Heiko Mell

Datenschutz im ICE

So gut wie mein ganzes Berufsleben in höheren Positionen haben Sie mich mit Ihrer wöchentlichen „Karriereberatung“ in den VDI nachrichten mit vielen Tipps und der Erklärung wirtschaftlicher Zusammenhänge wie auch menschlicher Handlungsweisen unterstützt. Das hat es mir ermöglicht, sicher etliche Fettnäpfchen auszulassen, innerbetriebliche Entwicklungen früher zu erkennen und auf viele Situationen besser vorbereitet zu sein.
Dafür vielen Dank und hohe Anerkennung.

Nun blicke ich als langjährig tätiger GF einer in ihrer Branche sehr anerkannten GmbH auf viele Jahre einer erfolgreichen beruflichen Tätigkeit zurück.
Mein heutiges Thema: Wirtschaftserlebniswelt ICE, 1. Klasse, Großraumwagen.

Als Vielfahrer der Bahn erschüttert es mich immer wieder, wie freizügig man beim Telefonieren schon auf dem Bahnsteig, aber insbesondere im Zug, mit geschäftlichen Interna umgeht. Es ist inzwischen normal, dass gestandene Geschäftsleute nach erfolgreichen Verhandlungen sich in den Sitz flegeln und in aller Gemütsruhe dem Kollegen, der Sekretärin oder dem Vorgesetzten per Handy im Detail von der gerade geführten Verhandlung berichten – unter voller Namensnennung, noch nicht einmal mit Abkürzungen oder Umschreibungen aller Beteiligten. Manchmal folgen dann sogar noch Strategieabsprachen, wie man nun weiter verfahren möchte.

Einmal habe ich das sogar von einem unserer Mitarbeiter erlebt, der eine Reihe vor mir saß.
Highlights: Ein äußerst gut gekleideter Herr beriet sich mit seinem Bankberater, was er am besten mit den 300 000 EUR macht, die er jetzt zu Hause hat. Eine Dame berichtete ihrer Freundin detailverliebt, wie sie sich sowohl mental als auch kleidungsmäßig – bis zur Unterwäsche – auf das Vorstellungsgespräch vorbereitet hatte und wie die „Typen“ dort so waren. Ein Konkursverwalter versuchte per Handy, drei Paletten Pornohefte meistbietend zu verkaufen.
Als nun kürzlich ein Mitreisender per Handy eine Wettbewerbsabsprache mit einem Mitbewerber traf, um sich nicht gegenseitig die Marge kaputt zu machen, sah ich mich – neben meiner Anerkennung für Sie – zu diesem Brief veranlasst.

Auswertungen der Versicherungssparte „Vertrauensschadenversicherung“ haben übrigens ergeben, dass ein sehr großes Schadenspotenzial durch die Chefs selbst gegeben ist – entweder unbedacht oder bedingt durch Mitteilungsfreude oder das Bedürfnis nach Eigenlob.

Ich fuhr mal bei einem Geschäftspartner im Auto mit, der mich vorher höflich aber bestimmt informierte: „Im Auto bitte keine Details und keine Namen, unser Fahrer ist im Betriebsrat.“
Ich wünsche Ihnen persönlich alles Gute und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit für die „Karriereberatung“.

Antwort:

Der letzte Satz leitet über zu der sich aufdrängenden Frage: Hat das überhaupt mit unseren zentralen Themen zu tun? Ich bin ganz sicher: es hat.

Zunächst einmal: Ich kann das alles aus eigenem Erleben voll bestätigen. Es ist haarsträubend! Wäre ich Chef der Auslandsspionage eines fremden Landes, würde ich einen Haufen unauffällig aussehender Reisender in deutsche ICEs entsenden und sie dort zuhören lassen, vielleicht würde ich sie auch mit hochempfindlichen Aufzeichnungsgeräten ausstatten. Wenn dann ein paar Analytiker im Büro den monatlichen Datenanfall auswerten, käme sicher so manche Info-Sensation oder doch wenigstens die Basis für ein paar kleinere Erpressungen zustande. Wer garantiert uns, dass es so etwas nicht längst gibt?

Es kommt eine Menge an Kritikpunkten zusammen, wenn man die beschriebenen Verhaltensmuster bewertet:

– Man tut so etwas nicht, es ist unhöflich und wirkt schlicht ungebildet. Man drängt Fremden nicht intensiv Details auf, die sie gar nicht hören wollen. Solches Tun disqualifiziert die „Täter“.

– Angestellte aller Ebenen – gerade auch Manager – haben in ihren Arbeitsverträgen z. T. seitenlange Verschwiegenheitsverpflichtungen. „Offene“ Darlegungen solcher Details vor fremdem ICE-Publikum verstoßen in eklatanter Form dagegen oder schlicht gegen Bestimmungen des Datenschutzes. Hier ergeben sich schnell Entlassungsgründe! Vielleicht ist sogar das plötzliche Ende mancher Karriere auch auf solche „Vorkommnisse“ zurückzuführen. Ein über entsprechenden „Verrat“ informierter Vorstand wird sich nicht in die Niederungen einer Detailauseinandersetzung mit einem Beschuldigten begeben – er entzieht diesem schlicht sein Vertrauen.

– Unterschätzen Sie niemals die Bedeutung des Zufalls: Da sitzt hinter Ihnen ein Mitarbeiter Ihres Hauses, den Sie nicht persönlich kennen oder ein externer Duzfreund Ihres Chefs, der sich aus Bruchstücken einen Sachverhalt zusammenreimt. Oder es ist ein Mitarbeiter der Steuerfahndung auf Dienstreise (was für eine finstere Drohung, die mir da eingefallen ist!). Oder, immer beliebter, ein Mitreisender nimmt heimlich ein Video auf und stellt das dann ins soziale Netzwerk.

Ihnen, geehrter Einsender, gilt mein herzlicher Dank für Ihre Anerkennung meiner Arbeit. Um so manchen (meist jüngeren) Zweifler überzeugen zu können, brauche ich gerade auch solche Zustimmung in entsprechenden Einsendungen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2879
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-05-04

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