Heiko Mell

Aufstieg oder „Technik pur“?

Ich arbeite in der Entwicklung bei einem Dienstleister. Offiziell bin ich als Prüfstandsingenieur eingestellt. Zunächst war ich gleichzeitig stellvertretender Schicht-/Teamleiter. Seit einiger Zeit bin ich der kommissarischSchicht-/ Teamleiter. Als solcher habe ich jedoch immer weniger mit der Technik zu tun.

Meine Frage ist: Wie sinnvoll ist es für meinen Lebenslauf, die Teamleitung aufzugeben, um mich ein paar Jahre in die Technik zu vertiefen?

Antwort:

Ich fange einmal damit an, was wir alles nicht wissen, was jedoch durchaus Einfluss auf die Antwort hätte haben können:

– Wie alt sind Sie, wie lange nach Ihrem Examen arbeiten Sie überhaupt schon?

– Wie lange hat Ihre Tätigkeit vor Ihrer Ernennung zum kommissarischen Schicht-/Teamleiter gedauert?

– Was für eine Art „Dienstleister“ (ein pauschaler Sammelbegriff sowohl für Arbeitnehmerüberlasser als auch für Entwicklungsdienstleister, die zwar für Kunden arbeiten, deren Mitarbeiter aber in eigenen Büros außerhalb der Kundenräume tätig sind) ist Ihr Arbeitgeber?

– Was wollen Sie, was erwarten Sie vom Berufsleben, welche Ziele haben Sie, welche Art von Karriere streben Sie an, wann wollen Sie was erreicht haben?

Ohne dieses Wissen muss die Antwort zwangsläufig pauschal ausfallen – gut für die anderen Leser, die sich dann weniger mit den Details Ihrer speziellen Gegebenheiten beschäftigen müssen.

Versuchen wir es einmal so: Ein junger Ingenieur könnte davon träumen, eines Tages technischer Leiter eines Unternehmens zu werden. Dann wäre er – etwa im Maschinenbau – Chef der Entwicklung/Konstruktion, der Produktion, der Instandhaltung und noch einiger weiterer techniknaher Abteilungen. Dieses Ziel ist absolut in Ordnung. Nicht alle, die so etwas anstreben, erreichen es. So mancher wird als Gruppen- oder Abteilungsleiter in der Entwicklung in Pension gehen, das ist nun einmal so. Man muss oft viel wollen, um zumindest etwas zu erreichen.

Ein technischer Leiter übrigens hat den ganzen Tag mit Technik zu tun: Er sieht zu, dass sein Bereich stets über neue Produktideen verfügt, die er dem Vertrieb anbieten kann; er kümmert sich um den technischen Vorsprung vor Wettbewerbsprodukten und entscheidet, welches neue CAD- oder ERP-System für viel Geld eingeführt wird, ob man die neue Baureihe selbst fertigt oder sie in der bulgarischen Tochter billiger produziert oder ob man mittelfristig eher auf Zulieferer als auf Eigenproduktion setzt. Er hat auf technischer Ebene Kontakt mit wichtigen Kunden, lässt sich auf Messen sehen, entscheidet maßgeblich über die Besetzung der Entwicklungsleiter-Position und ringt mit den Kaufleuten um Investitionsmittel für neue CNC-Maschinen und eine weitgehende Automatisierung der Montage durch Einsatz entsprechender Roboter. Das ist nur beispielhaft, aber sicher in der Tendenz realistisch.

Ein solcher Mensch ist ein technischer Manager. Aber in der Regel konstruiert er nicht mehr selbst, er ist in der Produktion nicht mehr direkter Vorgesetzter der Facharbeiter oder Meister, er kann die wichtigste Maschine, die unter seiner Verantwortung hergestellt wird, nicht mehr mit verbundenen Augen auseinanderbauen und zusammenfügen. Und um die Frage der Stahlqualität oder der Toleranzen der einzelnen Bauteile kümmert er sich nicht mehr selbst, dafür hat er unterstellte Mitarbeiter.

So, wenn nun ein Mensch mit derartigen Ambitionen die Chance hat, früh in seiner Karriere Team-/Schichtleiter zu werden, dann greift er mit beiden Händen begeistert zu.

Ein Ingenieur aber muss natürlich nicht so denken, muss nicht danach streben. Er kann sich auch für eine Laufbahn entscheiden, in der er sich selbst um die technische Lösung ihm in der Regel vorgegebener Probleme kümmert. Er kann erklären, als Leiter könne er ja nicht „ingenieurmäßig“ arbeiten, da sei er ja mehr Budgetverwalter als alles andere. Und er darf sich darauf freuen, in rein ausführender Funktion im Laufe der Jahre immer (relativ) jüngere Vorgesetzte zu bekommen, die im Detail viel weniger wissen als er, aber ihm sagen, wo es langgeht. Übrigens: Kaufleute, die als Diplomkaufleute oder -betriebswirte auch ein anspruchsvolles Studium hinter sich haben, kennen in ihrem Fachgebiet nicht einmal entsprechende Begriffe (etwa „kaufmännischmäßig arbeiten“) und werden meist ausgesprochen gern Leiter Controlling oder Leiter Rechnungswesen.

 

Sie, geehrter Einsender, müssen wissen, wohin Ihre Reise gehen soll. Es geht nicht um die objektiv „richtige“ Entscheidung“, es geht einfach darum herauszufinden, was Sie wollen, wo Sie glücklicher werden.Hinzu kommen dann noch so „Kleinigkeiten“ wie:

– im Management verdient man sehr viel (!) mehr;

– ein unbegabter Konstrukteur ist eine traurige Erscheinung, ein unbegabter Konstruktionsleiter ist eine Katastrophe;

– Aufstieg ist ein „Weg ohne Wiederkehr“; wenn Sie einmal „Leiter“ sind, ist – wie auf einer Einbahnstraße – nur noch „Parken“ oder „weiter in dieser Richtung“ möglich, eine Umkehr jedoch kaum.

 

Wie so oft im Leben gibt es auch hier kein standardisiertes Verfahren, mit dem man schon als Student ermitteln kann, wofür die Begabung ausreicht, wo Grenzen liegen, wo ein Scheitern droht. „Talent bricht sich Bahn“, sagt man. Und was man will, muss man selbst wissen – oder herausfinden.

Wenn das maßgebliche berufliche Umfeld Sie schon einmal zum stellvertretenden und dann zum kommissarischen Leiter gemacht hat, dann sind das doch schon handfeste Indizien. Ihre Chefs verstehen sicher ein bisschen von diesen Dingen, die sollten eine totale Unbegabung für Leitungsfunktionen schon erkennen – aber Sie hat man befördert.

Sie sind gerade kommissarischer Leiter geworden. Jetzt arbeiten Sie erst einmal so, dass man Ihnen diesen Status nicht wieder wegnimmt (dieses Risiko steckt nämlich im Wort „kommissarisch“ drin). Dann kämpfen Sie darum, möglichst bald (sechs Monate bis zwei Jahre) „richtiger“ Leiter zu werden und das bei glänzender Beurteilung mindestens drei Jahre lang zu bleiben. Dann könnte es in die nächste Leitungsebene hinaufgehen.

Übrigens haben Sie nicht gesagt, dass Sie Ihren Leitungsjob ungern ausüben, ihn nicht mehr wollen oder sich dort fehl am Platze fühlen. Auch das ist in meine Aussagen eingeflossen.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Wenn man anspruchsvolle Karriereziele hat, spricht nichts gegen eine frühzeitige erste Beförderung – außer man fühlt sich dabei unwohl, überfordert oder schlicht „zu jung“. Aber allzu ängstlich darf man auf dem Weg nach oben nicht sein.

Frage-Nr.: 2815
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-05-13

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