„Willkürliche Entlassung“

(Der Fall 2.876 betraf die deutsche Tochter eines ausländischen Konzerns. In dessen ferner Hauptverwaltung hatte man festgelegt, dass alle – auch die deutschen – Führungskräfte jährlich u. a. beurteilen müssen, wie „wichtig“ jeder ihrer Mitarbeiter für das Unternehmen ist. Dabei war vorgeschrieben, dass bei der Größe der hier betroffenen Abteilung ein Mitarbeiter „unwichtig“ sein musste. Die deutschen Chefs vergaben dieses „Prädikat“ einfach reihum im jährlichen Wechsel. Plötzlich hatte das Konsequenzen: Die „Unwichtigen“, obwohl nur zufällig getroffen, mussten gehen.Ich warf dem deutschen Management vor, sie hätten das von ihnen selbst erfundene Reih­um-Verfahren so nie praktizieren dürfen; H. Mell):In Ihrer Antwort/2 schreiben Sie: “Ich propagiere hier sicher nicht den Volksaufstand des Managements. Aber irgendetwas hätte man unternehmen müssen – und wenn man dem dafür zuständigen HR massiv auf die Füße getreten wäre. Die Leute dort müssen (!) das ‚Umlageverfahren‘ bemerkt haben und durften es nicht dulden.“ Hätte dann der Exponent des Managements, der irgendetwas massiv unternommen, sich weit aus dem Fenster gelehnt hätte, auch die Antwort von Ihnen erhalten, die Sie dem von der Kündigung betroffenen damaligen Einsender unter Antwort/3 gaben: „Also ich glaube den generellen Ablauf der Geschichte, aber was unseren Einsender angeht, glaube ich an den reinen Zufall und seine ‚pure Unschuld‘ nur bedingt.“

Antwort:

Trennen wir vorsichtshalber die beiden angesprochenen Problemkreise voneinander:a) Der Einsender und seine „pure Unschuld“ sowie der „reine Zufall“, der zu seiner Entlassung geführt hatte:Da hat ein Chef einen seiner x Mitarbeiter im Lotterieverfahren als „am unwichtigsten von allen“ bezeichnet, muss ihn jetzt entlassen – und tut das relativ unbewegt. Ist das übliches Chefverhalten? Schön, gegen Befehle aus dem fernen Hauptquartier kann man letztlich nichts tun. Aber wenn die „Lotterie“ nun zufällig seinen wichtigsten Mitarbeiter getroffen hätte, wäre er (der Chef) dann auch so ungerührt zur Entlassung geschritten? Ich glaube das nicht. Ich vermute hingegen, dass der Vorgesetzte bei Abwägung aller Argumente und unter dem Druck der Vorgabe „einer muss raus“ letzten Endes diesen betroffenen Mitarbeiter noch für am entbehrlichsten hielt.Und: Wofür ist man in so einem Konzern eigentlich vernetzt? Woher kommt die Erkenntnis, dass man als Chef schon aus Überlebensgründen die Flöhe husten hören muss? Man kennt einfach ein paar Leute jenseits des großen Wassers, die ihrerseits die Flöhe … (sie sind ja auch von diesem Unsinn betroffen!). Und man ist mit dem hauseigenen HR-Chef gut bekannt – und irgendjemand von denen hat gewusst, dass das Prädikat „am unwichtigsten von allen“ in diesem Jahr Konsequenzen haben würde, mindestens aber haben könnte. In jedem Fall sollte es entsprechende Gerüchte gegeben haben …Nein, ich glaube, so furchtbar unzufrieden war der Chef gar nicht mit dem „zufälligen Ergebnis“ der Bewertung in diesem Jahr. Ich habe für meine Einschätzung allerdings nur die Schilderung des betroffenen Einsenders, aber auch ich höre in solchen Schilderungen die Flöhe husten.Dies nur zum Verständnis und zur Klarstellung. Ihre Kernaussage jedoch liegt hier:b) Sie vermuten, ich hätte dem Manager, der „irgendetwas massiv unternommen, sich weit aus dem Fenster gelehnt und dafür mutmaßlich mit seiner Kündigung bezahlt hätte“, später erklärt, das habe er nun davon. Sie sehen das leider völlig falsch!Sie hätten recht, würde ich den Aufstand des deutschen Managements gegen Anweisungen aus dem Welthauptquartier verlangen. Aber davon war doch gar nicht die Rede!Sehen wir die Fakten: Anweisung war, in dieser Abteilung jedes Jahr einen Mitarbeiter als „am unwichtigsten“ auszuweisen. Diese Anweisung ist unsinnig, aber direkte Auflehnung dagegen ist sinnlos. Schön, man hätte als betroffener Chef eine Eingabe über die deutsche HR-Stelle auf dem Dienstweg an das Hauptquartier machen, auf die Probleme hinweisen und um Abhilfe bitten können. Man kann so etwas aber wegen absolut negativer Erfolgsaussichten auch lassen.Nein, ich fordere nicht Auflehnung gegen eine verbindliche Konzernanweisung, ich erwarte Ablehnung der hier gefundenen „Mauschellösung“ mit dem Slogan „Jeder kommt mal dran“. Wenn man Vorgesetzter ist, weiß man: Alles, was ich irgendwo ankreuze, wird aktenkundig, landet in der Personalakte. Und ich muss wissen: Wenn die Jungs jenseits des großen Wassers jedes Jahr einen aus meiner Abteilung als „am wenigsten wichtig“ benannt haben wollen, dann ist irgendwann irgendwie mit Konsequenzen zu rechnen. Sonst wäre es reine Schaumschlägerei.Ich halte schlicht das Reihum-Verfahren für nicht zu verantworten. Man hätte eine andere Lösung finden müssen. Und wenn man einfach getan hätte, was befohlen war: Der jeweils von allen sehr wichtigen Mitarbeitern am wenigsten sehr wichtige bekommt das vorgeschriebene Kreuz bei „unwichtig“, ist enttäuscht und geht. Soll doch HR ans Hauptquartier melden, man verdanke dem System eine teure Fluktuation. Vielleicht ist die ja gewollt; wer weiß schon, wie man im HQ denkt?Oder der Chef kommt zu dem Ergebnis, dieser Konzern mit diesen Methoden sei seine berufliche Heimat nicht – und geht selbst. Das muss jeder mit sich ausmachen.Aber aus einer unmöglichen Konzernanweisung eine noch unmöglichere Mauschellösung ohne Zukunft aber mit erheblichem „Zeitbombenpotenzial“ zu machen, das ist äußerst gewagt.Lesen Sie, geehrter Einsender, den Originalbeitrag noch einmal. Ich rief zum Widerstand gegen das selbst erfundene Umlageverfahren einer Negativbewertung auf. Da wäre die buchstabengetreue Anwendung der Konzernbeurteilung das kleinere Übel gewesen (hätte aber vom ausführenden Chef mehr Mut bei der Durchführung verlangt).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2892
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-06-29

Top Stellenangebote

Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Einkäufer (m/w/d) Coswig
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieure (m/w/d) Fachrichtung Bau und Architektur Elektrotechnik Versorgungstechnik Frankfurt am Main
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Projektleiter (m/w/d) für den Bereich Bundesbau Wiesbaden
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG-Firmenlogo
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG Patentingenieur (m/w/d) Wolfertschwenden
Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Projektingenieur (m/w/d) Coswig
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH-Firmenlogo
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH Bauingenieur / Statiker (m/w/d) Wesseling
Karlsruher Institut für Technologie-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie Projektbevollmächtigte (w/m/d) Fachrichtung Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik Eggenstein-Leopoldshafen
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Mechanical Engineer Öl & Gas (m/w/d) Hamburg
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH-Firmenlogo
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH Straßenbau-Ingenieur (m/w/d) Celle, Bad Bevensen
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft – für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände (m/w/d) Lüneburg

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: K…