„Ich bin der Nerd im Keller“

Nachdem aus meiner zunächst angestrebten Promotion nichts geworden war (aus betrieblichen, nicht von mir zu verantwortenden Gründen), hatte ich mich entschieden, die „klassische“ Ingenieurkarriere zu verfolgen. Nach ca. fünf Jahren als Projektingenieur bei einem Dienstleister wechselte ich zu einem kleineren produzierenden Unternehmen der Branche X als Gruppenleiter mit fünf Mitarbeitern in der Produktion. Zum Teil aus persönlichen Gründen (ich weiß, was Sie davon halten), z. T. aber auch, weil der Job keine wirklichen Perspektiven und Herausforderungen bot, wechselte ich nach drei Jahren in mein heutiges Unternehmen. Das ist spezialisiert auf Anlagenbau für die Branche X. Dort startete ich als Projektmanager und wurde bald zum Gruppenleiter ernannt, zunächst nur mit fachlichen, später auch mit disziplinarischen Führungsaufgaben für mehrere Mitarbeiter. Vor einiger Zeit akzeptierte ich den Wechsel auf eine neue Gruppenleiter-Position mit weniger Mitarbeitern, aber globaler Verantwortung für ein neues Betätigungsfeld, mit dem sich unsere Abteilung bis dato noch gar nicht beschäftigt hatte. Der Aufbau dieses Geschäftsfeldes geht langsam voran. Prinzipiell ist die Lage aber nicht hoffnungslos. Parallel dazu habe ich mich noch auf zwei weitere Themengebiete spezialisiert, die ebenfalls global im Konzern umgesetzt werden (Automatisierung, ERP-System). Mittlerweile stehe ich kurz vor der magischen „45“ und frage mich, wie eigentlich mein letzter großer Sprung aussehen soll, bevor es zu spät ist. Ich habe mich selbst in eine Situation hineinmanövriert, in der ich so etwas wie der Nerd im Keller bin, den man mit allen speziellen Sonderaufgaben beauftragen kann. Karriere machen jedoch jene, die sich im klassischen Kerngeschäft unserer Abteilung, der Projektabwicklung, profiliert haben. Eigentlich kann ich mir die Frage selbst beantworten: Ich sollte mich klar auf ein Thema fokussieren und in- oder extern den Aufstieg suchen. Allerdings fällt mir die Entscheidung für ein solches Thema nicht leicht. Vielleicht können Sie mir ja noch weitere Perspektiven und Ansatzpunkte aufzeigen.

Antwort:

Ich fange einmal ganz vorsichtig an: Seien Sie zurückhaltend mit dem Wort „Nerd“. Es eignet sich vorzüglich als Schimpfwort, aber deutlich weniger gut für eine an die Öffentlichkeit gerichtete Selbsteinschätzung. Mein Fremdwörter-Duden sagt, es heiße konkret „Schwachkopf“ und werde im Jargon abwertend gebraucht für den sehr intelligenten, aber sozial isolierten Computerfan. So, und nun sind Sie Zeuge eines jener verblüffenden Mell’schen Gedankensprünge zwischen Problem und Lösung: Sie sind mehrfacher Gruppenleiter (einmal im ersten, zweimal im heutigen Unternehmen). Und Sie träumen, ausgelöst mehr durch drohendes Alter als durch tiefsitzendes eigenes Bedürfnis, von einem „letzten großen Sprung“. Das kann nur eine Abteilungsleiter-Position sein, ein vierter Gruppenleiter bringt es ja nicht. Und da nun gilt eine eiserne Regel aller Unternehmen: Sie befördern tatsächlich die merkwürdigsten Leute in viel zu „große“ Positionen. Aber sie befördern nie(!) jemanden zum Abteilungsleiter, der in seiner Selbstbewertung das Wort „Schwachkopf“ an sich heranlässt, auch nicht, wenn es in der englischen Übersetzung auftritt. Das klingt jetzt für manchen Leser etwas hergeholt und oberflächlich. Aber es ist mir vollkommener Ernst damit – wenn ich auch zugebe, dass es sich hier nur um ein Symptom für etwas handelt, noch um keinen Beweis. Schauen wir auf der Suche nach argumentativer Unterstützung in Ihre Schilderung des eigenen Werdeganges: Sie müssen eine sehr gute, mindestens mit „gut“ benotete Ausbildung (Studium) haben. Schön, das Promotionsprojekt ist geplatzt, das kann passieren. Sie haben aber dann nicht anderweitig für Ihr Ziel gekämpft, sondern aufgegeben. Fünf Jahre bei einem Dienstleister sind nicht zu beanstanden, aber „karrieremäßig“ auch nicht besonders aufregend. Dann der Gruppenleiter bei einem kleineren Unternehmen, Wechsel mit „Abstieg“ zu einem Konzern (üblich, aber insgesamt kein planerisch überzeugendes Konzept), dort wieder zum Gruppenleiter ernannt, in eine andere Gruppenleiterposition gewechselt, inzwischen fast Mitte 40 (wenn man das aus Ihren Angaben nachrechnet, kommt man zu keinem befriedigenden Ergebnis, aber darauf kommt es nicht an). Kleinunternehmen und Konzern haben Sie als Gruppenleiter eingestuft. Sie waren bei dem letzten internen Wechsel offensichtlich damit zufrieden. Das ist eine absolut vorzeigbare, ehrenwerte Position, keine Frage. Das Angebot Ihrer heutigen (dritten) Gruppenleiterposition haben Sie akzeptiert – ein stärker auf Karriereerfolg ausgerichteter Mitarbeiter hätte das wegen „fehlenden Fortschritts“ abgelehnt. Und die zwei zusätzlichen Zuständigkeitsgebiete haben Sie sich selbst „an Land gezogen“. Ich glaube, es ist bei Ihnen schlicht alles in Ordnung, Sie müssen nur die fixe Idee loswerden, es müsse noch ein „letzter großer Sprung“ kommen. Sie haben sich eine Position und ein Sie stark ansprechendes Aufgabenfeld erarbeitet, mit dem Sie eigentlich glücklich sind. Schön, so „richtig Karriere“ gemacht haben die Kollegen, die fachlich näher dran waren an dem, was für das Unternehmen auf Nr. 1 seiner „Liste“ steht: das Verdienen von Geld, das Realisieren von Umsatz, das Schaffen der Voraussetzungen für das Schreiben von Rechnungen. Das aber haben Sie „sehenden Auges“ zugelassen. Ich meine: Sie sind nun einmal so, wie Sie sind. Die fachliche Herausforderung steht im Mittelpunkt, dabei wird – als Nr. 2 auf der persönlichen Prioritätenliste – so viel an Karriere gemacht wie dabei noch möglich ist. Jetzt müssen Sie die daraus resultierenden Einschränkungen nur noch akzeptieren und Ihren Frieden mit sich machen. Das dürfte leichter sein (Prinzip des „kleineren Übels“) als sich im Kampf um eine Abteilungsleiterposition in- oder extern zu verschleißen.

Kurzantwort:

Keineswegs muss jede Führungskraft mit oder um 45 noch einen großen letzten Sprung nach oben machen. Sie kann auch auf dem Level verbleiben, den sie bis dahin erreicht hat – und weiterhin glücklich sein. Schließlich ist (fast) jedes Aufstiegspotenzial begrenzt.
Frage-Nr.: 2850
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-11-24

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