Mit holperigem Lebenslauf zu alten Wurzeln zurück?

Ich habe zunächst einmal sehr lange studiert (15 Semester). Mein Studium musste ich größtenteils mit Arbeit nebenher selbst finanzieren. Ich kann diese Tätigkeiten mit Zeugnissen beweisen, gehe aber davon aus, dass es heute – mit Ende 40 – keinen Sinn mehr macht, so etwas beizufügen.

Antwort:

In dem Alter schildern Sie das Studium einfach mit den üblichen Details, geben aber keine Erklärungen dazu mehr ab und blähen die Datenmenge nicht mehr durch Zeugnisse aus dieser Zeit vor dem Examen auf.Das Examenszeugnis mit Noten muss beigefügt sein. Sie haben einen Uni-Abschluss mit „gut“ und sechs „sehr guten“, aber sieben „ausreichenden“ Noten auf der ersten Seite.Diese Studiendetails vermitteln kein einheitliches, sondern ein zerrissenes, kritisches Bild – und stimmen etwas misstrauisch, was die folgende Analyse der Berufstätigkeit angeht, in die Sie damals mit 29 Jahren einstiegen.Frage/2:Der erste Job war befristet auf zwei Jahre.Antwort/2:Das wäre ja noch nicht so schlimm, wäre das Zeugnis besser. Es ist nur „befriedigend“, sagt nichts über eine Befristung und nichts über die Umstände des Ausscheidens (wer hat wem gekündigt?). Am Ende dieser Phase sind Sie 31, und die Sache sieht nicht gut aus.Frage/3:Für den nächsten Arbeitgeber (Automotive/Konzerntochter) war ich ein halbes Jahr im außereuropäischen Ausland. Dann aber musste ich feststellen, dass sich meine Ambitionen auf eine Führungsposition nicht erfüllten und mehr und mehr neuere Kollegen mich rechts und links überholten. Ich blieb dort ca. sieben Jahre.Antwort/3:Zwar fehlt hier – am Schluss waren Sie 38 Jahre alt – der „richtige“ Aufstieg, aber die Gesamtsituation bessert sich: Ihr Zeugnis nach hinreichend langer Dienstzeit ist erstklassig (wir schreiben 2006).Frage/4:Bei dem dritten Arbeitgeber (Tier 1-Zulieferer) konnte ich nach nur einem Jahr Werkleiter eines Produktionsstandortes mit ca. 100 Mitarbeitern werden. Dort lief zunächst alles sehr gut. Dann kam die Wirtschafts-/Branchenkrise, der ausländische Konzern schloss zugunsten seiner „einheimischen“ Produktion den deutschen Standort, den ich leitete. Also durfte ich gehen, und wir haben uns getrennt. Antwort/4:Und dann sind Ihnen die Pferde durchgegangen: Irgendjemand (kennen wir den?) hat für 2,5 Jahre Gesamtdienstzeit und davon 1,5 Jahre Werkleitung vier eng beschriebene Seiten beim Zeugnis für angemessen gehalten. Das liest doch kein Mensch bei einer Bewerbungsanalyse im Detail durch!Formal ist das Dokument sehr gut, aber: Diese wunderbare, jedem einleuchtende Begründung mit der Werksschließung kommt noch nicht einmal andeutungsweise vor, zum Ausscheiden heißt es: „… auf eigenen Wunsch im besten Einvernehmen …“. Das wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. Denn: „im (besten) gegenseitigen Einvernehmen“ ist die übliche Floskel für die arbeitgeberseitige Kündigung. Beides passt nicht zusammen.Wenn man einem Zeugnis nicht so recht traut, schaut man im Lebenslauf nach der folgenden Position. Da ergibt sich dann so manches Indiz …Frage/5:Damals gab es kaum Jobangebote, ich wurde für etwas mehr als ein halbes Jahr selbstständig und konnte durch mein privates Netzwerk einige Aufträge ergattern.Über einen Berater bekam ich mein nächstes Engagement. Bei einem renommierten größeren Arbeitgeber (Zulieferer Tier 1) übernahm ich die Produktionsleitung für zwei europäische Standorte mit 550 Mitarbeitern und hatte die unverbindliche Aussicht auf kurzfristige Übertragung einer Geschäftsführungsposition.Es kam, wie es kommen musste: Aus der versprochenen Beförderung (GF) wurde nichts, ein langjähriger Konzernmitarbeiter machte das Rennen. Ich zog erhobenen Hauptes von dannen, bevor ich eventuell gegangen wurde. Ich hatte die Situation dort falsch eingeschätzt, war zu leichtgläubig und habe die Bedeutsamkeit von erfolgreichem Networking in diesem Unternehmen vernachlässigt.Mist, schon wieder ein Wechsel (das war O-Ton des Einsenders, nicht ich; H. Mell).Antwort/5: Letzteres kann ich nur bestätigen. Die ganze Geschichte hatte nur ein gutes Jahr gedauert – und liegt jetzt fünf Jahre zurück.Ach, wenn es doch nicht die Kleinigkeiten wären, über die man als Bewerbungsanalytiker zu stolpern geradezu verpflichtet ist: 550 Mitarbeiter hatten Sie dort lt. Lebenslauf geführt, „in Summe bis zu 450 Mitarbeiter“ billigt Ihnen das Zeugnis zu. Diese dumme Differenz macht keinen guten EindruckUnd noch etwas: Eben gingen Sie noch „erhobenen Hauptes von dannen“, im – formal sehr guten – Zeugnis scheiden Sie schon wieder „auf eigenen Wunsch im besten Einvernehmen“ aus – wo bloß habe ich das hier kürzlich erst gelesen?Ich bin nun bereit, hier eines der ganz großen Geheimnisse unserer Zunft mit höchster Vertraulichkeitsstufe an die Leser dieses speziellen Beitrages weiterzugeben:In der Bewerbung eines Menschen liegen seine einzelnen Arbeitgeberzeugnisse chronologisch oder umgekehrt chronologisch hintereinander. Wenn man also sein eigenes Zeugnis selbst schreiben darf und mangels Fachkenntnissen oder aus Faulheit irgendwo abschreibt, DANN NICHT BEI EINEM SEINER EIGENEN ZEUGNISSE – UND SCHON GAR NICHT BEI DEM AUS DER POSITION DAVOR. Weil: Dem Bewerbungsempfänger fällt es auf, dass er diesen Absatz gerade eben erst gelesen hat – und er fühlt sich ver… (also für ziemlich dumm verkauft).Sie ahnen es, liebe Leser: Dieses ohnehin wegen der Umstände auffällige und kritisch betrachtete Zeugnis vom vorletzten Arbeitgeber ist im letzten Absatz textgleich mit dem davor. Inklusive des „besten Einvernehmens“ und einer weiteren Besonderheit: In beiden Fällen wird erst für die private und dann erst für die berufliche Zukunft viel Glück gewünscht. Nach einem Gerücht in unserem Metier könnte das ein Hinweis darauf sein, dass die Probleme dieses Mannes im privaten Bereich liegen … Wie auch immer: Man vermeidet so etwas. Selbst wenn das Gerücht nicht stimmt, hat das Private an der Spitze einer solchen Aufzählung hier nichts verloren – warum steht es dann aber da?Frage/6:Ich fand vor fünf Jahren eine neue Anstellung beim heutigen Arbeitgeber: Branchenwechsel, kleinere Firma, im internationalen Konzern, aber mehr Verantwortung, ich leite mehrere Werke und war zunächst sehr erfolgreich und happy!Nun sieht unsere ausländische Mutter, die ihren Anlegern Wachstum versprochen hat, dafür kein großes Potenzial mehr – als Lösung kauft sie zu! Dabei war sie glücklos. Die Folge ist eine leere Kriegskasse, zwar gestiegener Umsatz, aber keine gestiegene Rendite. Nun gingen die ersten Kosteneinsparungswellen los. Kürzlich hat es dann auch mich erwischt: Meine Position wurde gestrichen, es gibt einen Aufhebungsvertrag. Ich bin freigestellt, bekomme ein wohlwollendes Zeugnis und habe ein gutes halbes Jahr Zeit zur Stellensuche.Ich merke, dass die Suche sehr schwer ist. Ich merke auch, dass ich im – früher meinen Werdegang prägenden – Automotive-Bereich heute nicht mehr ankomme. Auch der Sondermaschinenbau lehnt mich ab, ich komme ja aus der Großserienfertigung.Nun habe ich wieder Kontakt zu einem Unternehmen bekommen, für das ich in meiner Selbstständigkeit tätig war. Man bietet mir die Leitung eines Operations-Bereichs im Dienstleistungsumfeld der Automotive-Branche an.Soll ich annehmen? Oder schränke ich mich zu sehr ein? Sollte diese Option nicht klappen, warum auch immer, stehe ich verdammt blöd da. Und derselbe Arbeitgeber zweimal? Oder zählt ein damaliges Interimsmanagement nicht als Rückkehr?Die Daten und Fakten des Angebots passen einigermaßen, auch das Einkommen stimmt.Annehmen oder weiter suchen? Eigentlich habe ich noch sechs Monate Zeit, aber ich merke, wie schwierig die Suche ist. Antwort/6:Oberflächlich betrachtet haben Sie in Ihrer beruflich relevanten Vergangenheit einfach „glücklos operiert“. Aber das wäre eben oberflächlich betrachtet.Angefangen hat das mit den fünfzehn Semestern Studium und dem Zeugnisbild aus jener Zeit, das von „ausreichenden“ Noten nur so wimmelt. Ob dieses Gesamtresultat nun Ausfluss Ihrer Persönlichkeit war oder ob die entsprechenden Geschehnisse Ihre Persönlichkeit geprägt haben, werden wir hier nicht mehr klären können.In jedem Fall begann damit eine gewisse Zwangsläufigkeit, die Ihnen damals nicht aufgefallen ist, sich aber dem vorgebildeten Betrachter aufdrängt: Sie traten mit einer zweitklassigen Studienbasis auf dem Markt für Berufseinsteiger an. Und wie reagiert ein Markt darauf? Mit ebenfalls zweitklassigen Angeboten.Die Mitbewerber mit den anforderungsgerechten Top-Gegebenheiten meiden solche Positionen, erkennen deren „Haken und Ösen“, unterschreiben dort nicht und gehen woanders hin. Und Sie haben sich über die jeweilige vermeintliche Chance gefreut, die von Anfang an keine war.Jetzt wird es heikel: Wer wie Sie drei Misserfolgserlebnisse (Studium und die ersten beiden Jobs, von denen der zweite wegen der Bevorzugung von Kollegen bei Beförderungen besonders heikel war) aufzuweisen hat, muss sich spätestens dann sagen: „Ein Job, den man mir auf dieser Basis gibt, muss Haken und Ösen haben, Leute mit besseren Unterlagen als ich werden den abgelehnt haben – also mussten die jemanden wie mich nehmen. Ich muss daher a) bohren und grübeln, bis ich die versteckten Tücken gefunden habe und b) dennoch versuchen, mit extremem Einsatz und unter Ziehung aller denkbaren Register etwas aus dieser äußerst kritischen Chance zu machen. Nach dem Prinzip: „Die Kollegen machen ihren Job, ich aber produziere hier ein Kunstwerk an Karrieregestaltung.“ Und das dann bitte auch noch so, dass niemand – auch die Kollegen nicht – daran Anstoß nimmt.Ein Beispiel, das nur das Prinzip zeigen soll: Einer Ihrer Arbeitgeber war ein französischer Konzern. Was weiß man über Franzosen? Alles Wesentliche kommt aus der französischen Zentrale – und eine feste Verankerung in französischer Sprache und Kultur ist außerordentlich förderlich. Ein Blick in Ihren Lebenslauf sollte am besten heute noch zeigen: „Französisch verhandlungssicher“ – als Überbleibsel aus jener Zeit, als Sie alle überhaupt freisetzbare Energie u. a. in das Erlernen jener Sprache gesteckt hatten. Es war aber nicht an dem. Ihr Lebenslauf sagt zu Französisch: „Grundkenntnisse“ – das sagen später ehemalige Gymnasiasten, die ein Restverständnis für diese damals ungeliebte Fremdsprache aus der Schule haben.Wie gesagt: Ein Beispiel, keine Forderung. Aber hier wird ein Prinzip deutlich: Die Summe allen Aufwandes, den man erbringen muss, um Erfolg zu haben, ist ziemlich konstant. Wer es langsam und zurückhaltend angehen lässt (z. B. im Studium), muss oft tiefer anfangen als andere und begnügt sich entweder mit eingeschränkten Erfolgen oder er holt den damals nicht gebrachten Einsatz später nach – was eher schwerer ist als die klassische Variante.Mir geht es, geehrter Einsender, nicht vorrangig um Sie. Bei der Struktur unserer Serie geht es um Hilfestellung für möglichst viele andere Leser, die eventuell als potenzielle Nachahmer gefährdet sind. Die Absicht einer Kritik an Ihnen liegt mir fern.So, nun aber zu Ihrer Kernfrage: Ja, Sie haben noch mehr als sechs Monate zeitlichen Spielraum für eine neue Suche. Unter Berücksichtigung aller bekannten Aspekte könnten Sie es riskieren, diese aus Ihrer Sicht stark „experimentell“ geprägte angebotene Position abzusagen und auf Ihnen vertrauterem, besser zu Ihrem Werdegang passenden beruflichen Umfeld weiter zu suchen. Man könnte eine solche Entscheidung nicht wirklich „falsch“ nennen. Aber: Eine Sicherheit, dass in diesen sechs Monaten ein besseres Angebot kommt, gibt es nicht. Und: Wie gut wäre es wohl wirklich bei Ihrem „holperigen“ Werdegang?Nein, ich neige zur Empfehlung, hier zuzugreifen, die Geschichte als eine Art letzte, wenn auch Außenseiter-Chance zu sehen und nun alles, aber auch alles, was Sie sind und können, in diese Tätigkeit zu stecken. Sie werden dort Ihre Chefs nach deren Maßstäben (!) glücklich machen und in ihren Augen verdammt gute Arbeit leisten. Sie werden schon vor Dienstantritt Fachmann in dem neuen Metier sei, Fachbücher gelesen, Fachseminare besucht haben. Wozu ist die Freistellung bei vollem Gehalt sonst da? Sie werden sich die Frage, ob es Ihnen dort rundum gefällt, später gar nicht mehr stellen, sondern sie durch die Überlegung ersetzen: „Bin ich so gut, dass die Leute dort bei dem Gedanken zittern, ich könnte woanders hingehen?“

Kurzantwort:

Service für Querleser:

Wenn ich einen kritisch zu sehenden Lebenslauf mit „Haken und Ösen“ habe und mir eine neue Position angeboten wird, muss ich mich fragen, wo denn die entsprechenden „Haken und Ösen“ dieses Angebots sind. Es gibt sie mit hoher Sicherheit.
Frage-Nr.: 2875
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-04-06

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