Man will mich im Ausland „lokalisieren“

Nach Studium und Promotion hatte ich bei einem deutschen Konzern eine Position in einer Schnittstelle zwischen Marketing und Entwicklung angenommen. Nach einigen Jahren wurde ich vom Unternehmen ins nahe Ausland entsandt, um eine Bereichsleitung mit Mitarbeiterführung für eine Teilregion zu übernehmen. Diese Entsendung endet in Kürze planmäßig nach zwei Jahren. Mir stehen nun folgende Optionen (mehr oder weniger) zur Auswahl: 1. Mir wurde das Angebot unterbreitet, dauerhaft die jetzige Position im Ausland zu übernehmen und gleichzeitig meinen regionalen Verantwortungsbereich und meinen Führungsumfang zu erweitern. Ich würde dann jedoch in dem Land „lokalisiert“, also würde mein Anstellungsverhältnis auf die Auslandsgesellschaft übergehen. Ich habe das bisher abgelehnt, weil ich dann keinen Anspruch mehr auf eine Position in Deutschland hätte. In jener Landesgesellschaft sind die weiteren Karrieremöglichkeiten begrenzt. Ich möchte mich jedoch auf Dauer noch weiter entwickeln. Hintergrund ist die Absicht des Unternehmens, die Anzahl der weltweiten Entsendungen von Mitarbeitern aus Deutschland (mit Rückkehroption) zu reduzieren. 2. Mir wurde ebenfalls angeboten, eine fachlich etwas anders ausgerichtete Bereichsleitung in jener Auslandsregion zu übernehmen, da der Regionalverantwortliche meine Kreativität schätzt. Trotz der fachlichen Abweichung sehe ich dort mittelfristig bessere Karrieremöglichkeiten. Für die „Lokalisierung“ und die dann stark reduzierten Rückkehrmöglichkeiten nach Deutschland gilt das unter 1. Gesagte. 3. Eine weitere Möglichkeit wäre die Verlängerung der bestehenden Entsendung um ein Jahr (das müsste der Vorstand noch genehmigen). Danach hätte ich dann drei Jahre auf dieser Führungsposition verbracht und nach meiner Meinung ausreichende Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt. Ich würde versuchen, im Anschluss daran eine Position in der Konzernzentrale zu bekommen (also dort, wo „die Musik spielt“). Wahrscheinlich müsste ich dabei den Bereich wechseln. 4. Ich versuche schon jetzt, also nach Ablauf der geplanten zwei Entsendungsjahre, eine Position in der Konzernzentrale zu bekommen. Alles andere wie unter c. Dann aber hätte ich nur für eine recht kurze Zeit Führungserfahrungen sammeln können. 5. Ich bewerbe mich bei einem anderen Unternehmen.

Antwort:

Zur Entspannung zeige ich Ihnen und den interessierten Lesern erst einmal, was alles unter „Tücke des Objekts“ fällt. Sie schreiben unter 4.: „Alles andere wie unter c.“ Man bloß: Es gibt gar kein c, auch kein a oder b. Vielleicht hatten Sie anfänglich die Absätze mit Buchstaben kennzeichnen wollen, haben sich dann aber anders entschieden – und jenen einen Hinweis schlicht beim Korrigieren vergessen. Warum ich das so breit ausführe? Weil so etwas auch in Bewerbungen oder in internen Arbeitspapieren vorkommt. Und man lernt nirgendwo besser als am praktischen Beispiel.Zu Ihrem Problem: Die Zusammenhänge sind klar, die Möglichkeiten liegen auf dem Tisch. Die Interessen beider Seiten sind nachvollziehbar.Für Sie ist es erst einmal ein toller Erfolg, dass man Sie bei Ihrem ersten „größeren“ Einsatz als Führungskraft und in einem nichtdeutschen Land so sehr schätzt, dass man Sie behalten möchte Aber ich verstehe auch Ihre Bedenken.Also sortieren wir einmal:Ihre Nr. 5 (Unternehmen verlassen) schließe ich aus, dafür spricht erst einmal gar nichts. außerdem gibt es einen Grundsatz, der da lautet: Auslandspraxis ist auf Dauer unverzichtbar – und besonders wertvoll, wenn die anschließende Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt erfolgreich abgeschlossen wurde.Ihre Bedenken gegen Nr. 1 und 2 kann ich gut nachvollziehen. Die beiden Chancen sind absolut in Ordnung. Aber der Preis, dafür Angestellter der ausländischen Regionalgesellschaft zu werden und dann doch mit deutlich reduzierten Rückkehrmöglichkeiten in die deutsche Mutter rechnen zu müssen, ist hoch. Eine positive Bewährung an der Regionalfront haben Sie hinter sich – so lange man noch jung genug und ehrgeizig ist, spielt „die Musik“ in Konzernen oft tatsächlich in der Muttergesellschaft. Die Alternative wäre ein – durchaus denkbares – Karriereziel als Chef einer Auslandstochter. Aber dann muss man auch im Ausland leben und bleiben wollen. Betrachten wir also aus der Sicht Ihrer Zielsetzung Nr. 1 und 2 etwas zurückhaltend.Springen wir zu Nr. 4, der sofortigen Rückkehr nach Deutschland. Sie waren jetzt zwei Jahre lang Bereichsleiter mit nennenswerter Personalverantwortung. Sachbearbeiter in ausführender Funktion waren Sie vorher für Ihre Ausbildung lange genug. Also dürften Sie jetzt nur in eine Führungsposition zurückkehren, sonst hätte sich der „Ausflug“ ins Ausland ja kaum gelohnt. Wenn Sie nur zwei Jahre Führungserfahrung im Rücken haben, könnte der Konzern jedoch tatsächlich versucht sein, Ihnen erst einmal eine nichtführende Position hier anzubieten (er muss Sie zurücknehmen, aber er muss Sie noch nicht als „vielseitig erprobte Führungskraft“ sehen und einsetzen).Übrigens müsste eine angemessene Aufgabe hier zwar mit Führung verbunden, aber nicht auf Bereichsleiterebene angesiedelt sein – ein entsprechender „Rückschritt“ wäre vertretbar und durchaus üblich.Nr. 4 wäre also in Ordnung, wenn Sie hier eine Führungsposition erreichen, die auch noch fachlich halbwegs passt. Aber der Konzern könnte sich dem Ansinnen durchaus verweigern.Bleibt Nr. 3: Sie hätten dann drei Jahre im Ausland geführt, das müsste jeder ernst nehmen und als Beweis für Führungsqualitäten werten (bei angenommener sehr positiver Beurteilung). Und Sie würden Ihrem heutigen Chef im Ausland kein kaltes „Nein“ auf die Bitte entgegenschleudern, doch dort zu bleiben, sondern Sie könnten damit punkten, Ihre offensichtlich erfolgreiche Arbeit noch ein Jahr dort fortzusetzen und damit die Suche nach einem Nachfolger zu erleichtern.Auch hätten Sie mehr Zeit, Ihre Rückkehr nach Deutschland in eine Führungsposition (auch die müsste nicht unbedingt eine Bereichsleitung sein) intensiv voranzubringen.Nur müsste hier das Unternehmen in den sauren Apfel beißen, die eigentlich ungeliebte Auslandsentsendung noch einmal zu verlängern. Aber da dann bei Ihnen „endgültig Schluss“ wäre mit dieser Regelung, könnte man dem Hause den Kompromiss wohl zumuten.Also kämpfen Sie: erst für die Verlängerung, dann für eine akzeptable Führungsposition in Deutschland.Wenn es Sie tröstet: Im gesamten Problemkomplex der Auslandsentsendung ist überall der Teilbereich „Rückkehr“ am schwierigsten. Selbst aus allergrößten Unternehmen berichten Mitarbeiter, niemand wäre ernsthaft auf ihre – planmäßige (!) – Rückkehr vorbereitet gewesen, niemand hätte einen angemessenen Job anbieten können. Deshalb findet man Rückkehrer so oft in irgendwelchen Projektgruppen wieder – und deshalb bemüht man sich, Auslandseinsätze als „way of no return“ zu gestalten (dann gibt es keine Rückkehrer). Und daher kommt mein obiger Spruch mit dem Wert eines Auslandseinsatzes. Der Rückkehrer ist oft ein armer Teufel – und drei Jahre später ein gesuchter Hoffnungsträger. Sagte ich schon, dass diese Welt stets auch ein bisschen verrückt ist?

Kurzantwort:

Wer nach Jahren sachbearbeitender Tätigkeit in der deutschen Mutter als Führungskraft ins Ausland geschickt wird, muss anstreben, bei der Rückkehr eine – vielleicht gegenüber dem Rang im Ausland etwas reduzierte – Führungsposition zu erhalten.
Frage-Nr.: 2848
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-11-17

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