Heiko Mell

Am Ende: der Dreißiger und auch sonst?

Frage/1: Ich bin Dipl.-Ing. (univ.), Ende 30 und seit knapp vierzehn Jahren bei einem namhaften Großunternehmen tätig. Zunächst war ich Entwicklungsingenieur, bekam nach ein paar Jahren eine fachliche Leitungsfunktion bei der Entwicklung einer neuen Baugruppe. Kurz danach wurden mir Aufbau und Leitung von mehreren weiteren Projektgruppen übertragen.

Das alles spielt sich in einer Matrixorganisation ab. Ich wurde dann Nachfolger meines Chefs und verantworte nun fachlich eine größere Anzahl von Projektgruppen, die jeweils von einzelnen Leitern geführt werden. Nach einer Umstrukturierung kam jetzt eine weitere Projektgruppe hinzu. Ich bin einem Abteilungsleiter in der Linienorganisation gleichgestellt, trage jedoch „lediglich“ fachliche Verantwortung.

Zunächst macht mir meine relativ lange Dienstzeit im Unternehmen Sorge. Ihren Beiträgen habe ich entnommen, dass man Probleme bekommt, wenn man länger als zehn Jahre beim selben Arbeitgeber gearbeitet hat und sich dann umorientieren müsste. Gilt das auch in meinem Fall oder erlauben die stetig ausgebauten Verantwortungsbereiche eine längere Verweildauer?

Frage/2: Nun hat man mir eine Vertragsänderung (Wettbewerbsklausel) vorgelegt, die mir weltweit den Wechsel in andere Unternehmen verbietet, die auch nur eine Sparte mit Entwicklungen auf meinem Fachgebiet besitzen. Dies soll zwei Jahre nach eventueller Kündigung gelten, wobei mir ein gewisser finanzieller Ausgleich zuerkannt wird (nebst einigen Sonderzahlungen ab Inkrafttreten des Vertrages). Ich führe in der Matrix. Die von mir abgedeckten Arbeitsbereiche werden erst aufgebaut, die Aufgaben wurden vorhandenen Mitarbeitern aufgebürdet. Die Anforderungen steigen, die Anzahl der zu entwickelnden Produkte steigt, der Vernetzungsgrad der Komponenten steigt extrem und die Entwicklung wird auf unterschiedliche Standorte weltweit verteilt.

Diese Engpässe habe ich an meinen Chef berichtet. Er sieht es als meine Aufgabe an, die Entwicklung effektiver zu gestalten – eine andere Lösung hatte er nicht für mich. Aufgrund der sehr hohen Arbeitsbelastung (sehr hoher Anteil an parallelen Entwicklungen, zu geringe personelle Ausstattung, Sparzwang bei Entwicklungsmitteln, zu enge Zeitvorgaben) mehren sich Fehler, Zeitpläne können nicht mehr eingehalten werden; die mir fachlich zugeordneten Projektleiter können dem Druck nicht mehr standhalten und quittieren ihre Leiterstelle.

Mein Körper versagt immer häufiger seinen Dienst. Ich befürchte (es gibt Anzeichen dafür), dass meine Führungsqualitäten als nicht gut genug betrachtet werden.

Daher fühle ich mich meiner derzeitigen Aufgabe nicht mehr gewachsen. Ein Arbeitgeberwechsel oder ein Bereichswechsel im heutigen Unternehmen könnte eventuell helfen. Eine andere Möglichkeit wäre eine Bewerbung auf eine Stelle ohne leitende Funktion (?). Würde ich es in einer Linienposition leichter haben?

Antwort:

Antwort/1:

Die entsprechende Regel ist eher „weich“ als „hart“, sie lautet etwa: Wenn Ihre Dienstzeit bei einem Arbeitgeber zehn Jahre deutlich (!) überschreitet, dann sollten Sie sich einmal Gedanken über einen Wechsel machen. Sie bleiben damit „in Übung“ hinsichtlich des Bewerbungs- und Vorstellungsprozesses und auch der Auswahl eines passenden neuen Arbeitgebers. Dieser Aspekt wird verstärkt durch jahrelanges Ausüben einer unveränderten Aufgabe/Position (z. B. achtzehn Jahre als Entwicklungsingenieur ohne nennenswerte Veränderung), aber gemildert durch mehrfache Veränderungen während der Beschäftigungszeit. Ganz besonders reduziert wird die Empfehlung durch mehrfache Beförderungen oder messbar gewachsene Verantwortung (wie im vorliegenden Fall; hier besteht wegen dieses Aspektes in den nächsten Jahren noch kein Handlungsbedarf).

Achtung: Wer garantieren kann, dass sein Arbeitgeber niemals etwas tut, was ihn zum Wechsel zwingt oder dass er – was immer dort auch geschieht – niemals aus eigenem Antrieb wechseln will, der braucht diese Regel nicht zu beachten. Nur: Es kann eine solche Garantie niemals geben. Und von den Auswirkungen dieses Problems werden vor allem „rüstige Anfangsfünfziger“ erwischt, die dann fünfundzwanzig abwechslungsarme Dienstjahre bei einem Unternehmen mit sich herumtragen und sich nun „völlig überraschend“ doch noch einmal bewerben müssen.

Antwort/2:

a) Pauschale, nicht wertende Aussage zur Gesamtsituation: Es gibt, ganz sachlich gesehen, zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Aufgabe tatsächlich unlösbar – oder nur Sie sind ihr nicht gewachsen. Auf der Basis Ihrer – zwangsläufig einseitigen – Darstellung lässt sich das nicht entscheiden. Ihr Chef z. B. sieht die Verantwortung und die Lösung bei Ihnen. Und dass Ihre zugeordneten Projektleiter nicht mehr damit fertig werden, könnte ja auch an Ihrer Art liegen, mit den Dingen umzugehen.

b) Unabhängig von der Frage nach Schuld oder Ursache: Sie können dort so nicht weitermachen. Entweder gehen zuerst Sie kaputt oder Ihnen fliegt vorher die Aufgabe „um die Ohren“. Sie müssen da weg.

c) In Relation dazu kommt die Ihnen offerierte Wettbewerbsklausel zu einem höchst unglücklichen Zeitpunkt. Ich rate dazu, sie „erst einmal“ nicht zu unterschreiben (das klingt besser als eine Total-Verweigerung, ist aber eine).

d) Sie können jedoch nicht Ihre Unterschrift verweigern und einfach weitermachen wie bisher. Das lässt sich das Unternehmen nicht gefallen.

e) Im bisherigen Unternehmen im bisherigen Fachgebiet zu bleiben, aber auf (fachliche) Führung zu verzichten und auf eine Sachbearbeiterstelle hinunterzugehen, halte ich für nicht praktikabel, bei einer externen Bewerbung mit diesem Ziel hätten Sie keine Chance.

f) Es wäre theoretisch möglich, sich sofort (also ohne geltende Wettbewerbsklausel) bei einem Wettbewerber auf dem Markt zu bewerben. In Ihrem vertrauten Fachgebiet, aber nicht um eine ähnliche Position, vielleicht aber als Linienabteilungsleiter. Sie sollten aus fachlichen Gründen hochinteressant sein. Ihr Arbeitgeber könnte das allerdings als bösartig oder Hochverrat werten (Ihr Vorgehen wäre aber noch juristisch korrekt). Es gäbe böses Blut, ich rate davon ab.

g) Reden Sie mit Ihrem Arbeitgeber (Chef, HR-Management) über folgendes Konzept:Sie würden gern in einen fachlich etwas anderen Bereich des Unternehmens wechseln. Ihre heutige Position würden Sie ohnehin mittelfristig aufgeben wollen, Sie stießen dort an Ihre Belastungsgrenze. Dass man Sie mit Ihrem tiefgreifenden Spezial-Fachwissen nicht gern zum Wettbewerber geben lassen würde, sähen Sie ein. Wenn man Ihnen eine Ihnen zusagende Position in einem anderen Unternehmensbereich gäbe, würden Sie – wie mit der Wettbewerbsklausel auch – den aktuellen Bezug zum heutigen Thema verlieren und sich auf einem anderen Gebiet neu etablieren. Ende.

Das Unternehmen erkennt: Weitermachen wie bisher wird er nicht, die Wettbewerbsklausel wird er auch nicht akzeptieren. Also müssten wir ihn sowieso dort ablösen – er will es auch, umso besser.Kündigen wird man Ihnen vermutlich nicht, Sie würden sonst gemäß f sofort zum Wettbewerb gehen, was man ja keineswegs will. Also besteht eine recht gute Chance auf gütliche Einigung im obigen Sinne.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Wenn Sie klar erkennen, dass Ihr Job Sie überfordert und bereits körperliche Beeinträchtigungen auftreten, müssen Sie eine Veränderung herbeiführen. Warten Sie nicht, bis Ihr Arbeitgeber offiziell Ihr Scheitern feststellt.

Frage-Nr.: 2814
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-04-21

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