Heiko Mell

Landgräfin, werden Sie härter

Frage/1: Nach meinem Master im Studiengang Maschinenbau bin ich seit einem Jahr in einem großen Unternehmen als Ingenieurin tätig geworden. Seit einem Jahr bin ich dort angestellt. Die Arbeit liegt und gefällt mir sehr gut.

Frage/2: Leider habe ich feststellen müssen, dass mein Vorgesetzter sehr cholerisch ist. Er würdigt nicht nur wöchentlich Mitarbeiter aus unserem Umfeld herab, sondern auch mich und die Kollegen aus meiner Abteilung. Einmal hatte er einen Wutanfall, der auch mich betraf. Er bezeichnete mich als unfähig – in Bezug auf meine Arbeit, aber auch persönlich (ich weiß zwar nicht, was außerhalb der betrieblichen Tätigkeit „persönlich unfähig“ bedeuten soll, aber lassen wir das einfach einmal so stehen; H. Mell). Negative und herabwürdigende Phrasen sind bei ihm keine Seltenheit. So honoriert er vor unseren Augen selten unsere Arbeiten und ist beim Small-Talk wie z. B. beim Mittagessen sehr verletzend. Er macht mir gegenüber Bemerkungen wie: FH-Absolventen wie ich seien unbrauchbar, ehrenamtliches Engagement im VDI sei verschwendete Zeit etc. In den bisherigen Feedback-Gesprächen sprach er zwar sehr positiv von mir, jedoch enthielten seine Sätze Füllwörter wie „eigentlich“ etc., sodass ich seine Aussagen nicht für voll nehmen konnte.

Frage/3: Dies führt dazu, dass meine Motivation nachlässt. Ich möchte gerne kündigen. Welche Gründe führe ich dafür an?

Antwort:

Antwort/1:
Die Geschichte läuft darauf hinaus, dass Sie Ihren Chef für cholerisch halten und gerne wechseln möchten. Ich beginne aber schon jetzt, nicht ohne Verständnis für diesen Mann zu sein. Die Begründung: Ihre Art der Informationsaufbereitung kann empfindliche Gemüter schon reizen – wozu auch immer.

Sie haben sich bei diesem für Sie wichtigen Schreiben sicher große Mühe gegeben, haben nachgedacht, die einzelnen Absätze noch einmal durchgelesen, bevor Sie das „Werk“ abgeschickt haben. Schauen wir uns nur einmal die ersten oben abgedruckten Zeilen an:

a) „… bin ich seit einem Jahr … tätig geworden“, das sagt man so nicht. Korrekt wäre: „… seit einem Jahr tätig.“

b) Der zweite Satz fängt mit „Seit einem Jahr bin ich …“ an – eine total sinnlose, den Leser nervende Wiederholung der Aussage aus dem Satz davor.

Wenn ich Ihr Vorgesetzter wäre und Sie würden mir so etwas als Ausarbeitung zur Vorlage beim Konzernvorstand unterbreiten, dann könnte ein sehr kritischer Mensch meine Reaktion eventuell auch als aufbrausend (eine eher harmlose Definition Ihres Vorwurfs an Ihre Führungskraft) einstufen.Zur Klarstellung: Sie tragen einen typisch deutschen Namen, geben Deutsch als Muttersprache an, sind hier geboren, haben lt. Lebenslauf ständig hier im Lande gelebt (und ich beschränke mich zum Thema Sprache auf diese Anmerkung, kürze und korrigiere den Rest Ihrer Darstellung und widme mich nun allein Ihrer Frage).

 

Antwort/2:
Ich glaube, wir müssen einmal klären, was cholerisch überhaupt ist. Man definiert das etwa mit „jähzornig, aufbrausend, leicht reizbar“. Ein solcher Mensch bekommt häufig aus nichtigem oder gar keinem erkennbaren Anlass Wutanfälle, schreit (brüllt) die Leute an, ist unbeherrscht. Sie schildern nur einen einzigen Wutanfall in Ihrem einen Jahr, damit müssen wir „cholerisch“ erst einmal streichen. Keine Angst, es bleibt genug an kritikwürdigem Benehmen übrig, wenn Ihre Schilderungen korrekt sind.

Fest steht, es gibt solche Menschen – und es gibt sie auch in Chefetagen. Vielleicht ist ein solcher Mann zynisch, herablassend, vielleicht auch schlicht ein wenig bösartig. Eine korrekte Definition per Ferndiagnose ist nicht nur schwierig, sie hilft auch nur begrenzt weiter – schließlich wollen wir ihn hier nicht „bessern“. Bei der Gelegenheit: Sie werden das in Ihrer Stellung auch nicht schaffen.

Ich will, selbst wenn es für Sie nicht so aussieht, Ihnen helfen, Sie vor einem Scheitern ebenso bewahren wie vor unüberlegten Schritten. Dabei sind mir folgende Aspekte wichtig:

I. Ihr Lebenslauf weist etwa ein Semester im Masterstudiengang an einer „fremden“ Hochschule aus, bevor Sie an Ihren früheren Studienort zurückkehrten. Sie werden Ihre Gründe gehabt haben; isoliert gesehen ist es fast eine Bagatelle –aber in Verbindung mit Ihren Problemen jetzt in der Startposition nach dem Studium fällt es auf.

II. Ihr Arbeitgeber ist ein weltweit erfolgreicher, hochrenommierter deutscher Konzern. Was konkret nichts beweist – auch dort kommen Ausreißer im Management vor. Aber die Manager unterliegen kritischen Bewertungen von Anfang an, müssen durch Tests und Assessment-Center, werden von Personalabteilungen und ihren Chefs beobachtet (z. B. auf außergewöhnlich hohe Fluktuationsraten bzw. auffällig viele Beschwerden von Mitarbeitern).

Dem steht die Einstufung und Persönlichkeitsbeurteilung durch eine junge Ingenieurin in ihrem ersten Job seit Studienabschluss gegenüber, die schon einmal (im Studium) nach wenigen Monaten das Handtuch geworfen hat. Was u. a. die Frage nach Ihren Maßstäben aufwerfen könnte.

III. Sie sagen nichts über die Empfindungen Ihrer Kollegen, die lt. Ihrer Darstellung ja auch ihr „Fett“ abbekommen. Wieso sind die alle noch da und planen nicht etwa zumindest einen Abteilungswechsel?

Ich neige zu der Ansicht, dass Sie bei aller Einbeziehung Ihrer und abteilungsfremder Kollegen das Gefühl haben, der Chef habe vorrangig etwas speziell gegen Sie. Damit hätten wir ein ganz anderes Problem.

Halten wir zur Vorsicht einmal fest: Dass Mitarbeiter (hinter seinem Rücken) über ihren Chef schimpfen, ist ziemlich normal. Dass Chefs nicht unbedingt pauschal die besseren Menschen sind, sondern z. B. eher demotivierend als motivierend führen, schlecht über andere Leute reden, ihre Rangstellung ausnutzen, um herabsetzende Bemerkungen über Unterstellte und Fremde zu machen, ist auch – leider – weiter verbreitet. Es gibt aber auch viele andere, ausgesprochen vorbildlich führende, im Umgang souveräne bis sogar nette Chefs; mal trifft man es so, mal wieder anders.Schauen Sie einmal darauf, was Ihre (Abteilungs-) Kollegen tun, nicht was sie reden: Verfassen sie massenweise Beschwerden an den Chef Ihres Chefs, werden sie ständig mit ihrer Kritik beim Betriebsrat oder der Personalabteilung vorstellig? Ich vermute, so ist es nicht. Machen Sie es erst einmal wie die anderen. Versuchen Sie, Ihre Reaktionen an deren entsprechende Handlungen (nicht an deren Worte!) anzupassen.

 

Antwort/3:Keine, denn Sie sollten es nicht tun. Man wirft nicht beim ersten Versuch einer Integration in die neue Arbeitswelt sofort das Handtuch, man tut im Gegenteil alles, um das Problem zu lösen.

Mit Ihrem extrem auffälligen einen Dienstjahr bei einem Nummer-eins-Konzern (falls es später weitere Auffälligkeiten gibt, gilt das verstärkt) stünden Sie noch in zehn Jahren in Vorstellungsgesprächen unter Rechtfertigungsdruck.

Meine Empfehlung: Überlegen Sie erst einmal sorgfältig und eingehend, womit vielleicht Sie in besonderem Maße Ihren Chef gegen sich aufbringen, reizen oder was auch immer. Dann passen Sie Ihre Reaktionen auf das Chef-Gebaren erst einmal denjenigen Ihrer Kollegen an (heimlich schimpfen, aber nichts Unüberlegtes tun; fahren Sie Ihre Empfindlichkeiten runter, werden Sie härter im Nehmen).

Vor allem aber bitten Sie den Chef um ein vertrauliches Gespräch. Darin beschweren Sie sich noch nicht einmal andeutungsweise, sondern Sie sagen, Sie hätten das Gefühl, er sei speziell mit Ihnen nicht so zufrieden, wie er es sein sollte. Und was Sie tun könnten, um das zu ändern. Ob es etwas gäbe, wo Sie nicht zu seiner Zufriedenheit arbeiteten, aufträten etc. Sie hätten lange nachgedacht und wären – spät, aber hoffentlich noch rechtzeitig – zu dem Schluss gekommen, wenn er nicht zufrieden sei, müsse das an Ihnen liegen. Nun bäten Sie ihn um Hilfe.

Das wird ihm gefallen. Hören Sie genau zu, wenn er etwas auf Ihre Frage antwortet, Chefs neigen leider nur zu Andeutungen, statt zu brutaler Klarheit. Und sein „Eigentlich“ zeigt, dass er heute sowohl positive als auch kritikwürdige Aspekte bei Ihnen sieht. Das aber ist doch ein Anfang!

 

PS: Die heutige übliche Formulierung „Landgraf, werde hart!“ geht zurück auf Wilhelm Gerhard (1780–1858), der Ursprung entstammt einer Sage – und wie so oft bei Zitaten passt hier nur noch der Text.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2897
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-08-10

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