Heiko Mell

Karriere als Mutter – die Meinung eines verantwortlichen Kaufmanns

Frage

Ich beziehe mich auf Frage 2.923 („Karriere als Mutter“). Als Kaufmann und u. a. Personalverantwortlicher in einem technisch geprägten mittelständischen Unternehmen lese ich Ihre Karriereberatung schon seit vielen Jahren und weiß aus eigener Erfahrung, wie richtig Sie mit Ihren Einschätzungen, Hinweisen und Empfehlungen liegen.

In der angesprochenen Frage habe ich, bevor ich Ihre Antwort gelesen habe, zunächst einmal nachgedacht, was ich wohl an Ihrer Stelle sagen würde. Natürlich gibt es hier kein Richtig oder Falsch. Ebenso natürlich sieht die Realität nicht immer so aus, wie Politiker und die Gesellschaft das gern hätten.

Als ich dann Ihre Antwort gelesen hatte, war ich begeistert. Zum einen, weil Sie sehr sachlich die Faktenlage dargestellt haben, zum anderen, weil Ihre Hinweise absolut zutreffend sind – und auch ein bisschen deshalb, weil sich meine persönliche Einschätzung mit der Ihrigen deckt.

Letztlich stehen wir alle stets vor dem gleichen Dilemma: Vieles, was an Impulsen von außen an Unternehmen herangetragen wird, ist sicher absolut erstrebenswert. Aber das bedeutet nun mal nicht zwangsläufig, dass Unternehmen der freien Wirtschaft das auch immer so umsetzen, denn hier denken die Verantwortlichen zunächst einmal an das Unternehmen – die Gesellschaft kommt frühestens an zweiter Stelle.

Antwort

Ich freue mich sehr über die Zuschrift eines verantwortlichen Kaufmanns, der zwangsläufig durch eine andere Sichtweise auf verschiedene Zusammenhänge geprägt ist. Wenn der dann auch noch als kaufmännischer Leiter (so steht es im Absender) das Personalwesen verantwortet, hat seine Stimme zusätzliches Gewicht.

„Hier (in Unternehmen der freien Wirtschaft) denken die Verantwortlichen zunächst einmal an das Unternehmen“ – dieses Zitat aus Ihrer Einsendung muss man immer wieder unterstreichen. Die Verantwortlichen handeln so nicht aus Bosheit oder Ignoranz, sie folgen einfach ihren per Arbeitsvertrag übernommenen Pflichten. Und dort kommen die Interessen der Firma sehr intensiv, darüber hinausgehende Belange der Gesellschaft eher gar nicht vor. Das ist im Aufbau unseres Systems so verankert.

Dabei sind Unternehmen sehr wohl in der Lage, neben der Gewinnmaximierung noch diverse andere Ziele auf ihre Fahnen zu schreiben, die durchaus auch für die Gesellschaft interessant sein können. Aber dies geschieht – von immer wieder denkbaren Ausnahmen abgesehen – letztlich auch wieder zum Nutzen und im Interesse des Unternehmens. Wenn Unternehmen also ein gesellschaftlich relevantes Anliegen aktiv fördern, dann so, dass es ihnen einen Nutzen bringt. Der kann z. B. in einem Erwecken von Medieninteresse bestehen, was wiederum andere Vorteile bringt.

Aber das oberste Prinzip der Ertrags‧erwirtschaftung lässt keinen Raum für konkurrierende Zweitziele. Und so darf man unterstellen: Ein Unternehmen, das in seiner Zuständigkeit beispielsweise besonders „nett“ zu arbeitenden Müttern ist, verbindet damit weniger ein bewusstes Engagement für gesamtgesellschaftliche Ziele, sondern verspricht sich davon handfeste eigene Vorteile. So könnte es damit seine Zugkraft auf dem Arbeitsmarkt verbessern, ein tolles Image in der Öffentlichkeit sicherstellen, auf besser motivierte, mit höherer Produktivität „schaffende“ Mitarbeiterinnen hoffen etc.. Das muss nach Lage der Dinge einfach so sein. Denn der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns überlebt auf einer Hauptversammlung sein eventuelles Statement „Wir haben zwar hohe Verluste eingefahren, waren aber im Berichtszeitraum sehr intensiv in der durchaus kostenintensiven Förderung von schwangeren Mitarbeiterinnen und solchen mit Kleinkindern engagiert und haben uns so um die Gesellschaft verdient gemacht“ um kaum eine halbe Stunde. Dann würde sein Nachfolger gesucht.

Ich habe manchmal das Gefühl, die Verzahnung von Zielen und Interessen der Gesellschaft mit denen der in ihrer Mitte operierenden Unternehmen ist nicht bis zu Ende durchdacht, sodass eine vollendete Harmonie zwischen beiden gar nicht möglich ist. So will z. B. die Gesellschaft Vollbeschäftigung, aus durchaus nachvollziehbarem Grund: Die Menschen sollten in Amt und Brot stehen, für sich selbst sorgen können, zufriedene Wähler sein und bleiben.

Vollbeschäftigung heißt letztlich, wer will, hat einen Job und findet bei Bedarf leicht einen neuen. Die Gesellschaft will also Arbeitsplätze. Von Ausnahmen abgesehen, können diese nur durch Unternehmen geschaffen bzw. garantiert werden. Also müssten Betriebe, die Arbeitsplätze bieten, schon dafür anerkannt und belohnt werden – und ganz besonders müssten sie Vorteile davon haben, neue Jobs zu schaffen und vorhandene möglichst nicht aufzugeben. Eher das Gegenteil ist der Fall. Kaum etwas ist für Unternehmen so unerfreulich wie die Beschäftigung von Mitarbeitern. Je mehr man davon hat, desto größer die Probleme. Ab fünfzehn Mitarbeitern muss dieses, ab fünfzig jenes gewährt werden, irgendwann sind Betriebsräte freizustellen und Beauftragte zu ernennen. Vor allem aber: Wenn ein Unternehmen die Chance sieht, ein paar tausend Arbeitsplätze abzuschaffen, steigen die Aktienkurse und jubelt die Börse.

Obwohl also die Gesellschaft möglichst viele Arbeitsplätze will, tut sie nichts, um deren Reduzierung zumindest zum Gegenstand einer detaillierten Kalkulation zu machen. So könnte es für das Halten einer bestimmten Beschäftigungszahl geldwerte (steuerliche oder andere) Vorteile für das Unternehmen geben. Heute jedoch gilt: Wenn Auftragslage, Produktivität, technischer Fortschritt etc. es zulassen, gilt es, Mitarbeiter zu reduzieren, das spart so schnell und intensiv Kosten wie kaum eine andere Maßnahme und fördert das Erreichen der zentralen Ziele.

Infolge dieser Konstellation denken die Unternehmen vorrangig an ihre Gewinnoptimierung (auf die Ausnahme der Langfristorientierung mancher Familienunternehmen muss ausdrücklich hingewiesen werden) und sind an dem gesamtgesellschaftlichen Ziel der Schaffung vieler Arbeitsplätze gar nicht interessiert. Daher muss sich die Gesellschaft heute darauf verlassen, dass die Unternehmen in Verfolgung ihrer egoistischen Ziele zufällig und eher nebenbei auch noch übergeordnete Interessen der Gesamtbevölkerung im Auge behalten.

Sie, liebe Leser, kennen mich: Ich will hier weder mit flammenden Worten eine Systemkorrektur fordern, noch auch nur bestehende Verhältnisse um jeden Preis kritisieren. Aber ich will auf bestimmte Gegebenheiten hinweisen, damit Sie die Ecken und Kanten unseres Systems besser verstehen und bestimmte Reaktionen einplanen können.

Frage-Nr.: 2.947
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-05-18

Von Heiko Mell

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