Die besten Manager

Frage: Mich interessiert Ihre Meinung zu folgendem Zitat von Steve Jobs: „Die besten Manager sind die großen individuellen Mitarbeiter, die niemals ein Manager sein wollen. Aber sie entscheiden sich, ein Manager zu sein, weil kein anderer das so gut hinbekommen würde.“ Ich vermute, die Bewertung dieser These ist eine echte Herausforderung für Sie.

Antwort:

Sie ist.

Aber: Ich verwende ebenfalls gern Zitate und kenne natürlich auch deren Schwächen. Eine davon: Es gibt nicht den geringsten Beweis dafür, dass jemand, der auf einem Feld Großes vollbracht hat, nun mit seinen Ansprüchen und Erkenntnissen auf allen möglichen Gebieten unbedingt richtig liegen muss. Stets ist also in solchen Situationen die Gegenfrage erlaubt: „Und wenn sich die von Ihnen zitierte Persönlichkeit nun geirrt hat?“ Das gilt für Cäsar ebenso wie für Goethe und – beispielsweise – Karl Marx.

Ich sage nicht, Steve Jobs hätte sich hier geirrt, aber möglich wäre es grundsätzlich.

Jobs war ein Mann, der das Glück hatte, mit seiner speziellen Begabung zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Hundert Jahre früher geboren – und man hätte vielleicht nie von ihm gehört.

Neben seiner grandiosen Leistung (Apple) gibt es in Wikipedia Geschichten über ihn, die folgende These stützen könnten: Als Mann, der darauf angewiesen wäre, im Zeitalter der Mechanik als zunächst kleiner Angestellter in einem fremden Großunternehmen die übliche Karriere zu machen, wäre er vermutlich gescheitert – und niemand hätte je Aussprüche von ihm über Management und die Träger desselben für die Nachwelt festgehalten. So lese ich bei Wikipedia u. a.:

„Das Studium brach Steve Jobs schon nach dem ersten Semester ab, blieb jedoch noch längere Zeit am Campus und besuchte einzelne Vorlesungen.“ …“Anfang 1974 arbeitete er einige Monate bei Atari und bereiste anschließend Indien, wo er sich mit dem Hinduismus, dem Buddhismus und der Primärtherapie (Urschreitherapie) beschäftigte.“ … „Während dieser Zeit entdeckte John T. Draper (alias Captain Crunch), dass man mit einer modifizierten Spielzeugpfeife, die sich in jeder Packung von Cap’n Crunch Frühstücksflocken befand, den 2600-Hertz-Ton erzeugen konnte, der bei AT&T von den Vermittlungsstellen verwendet wurde, um die Abrechnung der Gesprächsgebühren zu steuern. Wozniak baute daraufhin eine Blue Box, die diesen Ton erzeugen konnte. Er und Jobs begannen 1974, diese Kästen zu verkaufen, die es dem Besitzer ermöglichten, kostenlose Ferngespräche zu führen.“

Na toll, das scheint ja schon strafrechtlich bedenklich zu sein. Aber er war jung (19), da macht man so etwas schon einmal. Die Gründung von Apple in der Garage von Jobs geschah 1976. Dann kam der überaus eindrucksvolle Aufstieg von Apple. Bis es in seiner Biografie heißt: „Nach einem internen Machtkampf mit Scully verließ Jobs 1985 das Unternehmen. Fünf nahe Angestellte folgten ihm.“

Damit wir uns nicht missverstehen: Die technische sowie die unternehmerische Leistung von Steve Jobs sind beispielhaft. Aber ob er ohne sein Gespür für diesen ganz speziellen, sich gerade öffnenden Markt auch außerhalb der Computertechnik sowie als reiner Angestellter hätte Karriere machen können, möchte ich nicht beurteilen müssen.

Ich glaube, Ihr Zitat ist eine Beurteilung des einmaligen Steve Jobs durch den einmaligen Steve Jobs. Für Menschen ohne geniale Züge ist die dahinter stehende Philosophie ziemlich gefährlich. Denken Sie allein an das „Studium“ von einem Semester. In den Augen eines deutschen Konzerns würde dieses Manko bei einem Bewerber auch nicht durch Urschrei-Erfahrungen kompensiert.

Nach meiner Erfahrung muss man bei der Bewertung von Aussagen über Manager und Management unterscheiden zwischen angestellten Führungspersönlichkeiten, die sich intern hocharbeiten mussten und solchen, denen das jeweilige Unternehmen oder wesentliche Teile davon gehören. Beide Gruppen sehen die Dinge von verschiedenen Standpunkten aus recht unterschiedlich.

Sagen wir es so: Steve Jobs war eine „große individuelle“ Persönlichkeit. Wer von ihm lernen will, müsste in vielen Bereichen sein wie er. Sonst nützen ihm Jobs Erkenntnisse wenig.

Und als Warnung: Dieses Zitat ist nicht geeignet, um pauschal Menschen zu adeln, die „niemals ein Manager sein wollen“ – sie müssten sich zusätzlich auch noch als Computergenie beweisen. Oder: Wie viele „große individuelle Mitarbeiter“ verträgt ein klassisches Industrieunternehmen, das – sagen wir einmal – Teile für den Pkw-Antriebsstrang entwickelt, produziert und vertreibt?

Große Organisationen funktionieren vorrangig mit fachlich gut ausgebildeten, engagierten, kreativen, Weisungen akzeptierenden und umsetzenden Managern – die nicht zu „groß“ und nicht zu „individuell“ veranlagt sind und möglichst weder die Person noch die Befehle der obersten Spitze infrage stellen. Oder noch anders: Möchten Sie Chef eines Steve Jobs sein?

Kurzantwort:

Für (Computer-)Genies gelten andere Maßstäbe – und die Maßstäbe der Genies gelten nicht für andere Menschen.

 

Frage-Nr.: 2914
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-11-09

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