Heiko Mell

Haben Frauen eine andere Karriereperspektive?

Diese Einsendung ist ein klassisches Beispiel dafür, dass ein geplagter Serien-Autor ganz schnell vom Regen in die Traufe kommen kann: Eben wollte ich die wachsende Auseinandersetzung über die Frauenquote vorsichtshalber beenden, da kommt dieser Einsender ganz „harmlos“ mit der noch viel brisanteren Kernfrage, ob Frauen eine andere Perspektive haben. Ich bin im Hinblick auf Reaktionen auf alles gefasst.

Frage 1:

Wenn meine Verlobte – auch eine promovierte Ingenieurin – Ihre Kolumne liest, wundert sie sich regelmäßig über die „männliche Perspektive“. Frauen, sagt sie, würden anders denken, insbesondere anders priorisieren.

Ein Beispiel: Auf die Frage „Wer sollte promovieren?“ haben Sie u. a. empfohlen, es sollte derjenige tun, der meint, er bräuchte unbedingt den Titel. Daraus leitet sich eine sehr starke intrinsische Motivation ab. Ich stimme dem vollumfänglich zu. Es mag nicht der einzige Grund sein, aber ein sehr guter Grund!

Antwort 1:

Wenn ich jetzt nicht sofort einschreite, dann habe ich zusätzlich zu den Fans unseres heutigen Kernthemas auch noch die Anhänger unseres „Dauerbrenners“ seit 1984 („Soll ich promovieren oder nicht“) als engagierte Gegner einzuplanen. Also: Richtig ist, dass ich mich viel und oft mit Vor- und Nachteilen der Promotion auseinandergesetzt habe (von der Aussage, dass sie kein überall wirksamer Karriereturbo mehr ist, bis zu Empfehlungen, es bei angestrebten Laufbahnen z. B. in F+E, in der Großchemie oder im Hochschulbereich lieber doch zu tun). Ich habe oft von der vertieften wissenschaftlichen Arbeit während der Dissertationserstellung gesprochen. Und ich habe stets gesagt, dass der Dr. ein akademischer Grad und kein Titel ist.

Dann erst, wenn das alles abgewogen ist, rate ich einem Fragesteller, er solle sich vor den Spiegel stellen und sich zusätzlich fragen, ob er gerne Dr. Müller wäre. Falls ja, soll er es ruhig versuchen.

PS: Mit Ihrer „intrinsischen Motivation“ werde ich nicht recht glücklich. Der Fremdwörter-Duden gibt dafür an: „… durch die von einer Aufgabe ausgehenden Anreize bedingte Motivation“. Das klingt eher nicht nach „Lust auf den Titel“, bei dieser Motivation fehlt die Anreiz-Aufgabe.

Frage 2:

Meine Verlobte empfiehlt folgendes: Es sollte derjenige promovieren, der sich voll und ganz in ein wissenschaftliches Thema versenken will. Die Befriedung des Egos spielt bei ihr eine untergeordnete Rolle.

Es würde mich interessieren, ob Ihnen ein systematischer Unterschied in der weiblichen bzw. männlichen Perspektive in Karrierefragen aufgefallen ist. Vielleicht würde sich dieses Thema für einen kurzen Abriss in den VDI nachrichten anbieten.

Antwort 2:

Die Welt der Männer in Fragen der Karriere, die ich recht gut kenne, ist geprägt durch eine nahezu grenzenlose Vielfalt des individuellen Wollens und Könnens sowie der Bereitschaft, die vom System für Wunscherfüllung geforderten Preise zu zahlen. Da ist eine ausgeprägte Abneigung gegen die mit Führung verbundene Übernahme von Verantwortung ebenso vertreten wie der als selbstverständlich empfundene Anspruch: „Ich will und werde führen.“

Es gibt, da bin ich ganz sicher, keine Basis für eine Aussage: „Der Mann an sich denkt in Karrierefragen etwa so.“ Es gibt einfach viele Männer, die in viele verschiedene Richtungen denken.

Wobei sich dieses Denken im Laufe ihres Lebens oft auch wieder ändert. Wenn Männer als Angestellte nach dem Studium erst die Praxis kennenlernen, kommen sie mitunter zu einer neuen Einstellung, Veränderungen in jede Richtung sind möglich. Es hat auch schon Männer gegeben, denen hat erst ihre Partnerin die „richtige“ Richtung gezeigt, in Extremfällen lag die 180 Grad entgegen den bisherigen eigenen Vorstellungen.

Die Welt der Frauen in Fragen der Karriere kenne ich auch, möchte aber nicht als „Fachmann in Frauenfragen“ auftreten. Aber ich lerne beruflich seit Jahrzehnten in diesem Zusammenhang auch Frauen kennen: als Inhaberinnen, Geschäftsführerinnen oder mittlere Managerinnen in der Industrie (als Kunden aus meiner Tätigkeit als Personal-/Unternehmensberater), als verantwortliche Sachbearbeiterinnen und untere Führungskräfte im Personalwesen (Partnerinnen im Tagesgeschäft) und als private Kundinnen in der Karriereberatung. Ich sehe bei ihnen grundsätzlich dieselbe (!) Vielfalt der Motive und Wünsche, der Ansprüche und Abneigungen gegen einzelne Aspekte dieses Themas wie bei den Männern. Alle Richtungen, die man Männern zuordnen kann, gibt es bei Frauen auch. Von den sehr ehrgeizigen, hart führenden Menschen bis hin zu denen, die weder wollen noch können und jenen, die einfach klar die Familie auf Nummer eins setzen.

Aber ich sehe – zumindest heute noch – eine unterschiedliche Verteilung beider Geschlechter auf die einzelnen Aspekte. Ich wäre absolut überfordert, sollte ich hier Prozentangaben machen, das gilt für beide Gruppen.

Aber, geehrter Einsender, wenn auch Ihre eine Verlobte noch nicht für „die Frauen schlechthin“ stehen kann, so ist an dem bei Ihnen beiden deutlich werdenden Unterschied in der Betrachtung auch pauschal etwas dran. Ob das genetisch, durch Erziehung oder durch „die Umstände“ bedingt ist, kann ich nicht sagen.

Und so gibt es nach meinem Empfinden sowohl Männer als auch Frauen, denen Karriere mit der dazugehörigen Macht, mit den Rängen und Titeln sehr wichtig ist, die entsprechende Positionen auch unbedingt haben wollen – und sie hervorragend ausfüllen. Aber in dieser Kategorie scheint es mehr Männer als Frauen zu geben, jedenfalls im industriellen Bereich. Und ich sehe auch in den anderen Kategorien bis hin zur totalen Ablehnung einer Karriere immer beide Geschlechter vertreten, aber mit unterschiedlichen Anteilen. Dies war nur ein Einstieg in ein schier unerschöpfliches Thema: Die Diskussion ist eröffnet.

 

Frage-Nr.: 3.042
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-11-08

Von Heiko Mell

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