Heiko Mell

Karriere als Mutter? – Reaktionen der Leser

Als Einsendung Nr. 2.923 hatte ich die Frage einer Fragestellerin behandelt, die sich Sorgen machte um ihre Chancen, als Mutter Karriere machen zu können. Ich listete alle mir bekannten Argumente als Mosaiksteine eines „großen Themas“ auf – und neigte mein Haupt in Demut ob der zu erwartenden Leserreaktionen. Die eingegangenen Kommentare haben mich außerordentlich überrascht. Sie verstehen das, wenn Sie sie lesen.

Leser A: Ich habe ja schon des Öfteren die Inhalte Ihrer Antworten kritisiert, aber hier sage ich Ihnen zwei Stunden nach dem Lesen und mit 48 Stunden Abstand, dass Sie eine sehr sachliche, eindeutige und trotzdem einfühlsame Antwort formuliert haben. Das ist so, und zwar in jedem Wirtschaftssystem. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Leser B: Ich war äußerst verwundert, im positiven Sinne, über Ihren Beitrag zur Vereinbarung von Beruf und Mutterschaft. In meinem sozialen Umfeld herrscht nach wie vor die Ansicht, dass Kinder und Karriere nicht geht, oder um es weniger drastisch zu sagen, dass es nach wie vor „problematisch“ ist. Insofern danke ich für Ihren Text, der all meine bisherigen Argumente schön zusammenfasst.

Leser C: Ich danke Ihnen für die großartige Versachlichung eines emotional aufgeladenen Themas. Vor allem der letzte Absatz, dass nicht hinter jeder angewandten Logik sofort Verrat und böse Tat steckt, wenn es um Genderthemen geht. Danke! Durch meinen Titel (Leiter Vertrieb; H. Mell) erahnen Sie möglicherweise, dass ich nicht nur Beobachter, sondern auch Opfer (nein, gestrichen. Ich meinte natürlich …) Beteiligter dieser Bewegung bin. Wie ich immer gerne sage: Frauen müssen viel mehr leisten und sich viel mehr anstrengen, um erfolgreich zu werden und die verdiente Anerkennung zu erhalten – Männer aber auch!

Leserin D: Ich sende Ihnen meinen Erfahrungsbericht, der Ihre Aussagen bestätigt:
Ich bin Ingenieurin, Führungskraft mit 30 Mitarbeitern und Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern. Kurz gesagt, es funktioniert. Jetzt jedoch kommt ein großes „ABER“: Es funktioniert nur, wenn man nach der „Mell’schen Prioritätenliste“ vorgeht und auf Rangstufe Nummer eins die Karriere setzt. Ich wusste immer, dass ich Karriere machen wollte, das war für mich die klare „Nummer eins“.

Als mein erstes Kind fünfzehn Monate alt war, habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Es war zunächst eine Sachbearbeiter-Stelle, drei Tage pro Woche. Die Firma war 60 km vom Wohnort entfernt; ich hatte keinen Führerschein. Mein Wecker hat um 4:50 Uhr geklingelt, ich bin zur Haltestelle der Bahn gelaufen, habe einen regionalen Zug genommen und bin dann noch fünfzehn Minuten bis zur Arbeitsstelle gelaufen. Mein Gehalt ging größtenteils an eine Tagesmutter, der Rest war für die Fahrtkosten. Es gab Tage, an welchen sogar mein Mann gefragt hat, „ob es überhaupt Sinn macht“. Aber ich wusste, es machte Sinn, denn ich war „drin“ in der Arbeitswelt. Als die Tagesmutter mir nach dem ersten Arbeitstag sagte: „Mach dir keinen Kopf, es ist alles gut“, da wusste ich, dass es klappen wird.

Dann die besondere Überraschung: Ich wurde wieder schwanger. Die Firma, bei der ich mich so wohl gefühlt hatte, verlängerte daraufhin meinen befristeten Vertrag nicht. Ich habe sofort angefangen, weiter zu suchen. Nach vielen Absagen habe ich mir professionelle private Hilfe für Bewerbungsunterlagen und Gesprächsführung besorgt. Es hat sehr viel Geld, Zeit und zusätzliche Stunden der Tagesmutter gekostet. Aber es hat sich gelohnt, ich bekam einen neuen Job! Angefangen habe ich acht Wochen nach der Entbindung, wieder drei Tage pro Woche. Nur musste ich jetzt mit Bahn, Zug und Bus fahren und dann noch 500 km laufen (Also das mit den 500 km glaube ich jetzt nicht, das hätte wohl 500 m oder 5,0 km heißen sollen; H. Mell). Die ersten drei Monate hat uns meine Mutter bei der Kinderbetreuung in Vollzeit unterstützt, danach gingen die Kinder an meinen drei Arbeitstagen pro Woche zur Tagesmutter, mit der wir einfach Glück hatten.

Dann kam auf meine Prioritätenliste eine neue Nummer eins – ein Job am Wohnort (weil wir dort ein Haus gekauft hatten und „für immer“ dort bleiben wollten). Als (inzwischen) „Profi-Bewerberin“ habe ich mich intensiv beworben und nach vier Jahren eine Sachbearbeiter-Stelle am Wohnort gefunden. Ich denke, dass meine zwei guten Arbeitszeugnisse, auf die ich bewusst und gezielt hingearbeitet hatte, und meine intensiven privaten Bewerbungstrainings mir sehr geholfen haben. Die Kinder gingen inzwischen in den Kindergarten. Die Tagesmutter stand bei Problemen auf Abruf immer bereit (Abholen aus dem Kindergarten, wenn es bei meinem Mann oder mir später wurde, Betreuung der Kinder, wenn sie wegen Krankheit nicht in den Kindergarten durften, Ferienbetreuung). Irgendwann hat dann die Tagesmutter gesagt, dass sie sich aus Altersgründen zurückziehen wollte. Wir haben dann mit Au-pair-Mädchen gearbeitet (inzwischen das achte, nur mit einem funktionierte es nicht). Mittlerweile gehen die Kinder zur Schule. Die Hausaufgabenbetreuung mit den Au-pair-Mädchen klappte nicht, ich habe eine Hausaufgabenbetreuung organisiert. Das klappt jetzt gut, wenn wir nach Hause kommen, ist alles erledigt, wir haben abends mehr Zeit für uns alle.

Auf meine Prioritätenliste kam ein neues Ziel Nummer eins: „Führungsposition am Wohnort“. Ich habe mich entsprechend beworben und habe auch dieses Ziel vor einigen Jahren erreicht. Meine nächste Priorität gemäß der „Mell‘schen Prioritätenliste“ ist nun „Führungskraft mit größerer Verantwortung am Wohnort“. Das ist schwierig bis unmöglich umzusetzen. Aber ich habe Zeit und einen guten Job und muss dieses Ziel nicht um jeden Preis erreichen. Meine Fazits zum Schluss: Der richtige Zeitpunkt, um Kinder zu bekommen: Nie; es passt nie. Aber wenn die Kinder erst da sind, organisiert sich irgendwie alles, und es passt plötzlich. „Mell’sche Prioritätenliste“: Es ist z. T. sehr hart, aber es funktioniert, probieren Sie es aus.

Chefs und Kollegen: Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, weder Vorgesetzte noch Kollegen mit meinen „Kindergeschichten“ zu belästigen. Ich habe immer gesagt: Ich bin da, ich bin zuverlässig, ich kann auch länger bleiben, ich habe jemanden, der sich um die Kinder sorgt, wenn sie z. B. erkältet sind. Denn für Chefs ist nur eines wichtig: Die Mitarbeiterin ist da und sie macht einen guten Job. Für Kollegen ist wichtig, dass sie mich nicht immer wieder vertreten müssen, weil „etwas mit den Kindern ist“. Natürlich kocht mein Kopf manchmal bei der Organisation von Sonderfällen (und die kommen immer, wenn ein wichtiger Termin ansteht oder gar eine mehrtägige Dienstreise): Aber in all diesen Jahren habe ich alle Termine und Fristen eingehalten. Und das allein zählt bei Chefs und Kollegen.

Gesellschaft: Wenn Sie sich für eine Karriere entscheiden, seien Sie auf schiefe Blicke und „besorgte“ Fragen vorbereitet. Auch Aussagen wie „so kann man mit Kindern nicht umgehen“ und „Rabenmutter“ kamen früher öfter. Meine Gegenrezept ist: streng in die Augen des „Besorgten“ schauen und bloß nichts erklären, einfach nichts sagen, höchstens „hmmm“. Und das immer wiederholen wie eine Schallplatte. Inzwischen gibt es wohl wissenschaftliche Studien, die besagen, dass es förderlich ist, wenn Kinder von klein auf mehrere Kontaktpersonen haben. Meine Kinder sind intelligent, weltoffen (u. a. durch das Kennenlernen der anderen Kulturen durch Au-pair-Mädchen) und glücklich. Sie haben mehrere Bezugspersonen und hängen nicht allein an Mama und Papa. Und ich finde es Klasse!

Also„Karriere als Mutter“ funktioniert, braucht aber klare Prioritäten, strenge Disziplin, ausgeprägtes Organisationstalent und Durchhaltevermögen. Das Positive dabei: Es zahlt sich aus (das ist hier natürlich vor allem nicht finanziell, sondern als persönliche Förderung von Selbstbewusstsein und Weiterentwicklung gemeint).

Antwort:
Ich danke zunächst einmal allen Einsendern für ihre Stellungnahmen. Natürlich freue ich mich ganz besonders über die Anerkennung für meinen Beitrag zu einem Thema, das jederzeit auch für emotionale Äußerungen gegenteiliger Art geeignet gewesen wäre. Tatsächlich ist bei mir keine einzige kritische Stellungnahme eingegangen.

Mein besonderer Dank gilt der Leserin D für ihren engagierten Erfahrungsbericht. Den will ich gern kommentieren und für sehr kritische Leser(innen) etwas einordnen:

1. Jeder Mensch hat das Recht, sein berufliches und privates Leben im Rahmen der geltenden Gesetze und seiner eigenen Vorstellungen selbst zu ordnen. Das schließt ausdrücklich eine genau gegenteilige Prioritätensetzung zur hier erkennbar werdenden ein.

2. Diese Einsenderin schildert ihre Motive, ihre Ziele und die gemachten Erfahrungen bei deren z. T. mühevollen Realisierung. Sie verlangt nicht, dass man ihr nacheifert, sie bietet keine Musterlösung an – vor allem verdammt sie keine Frauen, die sich anders entscheiden und andere Wege gehen. Sie sagt nur: Das war mein Weg. Punkt.

3. Natürlich ist es denkbar, dass ihr Menschen – sie hat es erlebt – eine Art „Rabenmutterschaft“ den eigenen Kindern gegenüber vorwerfen. Aber zumindest ich folge ihr bei der Argumentation, dass sich ihre Kinder gut entwickelt haben – das hängt sicher auch ein wenig von der Veranlagung der Kinder ab. Wenn man aber andererseits einmal betrachtet, welchen verantwortungsarmen Leuten es erlaubt ist, Kinder in die Welt zu setzen und sie dann nach eigenem – meist nicht einmal vorhandenem – Konzept zu erziehen, dann kann man die Kinder von Leserin D tatsächlich nur beglückwünschen. Aber wie gesagt, das darf jeder durch seine eigene Brille betrachten, dafür gibt es keine Standards. Und jeder darf sagen, ihm wäre der Preis zu hoch.

4. Ganz wichtig ist mir der Hinweis auf ein Erfolgsrezept, das in dieser Geschichte steckt. Was man im beruflichen Bereich wirklich will und was man dann mit aller Kraft anstrebt – das erreicht man. Zwar nicht garantiert und auch nicht immer zu 100 %, aber doch bemerkenswert oft und mindestens zu großen Teilen. Und in den „Fazits“ der Leserin D stecken Erkenntnisse, die kann ich uneingeschränkt unterschreiben.

Frage-Nr.: 2.929
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-03-02

Von Heiko Mell

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