30 h reichen mir

Frage: Ich verfolge Ihre Kolumne seit elf Jahren, also seit ich selbst Dipl.-Ing. (FH) Maschinenbau wurde.
Die Basics der Ingenieurkarriere wurden von Ihnen ja in regelmäßigen Abständen dargestellt. Unbedingte räumliche Flexibilität, eine Karriereplanung und unbedingte Priorisierung derselben möchte ich in Kurzform nennen. Meine Anfänge als Ingenieur bestanden in einer Tätigkeit als Verkaufsingenieur in einem Randbereich der XY AG (wie fast immer, so steht auch hier im Original der Name eines Weltkonzerns; ich freue mich über das Vertrauen, das mir damit immer wieder entgegengebracht wird, drucke aber Firmen- und Personennamen hier aus Prinzip nicht ab; H. Mell). Ich wurde damals über eine Leiharbeitsfirma rekrutiert.
Hier gab es Ende der 90er Jahre ein starkes Wachstum mit keinerlei Arbeitsdisziplin und Geschäftsreisen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Hier waren Menschen tätig, die Karriere gemacht haben unter völliger Aufgabe ihres Privatlebens.
Ich persönlich habe jetzt eine Tätigkeit als technischer Sachbearbeiter mit einer Arbeitszeit von 30 Stunden pro Woche angenommen. Angebote, im außertariflichen Angestelltenverhältnis (AT) zu arbeiten, habe ich mehrfach abgelehnt.
Nun frage ich mich, ob die Thesen des Heiko Mell noch mit Dingen wie Work-Life-Balance vereinbar sind.

Antwort:

Menschen sind, wen wundert das wirklich, schwer zufriedenzustellen. So gibt es gerade eine breite öffentliche Diskussion darüber, wie man Angestellten, die wegen der Erziehung ihrer Kinder nur noch in Teilzeit arbeiten und jetzt händeringend wieder Vollzeitstellen suchen, wirksam helfen kann. Es scheint ja wirklich ein breites Bedürfnis vorzuliegen, wenn man bereits über gesetzliche Regelungen „zurück zur Vollzeit“ nachdenkt.

Und dann gibt es Menschen wie Sie, denen war es im Vertrieb zu „stressig“, die wechseln in die technische Sachbearbeitung, gehen auf Teilzeit hinunter – und lassen erkennen, dass sie anders orientierte Lebensentwürfe nicht mehr akzeptabel finden. Allein Ihre Ablehnung des AT-Status spricht Bände.

Ich wiederhole hier gern noch einmal: AT-Verträge sind nicht so gestaltet, dass die entsprechenden Angestellten in jedem Punkt besser gestellt sind als sie es im Tarif waren. Im Gegenteil, es ist sogar sehr gut möglich, dass im Einzelfall (diese Verträge werden individuell gestaltet, sie sind nicht genormt) weniger Netto-Bezüge dabei herauskommen (vor allem, wenn es um Überstundenvergütungen geht). Der AT-Vertrag ist hingegen eine Art „kleiner Ritterschlag“, ein erster Schritt auf dem Weg in die Karriere oder, schlichter gesagt, auf dem Weg nach oben. Er ist also für den aufstiegsorientierten Angestellten nicht etwa Endstufe mit lebenslanger (eventueller) Schlechterstellung gegenüber dem Tarif-Status, sondern Einstieg in eine Laufbahn, die eines Tages zur Führungsebene führt, in der man sich dann meilenweit von Tarifbezügen entfernt.

Das bedeutet auch: Wer so denkt wie Sie, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit gute Argumente, um einen angebotenen AT-Vertrag abzulehnen. Warum sollten Sie die pauschal gar nicht so besonders vorteilhafte Einstiegsoption in die „Offizierslaufbahn“ akzeptieren, wenn Sie gar nicht „Offizier“ werden, sondern „Mannschaftsdienstgrad“ bleiben wollen?

Was wiederum Ihr gutes Recht ist. Wie es auch das gute Recht anderer Angestellter ist, in Führungsfunktionen aufsteigen zu wollen – und wie es das gute Recht einer Zeitung ist, eine Rubrik „Karriereberatung“ zu nennen und den inhaltlichen Schwerpunkt auch daran zu orientieren.

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Begriffe wie Work-Life-Balance nicht besonders mag. Aber ich bin ja lernfähig. Ist Ruhe nicht ein Zustand der Bewegung mit der Geschwindigkeit null? Also dann:

– sind wir erstens stets alle in Bewegung und

– gibt es zweitens „Work-Life-Balance“ immer und unter allen Umständen für alle. Manche verstehen darunter eben fast 100% Life (das ist, siehe oben, immer noch „Balance“), andere wieder fast 100% Work (das ist dann deren „Balance“) – jeder kann nach seiner Fasson glücklich werden. Dann hat es diese Balance auch immer schon gegeben, wir können den Begriff als neuartige Problembeschreibung vergessen. Und Geschäftsführer, Vorstände und andere Führungskräfte haben halt andere Ziele als Menschen, die Karriere nicht wollen oder nicht können. Schon Cäsars Legionen brauchten gleichermaßen Obergefreite wie Generäle (ich weiß, dass die damals anders hießen, aber darum geht es ja hier nicht) – und beide Gruppen werden schon damals unterschiedliche Ansprüche „an das Leben“ gehabt haben.

In Kurzform: Mell beruft sich auf einen physikalischen Grundsatz sowie auf Cäsar und unterstreicht damit sein zeitloses Denken.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2908
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-10-19

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