Heiko Mell

Karriere oder nicht

Seit mehr als 25 Jahren lese ich Ihre Beiträge. Ihren Beschreibungen kann ich in der Regel auch zustimmen. Auf den wesentlichsten Punkt für ein gelingendes Arbeitsleben sind Sie mit Ihrer Antwort auf die Frage 2.903 meines Wissens aber zum ersten Mal zum Kern des Problems „Karriere ja oder nein und wenn wie“ vorgedrungen. Ich zitiere:

„Es gilt sogar: Leistung macht oft Spaß und wird manchmal auch noch belohnt. Vor allem aber erbringt man sie aus eigenem Anspruch an sich selbst heraus – und kann gar nicht anders.“

Dieses Prinzip halte ich persönlich für die Grundlage jeden Erfolges. Mir hat es auch ohne abgeschlossenes Studium eine durchaus beachtenswerte Karriere ermöglicht, ähnlich dem Porträt aus einer aktuellen Ausgabe der VDI nachrichten.

Antwort:

Ich muss mich ein wenig dagegen wehren, ich sei jetzt nach mehr als 25 Jahren erstmals auf den Punkt gekommen. Was Sie dort zitieren, ist für mich keineswegs so neu, dass ich etwa erst jetzt darauf gekommen wäre. Es steckt z. B. auch in meiner öfter zitierten Maxime: „Herausholen, was drinsteckt (in Ihnen).“ Man erbringt eine Leistung im Studium nicht wegen der Noten und im Beruf nicht wegen eines Kreuzchens auf der Beurteilung durch den Chef, sondern weil es einfach Teil der eigenen Persönlichkeit ist. Man könnte schlicht kaum anders.

Das ist zumindest bei den wirklichen Leistungsträgern so. Manche anderen Angestellten sind durchaus erst durch winkende Prämien oder Umsatzprovisionen zu Höchstleistungen zu bewegen. Aber das funktioniert immer nur für einen begrenzten Zeitraum oder unter bestimmten Umständen.

Sind also die „wahren Leistungsträger“ gar nicht durch Lob, materielle Belohnung etc. zu motivieren – könnte man sich diesen Aufwand bei ihnen sparen?

Das nun wieder ist keinesfalls so: Wer „aus eigenem Anspruch an sich selbst heraus“ leistet, reagiert sehr oft äußerst empfindlich auf demotivierende Elemente: Er braucht nicht die Mohrrübe, die der Kutscher dem Zugpferd an der Stange vor das Maul hält, um sich ins Zeug zu legen – aber er braucht seine „Mohrrübe“ hinterher in Form von Anerkennung aller möglichen Arten. Fühlt er sich etwa missachtet, Kollegen gegenüber zurückgesetzt oder im Vergleich schlechter bezahlt, bricht seine Motivation leicht zusammen. Oder er geht, was für den Arbeitgeber noch viel schlimmer ist.

Immer wieder muss ich auch auf die Kehrseite des einleuchtenden Prinzips „Herausholen, was drinsteckt“ hinweisen: Boshaft, wie sie nun einmal sind, gehen Arbeitgeber (meist) und Bewerbungsempfänger (stets) davon aus, Mitarbeiter hätten herausgeholt, was in ihnen steckte. Kurz: Mehr wäre nicht drin.

Jene beliebte Ausrede „Ich hätte schon gekonnt, wenn ich nur gewollt hätte“, zieht absolut nicht. Man geht davon aus, dass z. B. der Lebenslauf sagt: „Das war es, was mir möglich gewesen ist“, wobei man durchaus Verständnis für einzelne, abgegrenzte Rückschläge hat (ohne die niemand durchs Leben geht).

Noch ein Wort zu der von Ihnen angesprochenen Karriere trotz fehlenden Studienabschlusses: Das war vor fünfzig Jahren noch recht gut möglich und ist heute in seltenen Einzelfällen immer noch machbar. Aber durch die Inflation von Abiturienten und Akademikern innerhalb eines Jahrganges und durch das Ausscheiden der individuell benachteiligten Kriegs-, Nachkriegs- und Flüchtlingsgeneration (ich spreche von deutschen Flüchtlingen) aus dem Arbeitsleben lassen sowohl die Anzahl der Fälle, für die man Verständnis aufbringt als auch die Zahl der überhaupt vorhandenen Beispiele für geglückte „Experimente“ nach.

Wer heute Bildung will und sich entschlossen darum bemüht, bekommt sie, tragische Einzelfälle, die es immer wieder gibt, einmal ausgenommen. Wer am hauptamtlichen Studium scheitert, kann jobben und nebenberuflich zum Ziel kommen, z. B.

Ich schreibe dies ganz bewusst als Warnung für Leser, die Beispielfälle von Karriere trotz gescheiteter Studien eventuell zu leicht als mögliche Vorbilder nehmen („es geht doch“). Wenn es geht, dann nur mit einer Energie, die eigentlich auch hätte zu einem erfolgreichen Studium reichen müssen. Und: Bei jeder externen Bewerbung geht das „Theater“ von vorne los. „Ausbildung: keine“ heißt es dann im symbolisch ausgefüllten Formular des Bewerbungsempfängers. Mit allen denkbaren Konsequenzen.

Frage-Nr.: 2919
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47/48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-11-23

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