durch ständiges Anpassen und sich Zurücknehmen nicht erreichbar gewesen wären. Ich denke, dass ich nicht der einzige in Ihrer Leserschaft mit einer solchen Meinung bin und freue mich daher auf Ihr Feedback.

Antwort:

Bevor wir uns dem, wie ich es gern nenne, „berufsphilosophischen“ Thema in seiner Gesamtheit widmen, muss ich schnell noch einen Punkt aufgreifen, bei dem es rein um Fakten geht und den Sie nicht richtig gewürdigt haben:

Der ursprüngliche Einsender hatte sich ja, wie aus seiner Frage hervorgeht, tatsächlich schon vor Absendung seiner „Beschwerde-Mail“ an das Vorstandsmitglied einen neuen Job bei einem (fast) neuen Arbeitgeber besorgt! Er hatte sich im Rahmen einer Umstrukturierung längst „zum Wechsel in die auszugründende GmbH entschieden“, dabei ging es „um die Fusion mit einem internationalen Wettbewerber“. Erst „einige Monate nach meiner Festlegung auf den Wechsel“ – und als der Einsender disziplinarisch für das von ihm schriftlich „gerügte“ Vorstandsmitglied praktisch nicht mehr direkt greifbar war, gab es den fraglichen Vorfall (im Zusammenhang mit der öffentlichen Begründung für die Entlassung eines Werkleiters) und die Beschwerde-Mail. Der damalige Einsender kam also meiner Empfehlung, sich erst einen neuen Arbeitgeber zu besorgen, schon recht nahe. Was er dann tat, war immer noch mutig, der ganze Fall liegt aber etwa in der Mitte zwischen „Angestellter kritisiert während eines laufenden Beschäftigungsverhältnisses ein Vorstandsmitglied schriftlich“ und „Angestellter, der ein Verhalten der Führung missbilligt, sucht sich erst einen neuen Job und kündigt dann ohne Beschwerde“.

Nun zum Grundsätzlichen: Ihr Brief war mir aufgefallen. Alles war gekonnt formuliert, Ihre abweichende Meinung wurde deutlich, ohne dass Sie meine frühere Antwort zu hart angriffen. Das schien mir fast zu schön zu sein, um aus der Feder eines klassischen Industriemanagers zu stammen. Und auch mit der Empfehlung, zwecks Weiterentwicklung der Persönlichkeit ruhig einmal die Karriere zu gefährden, stellten Sie sich eher als jemand „von außen“ dar. Also fragte ich Sie: „Wer sind Sie?“, und Sie antworteten: promovierter Ingenieur, zehn Jahre Angestellter in unterschiedlichen Unternehmen und danach noch einmal zehn Jahre als selbstständiger Unternehmensberater.

Ihr Brief gefällt mir immer noch, und meine heimliche Antwort lautet, eigentlich hätten Sie absolut recht. Das zu erwartende Aber liegt im Unbehagen, dass hier jemand einer Gruppe existenzgefährdende Ratschläge gibt, der gar nicht dazugehört, selbst nicht betroffen ist.

Andererseits: Gerade ein Unternehmensberater wäre doch, wenn er an Empfehlungen wie Ihre hier glaubt, geradezu prädestiniert, um solchermaßen vorbildlich zu verfahren. Sie erleben doch Vorstände, Geschäftsführer und Inhaber in genügend großer Zahl, um auch solche vor Augen zu haben, die Kritik im Sinne Ihrer Einsendung verdienen.

Also sollten gerade Sie harte, kritische Mails in solchen Fällen schreiben, so wie es aus moralischer Sicht, im Sinne der Selbstachtung und zum Zwecke der Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit geboten wäre. Sie können ja nicht entlassen werden. Aber Ihren Auftrag (und die nächsten dieses Kunden) könnten Sie verlieren. Also vermute ich, Sie werden es nicht tun.

Die hier im Mittelpunkt stehenden Angestellten aller hierarchischen Ebenen leben zwischen gewissen „Eckpunkten“, die sich etwa wie folgt beschreiben lassen: – Der Angestellte ist abhängig beschäftigt (Abhängigkeit steht der uneingeschränkten freien Entfaltung der Persönlichkeit schon von der Definition her entgegen).

  1. Unternehmungen sind Gründungen zum Zweck der Gewinnoptimierung, die Beschäftigung von Menschen dort ist nur Mittel zum Zweck, nicht Ziel (wenn der Aktienkurs fällt, bekommt die ganze Organisation den Husten, wenn er einbricht, entspricht das einer Lungenentzündung; wenn kein Geld mehr vorhanden ist, stirbt das Unternehmen sofort; eine Insolvenz wegen zu angepasster Mitarbeiter wird selten beobachtet).
  2. Die Machtstrukturen in den Unternehmen verlaufen von oben nach unten, beginnend oben bei den Eigentümern (jedwede Veränderung kann auch nur von oben nach unten erfolgen, demokratische Strukturen sind grundsätzlich nicht vorgesehen).
  3. Von „oben“ her wird entschieden, wer aus den Ebenen darunter eingestellt, befördert, mit Gehaltserhöhung bedacht oder entlassen wird. Wer also als Angestellter beschäftigt werden und das bleiben will, braucht dazu die Zustimmung, ja das aktive Wohlwollen der oberen Ebenen, die auch über Unternehmensgrenzen hinweg untereinander solidarisch sind; ein Bewerber, von dem Übertretungen der fein abgestimmten Verhaltensregeln gegenüber höchsten Dienstgraden bekannt geworden sind, müsste mit schwerwiegenden Akzeptanzproblemen rechnen.
  4. Es gibt nicht nur Zeugnisse beim Ausscheiden und von ehrgeizigen Kandidaten erwartete regelmäßige Beförderungen im Werdegang, es muss im Leitungsbereich auch mit dem Einholen von Referenzen bei früheren Chefs gerechnet werden (der Angestellte ist nicht gerade eine „gläserne“ Person, aber doch gut beraten, stets so zu agieren, dass man bei Nachforschungen nicht etwa auf eine „Leiche im Keller“ stößt – „massiven Ärger mit ranghohen Chefs“ gehabt zu haben, gehört unbedingt in diese Kategorie).

So, ob diese Aufzählung vollzählig ist oder nicht: Geben Sie diese Eckpunkte einem entsprechend programmierten Computer ein und fragen Sie ihn: „Ist es unter diesen Umständen ratsam, sich massiv schriftlich bei einem Vorstandsmitglied über dessen ‚unmögliches Vorgehen‘ in einer personellen Angelegenheit zu beschweren, wenn man weiterhin als Angestellter anspruchsvoll arbeiten, gut bezahlt werden und weiter aufsteigen will?“ Und dann warten Sie einmal ab, was das Ergebnis ist.

Natürlich kann man um der Moral willen auf die Karriere verzichten, das muss jeder für sich entscheiden. Aber in einer „Karriereberatung“ kann ich nicht dazu raten, in einer „Moralberatung“ jedoch könnte ich es tun.

Dann aber fällt mir noch ein, dass ich hier unverantwortlich gegen meine eigenen Interessen handele, was natürlich nicht sein darf: Also, liebe Leser, beschweren Sie sich stets massiv beim Vorstand, kritisieren Sie ihn, wann immer er es zu verdienen scheint. Und wenn Sie dann Probleme bekommen, sind Sie gern gesehene Kunden bei meinen Beratungsleistungen für private Interessenten. Aber besonders wohl fühle ich mich bei dieser Empfehlung nicht.

 

Frage-Nr.: 2.992
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-02-08

 

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Dortmund, Kongresszentrum Westfalenhallen 15. März 2019

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Dortmund, Kongresszentrum Westfalenhallen 13. September 2019

Von Heiko Mell

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