Heiko Mell

Hilfreiche „Karriereberatung“

Frage:

Von den ersten beruflichen Schritten als Diplomarbeiter in den frühen Neunzigerjahren bis zu meiner heutigen Position als Vorstand eines internationalen Konzerns durfte ich Sie an meiner Seite haben. Die vielfältigen Ratschläge habe ich vielleicht nicht alle befolgt, aber meistens im Hinterkopf gehabt.

Insbesondere waren Sie Vorbild in Sachen Disziplin und Ausdauer: Immer wenn ich mal „fünfe gerade sein“ lassen wollte – oft passierte das am Freitag – waren Sie in der neuesten Ausgabe der VDI nachrichten wieder „zur Stelle“ und haben mich motiviert. Ein schöner implizierter Effekt der Karriereberatung, für den ich Ihnen herzlich danken möchte. In diesem Sinne schließe ich mich den Ausführungen „Die Sache mit der Pille für ein langes Leben des Heiko Mell“ an. Mit ebenfalls größter Hochachtung…

PS: Derzeit bin ich Chief … Officer bei der … in …, vorher war ich fünf Jahre Geschäftsführer für … bei dem internationalen Großkonzern … in … Begonnen hatte ich 1994 als Trainee bei einem anderen Konzern, wo ich achtzehn Jahre in sieben unterschiedlichen Positionen tätig war.

PPS: Wenn mich jemand fragt, ob Ihre wöchentlichen Perspektiven zu meiner beruflichen Entwicklung beigetragen haben, so bejahe ich stets.

Antwort:

Die Einsendung lag auf meinem Stapel ausgedruckter E-Mails tatsächlich hinter der vorstehend beantworteten Einsendung des Vaters eines äußerst skeptischen Studenten bzw. Berufseinsteigers (2.977). Manchmal hat man auch einfach Glück.

Vielen Dank für die breite Anerkennung meiner Arbeit. Vielleicht verblüfft das manchen Leser, aber ich bin keinesfalls traurig über Ihre Anmerkung: Sie hätten meine „vielfältigen Ratschläge vielleicht nicht alle befolgt“. Wer besonders erfolgreich sein will, sollte die Regeln kennen („… aber meistens im Hinterkopf gehabt“), sonst stochert er im Nebel. Aber dann heißt es oft, gegen einzelne(!) Regeln auch einmal besondere Risiken einzugehen oder bei Chancen zuzugreifen, deren weitere Entwicklung völlig im Dunkeln liegt. Viele bis alle großen Taten gehen darauf zurück, dass Menschen gegen jede Vernunft, gegen diverse Regeln gehandelt haben – und erfolgreich waren.

Einige Einschränkungen muss man dabei sehen: Wer einfach darauf los handelt, sich nicht um Regeln und Erfahrungsgrundsätze kümmert und nicht weiß, wo er „gegen die Bande knallt“, findet sich nur zu oft in der großen Gruppe derjenigen Heißsporne wieder, von denen man nie wieder etwas hört. Denn auch ignorierte Risiken bleiben solche.

Das Prinzip mit den – einzelnen, nie etwa allen – Regeln, die man auch einmal brechen muss, um ganz große Erfolge einstreichen zu können, gilt auch in anderen Bereichen, nicht nur bei Karrieren in Industriebetrieben.

Der große englische Seekriegsheld Horatio Nelson gewann seine zwei größten Schlachten durch unkonventionelles, ja geradezu empörend regelwidriges Vorgehen:

Vor der Seeschlacht von Abukir hatte der Oberbefehlshaber der vereinigten französisch-spanischen Flotte seine Schiffe ganz nah vor einer Küste fest verankert. Er durfte erwarten, dass der Gegner mit seinen Schiffen parallel dazu auf der Seeseite vorbeisegeln würde, wobei man fleißig Breitseiten austauschen konnte (also alle Kanonen der dem Feind zugewandten Seite pausenlos abfeuerte), bis eine Seite geschlagen war. Nelson fand, dass der Feind zum Land hin noch Luft gelassen hatte, riskierte dort gegen jede Vernunft die den Gegner völlig überraschende (äußerst riskante) Durchfahrt mit dem Risiko des Auflaufens auf Grund, feuerte aus allen feindseitigen Rohren und siegte über den völlig überraschten Gegner, der sich regelgerecht zur „falschen“ Seite hin orientiert hatte.

Bei der auf offener See ausgetragenen Schlacht von Trafalgar verweigerte Nelson ein regelgerechtes Gefecht in Linie (Schiff hinter Schiff). Sein Verband durchbrach an verschiedenen Stellen die gegnerische Linie, konnte dabei nach beiden Seiten gleichzeitig feuern und siegte überwältigend. Dass er dabei zu Tode kam, hat damit nichts zu tun. Die Nelson-Säule auf dem Trafalgar Square in London ehrt ihn noch heute.

Aber: Man ist sich heute einig, hätte Nelson den Frieden erlebt, wäre er nicht sehr glücklich geworden. Gesellschaftliche Ächtung und wohl auch fachliche Ablehnung wären ihm sicher gewesen. Die konservativen Lords der Admiralität waren keineswegs erfreut über sein unkonventionelles Denken und Vorgehen – und die feine Gesellschaft verzieh ihm das Verhältnis mit der Frau eines anderen nicht. Aber ein toter Held war hochwillkommen.

Ihre, geehrter Einsender, Hinweise zu meiner Vorbildfunktion in Sachen Disziplin und Verlässlichkeit (kein versäumter Beitrag in so vielen Jahren trotz diverser Krankheiten und ebenso vieler Krankenhausaufenthalte wie bei anderen Leuten auch) haben mich zunächst verblüfft. Denn diese schiere Vertragserfüllung war für mich eher selbstverständlich. Dass jemand das anerkennt, freut mich. Aber dass Sie darin sogar einen Faktor sehen, der zu Ihrer eigenen Motivation beigetragen hat, macht mich schon ein bisschen stolz.

Schließlich freut sich wohl jeder engagierte Mensch, wenn er sieht, dass seine Bemühungen letztlich doch irgendwo irgendetwas bewirkt haben.

Wenn mir jetzt noch ein paar Studenten schreiben, sie verständen das hier zwar (noch) nicht alles, fänden aber dennoch die Möglichkeit toll, sich schon einmal vorab über jene Welt zu informieren, in und von der sie später leben wollen, dann wäre mein Glück nahezu vollkommen.

Und wenn Sie, liebe Leser, auch nur die geringsten Zweifel haben, ob Ihnen jene Regeln hinreichend vertraut sind, die man überwiegend besser einhalten sollte und erst auf dem Weg ganz nach oben in besonderen Einzelfällen auch einmal bewusst übertreten darf (siehe Admiral Nelson), dann schauen Sie einmal in mein neuestes „Werk“; die 115 dort festgehaltenen Regeln gehen praktisch alle auch auf die Beiträge in dieser Serie zurück („Heiko Mell: Karriere-Basics“; nur bei Amazon, als gedruckte Broschüre oder als E-Book).

Frage-Nr.: 2.978
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-11-02

Von Heiko Mell

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