Heiko Mell

Gleichberechtigung – Qualität vor Quote!

Der Einsender ist Professor einer renommierten TU; diese Information ist für das Verständnis seiner Äußerungen wichtig. Uns gegenüber hat er seinen Namen selbstverständlich genannt.

Frage:

Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Gleichstellung, Förderung, Quote oder doch Bevorzugung?

Ich habe lange gerungen, ob ich mit offenem Visier kämpfe und diesen Artikel unter meinem Namen veröffentliche, habe mich aber dazu entschieden, dies anonym zu tun. Ich fürchte um Anfeindung, Nachteile bis hin zum Jobverlust, weil ich das Gefühl habe, in dieser Debatte nicht mehr – wie in einer Demokratie eigentlich üblich und erforderlich – eine möglicherweise politisch inkorrekte Meinung vertreten zu können.

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin ein großer Freund der Gleichberechtigung und für mich ist sie eine Selbstverständlichkeit, über die man eigentlich gar nicht sprechen müsste. Meine Frau und ich haben Kinder beider Geschlechter, die ich beide gleich schätze und immer ähnlich fair zu behandeln versucht habe. Ich selbst bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Gleichberechtigung schon vor 40 Jahren selbstverständlich war. Ich bin Ingenieur und habe je über ein Jahrzehnt sowohl in der deutschen technischen Großindustrie als auch in der Ingenieurwissenschaft gearbeitet. Was ich erlebt habe und derzeit erlebe, hat nach meiner Einschätzung in den Ingenieurwissenschaften nur noch wenig mit Gleichberechtigung zu tun:

Das fängt schon in der Schule an mit Girls‘ Days nur für Mädchen. Es geht weiter im Studium, wo es besondere Mentorenprogramme gibt und Quoten für Frauenstipendien festgelegt werden. Beim Berufseinstieg haben es Frauen derzeit ungleich leichter als Männer und werden von den Firmen hofiert. Von solch verlockenden Angeboten können gleich gute Männer nur träumen. Manche Firmen haben Einstellungsstopp, machen aber bei Frauen dann doch eine Ausnahme. Andere lassen im Assessment Center für das Management angeblich kaum noch Frauen durchfallen, weil man ja dringend Nachwuchs für das Management benötigt. Letztlich wurden und werden mit aller Macht Frauen in Führungspositionen gebracht.

In der Wissenschaft wird die Förderung von Frauen ebenfalls systematisch betrieben. Bei größeren Anträgen empfiehlt der Fördergeber die Aufnahme von Frauen in den Verbund – zu Deutsch: ohne eine Frau keine Chance für den Antrag. Somit bekommen junge Wissenschaftlerinnen Vorteile, weil sie Drittmittel einfach einwerben können. Bei der Besetzung von Professuren müssen wir an unserer Hochschule schon bei den Ausschreibungen potentielle Kandidatinnen vorweisen. Das Vorsingen kann nur stattfinden, wenn Kandidatinnen dabei sind. Die Liste wird nur akzeptiert, wenn auch eine Frau darauf steht. Wenn diese dann an Platz zwei oder drei steht, dreht der Rektor die Liste und beruft die Frau. Ich wundere mich, dass bisher erstplatzierte Männer noch nicht geklagt haben.

Wie das Ganze dann mit dem gerade gleichgestellten neutralen Geschlecht funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Welche Quote sollen wir denn da in Zukunft umsetzen? Böse Zungen reden schon davon, Männer in Wochenendseminaren umzugendern, damit sie danach Karriere machen können.

Ich halte es für falsch, Frauen in diesem rasanten Tempo Karriere machen zu lassen, wie es keinem Mann ermöglicht würde. Die Frauen sind damit häufig überfordert und machen den Job dann einfach auch nicht gut. Und ohne Jurist zu sein, halte ich es nicht für korrekt, eine vermeintliche Ungerechtigkeit der Vergangenheit oder in anderen Fachdisziplinen durch eine andere Ungerechtigkeit auszugleichen. Die Frauen, mit denen ich gesprochen habe, wollen diese besondere Behandlung überhaupt nicht, sondern sich ihre Karriere ehrlich und selbst erarbeiten. Lassen Sie uns doch einfach mal wirklich alle gleich behandeln.

Bitte in Zukunft wieder Qualität vor Quote und nicht: Same same, but different!

Antwort:

Ich folge Ihnen im Kern, kann aber den einleitenden Details nicht uneingeschränkt zustimmen, insbesondere auch nicht der Behauptung, Frauen hätten es als Berufseinsteiger leichter. Das aber ist ein Thema für sich.

Da ein Blick in die Vergangenheit nicht schaden kann: Während meines Studiums und in den ersten Jahren danach lag der Anteil der Frauen im Ingenieurbereich (aus dem Gedächtnis zitiert) bei etwa 2 bis 3 %. Aber nicht, weil ihnen das Gebiet per Dekret versperrt geblieben wäre (wie zu Kaisers Zeiten etwa das Medizinstudium), sondern doch wohl vor allem, weil das Interesse an der Technik fehlte.

Dass dann jemand auf die Idee kam, den Frauenanteil im technischen Bereich durch fördernde Maßnahmen zu steigern, ist verständlich. Dazu gehören Girls‘ Days und ähnliche Aktionen (dass „Girls‘ Days“ nur für Mädchen sind, wollen wir den Schöpfern doch nicht wirklich übel nehmen). Als sich dann in den Unternehmen das nie so ganz geklärte Phänomen des Ingenieurmangels ausbreitete, sprang die Wirtschaft auf den Zug der zielgerichteten Frauenförderung auf. Auf diesem Gebiet gibt es zahlreiche bereits existierende und auch noch in Entwicklung befindliche Maßnahmen, denen ich zustimmen kann. Vorausgesetzt, es geht um „Hilfe zur Selbsthilfe“, um Anschub für und/oder Entlastung von Frauen durch individuelle Maßnahmen ohne jede forcierte Benachteiligung anderer Geschlechter, von denen es ja mehrere zu geben scheint.

Beispiele, die ich positiv empfinde: Förderung in technischen Fächern schon in der Schule, spezielle hilfreiche Maßnahmen im Lern- und im Studienfinanzierungs-Bereich (sofern sie nicht zulasten anderer Geschlechter gehen), spezielle Fördermaßnahmen in den Betrieben (vom Betreuungsangebot für Kinder über Mentorenprogramme, vom internen Schulungsprogramm mit dem Ziel, Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung zu wecken bis zum speziellen Seminar „Führungswissen für Frauen“ ). Ich fordere das nicht, ich würde aber sehr gut damit leben können, wenn es das in breiterem Rahmen als heute schon gäbe. Denn wegen jener ca. 2 bis 3 % Frauen in Ingenieurberufen bei ihrem ca. 50-%-Anteil an der Gesamtbevölkerung und einem aufkommenden gefühlten Ingenieurmangel musste einfach irgendetwas geschehen. So weit, so gut.

Aber dann kamen die Quote und/oder die gezielte allgemeine Bevorzugung! Und die halte ich für absolut falsch, vollkommen unangemessen und weder vom theoretischen Ansatz her noch in der praktischen Umsetzung zu verantworten.

Sie, geehrter Einsender, schildern Beispiele, es gibt sicher aus anderen Bereichen des beruflichen Lebens noch zahlreiche weitere. Jede Quotierung fördert zwangsläufig auch (!) unqualifizierte Mitglieder der einen zulasten von vielleicht bis wahrscheinlich hochqualifizierten Angehörigen der anderen Gruppe. Was wir uns etwa im harten internationalen Wettbewerb gar nicht leisten können. Es kann in einer Leistungsgesellschaft kein wirklich überzeugendes Argument für die Quote geben. Ich unterstelle einmal, dass die Schöpfer dieses Instruments damit wirklich etwas Gutes tun wollten (über das Sammeln von Wählerstimmen hinaus), aber sie schufen ein Instrument, das zwangsläufig untauglich sein muss.

Was wir brauchen, ist eine vorurteilsfreie Bestenauslese bei jeder Besetzung einer Position, in der Verantwortung getragen wird. Darüber hinaus können und müssen wir jede Gruppe individuell fördern, in der noch heute ungenutztes Potenzial für die Übernahme gesellschaftlich wichtiger Aufgaben steckt. Eine weitergehende Bevorzugung zulasten anderer braucht in einer offenen Gesellschaft keine Gruppe, die etwa gut die Hälfte der Gesamtbevölkerung stellt. Und: Wer, wenn sie auf sich hält, will schon eine Position, die sie nur einer Quotenregelung verdankt?

 

Frage-Nr.: 3.017
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26-27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-06-28

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Von Heiko Mell

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