Heiko Mell

Aufstieg, Fall – und was nun?

Frage/1: Ich befinde mich an einem wichtigen Punkt meines Arbeitslebens und bin mir nicht mehr sicher, welchen Weg ich einschlagen soll. Bis jetzt war für mich eigentlich immer klar, dass ich den bisherigen Weg einer Führungskraft mit entsprechender Personalverantwortung weitergehen möchte. Doch nun zweifle ich langsam daran, dass mir das in den nächsten Jahren möglich sein wird. Schlicht und einfach deshalb, weil ich bei der Besetzung entsprechender Stellen nicht berücksichtigt werde.
Ich bin Mitte 30; nach einer gewerblichen Ausbildung hatte ich mein Abitur nachgeholt.

Frage/2: Ich habe dann Maschinenbau/Fertigungstechnik studiert und 2009 als Bachelor an einer FH abgeschlossen. Mit 27 Jahren startete ich meine Karrierelaufbahn bei einem namhaften Kfz-Zulieferer, der mir bereits während des noch laufenden Studiums einen unbefristeten Vertrag als Nachwuchsführungskraft/Trainee gab. Zum Ende meiner Traineezeit wurde ich zu einer rechtlich selbstständigen Tochter in einer anderen Region Deutschlands entsandt. Dort wurde einem der beiden Betriebsleiter gekündigt, die Stelle wurde mir angeboten, ich nahm an und führte ca. 25 Mitarbeiter in Qualität, Entwicklung, Logistik und Einkauf.

Etwa ein Jahr später schied der dortige technische Geschäftsführer aus. Man entschied, den gesamten Standort durch einen Werkleiter mit Prokura führen zu lassen, der praktisch für „alles“ vor Ort zuständig sein würde (Arbeitsgericht, Behörden, Betriebsrat …). Diese Position (140 MA) wurde mir angeboten. Obwohl ich das Gefühl hatte, es könnte für mich und meine Karriere zu schnell gehen, nahm ich an. Ich war 30 Jahre alt, der zweite Betriebsleiter (seit 20 Jahren im Unternehmen und Leiter der eigentlichen Produktion) wurde mir unterstellt.

Frage/3: Ich konnte zunächst viel lernen, aber auch eindrucksvolle, „ganz oben“ im Konzernvorstand absolut anerkannte Erfolge erzielen. Mit meinen Leistungen und den Ergebnissen waren Kunden, Mitarbeiter und Vorgesetzte zufrieden, meine Zielvereinbarungen habe ich jedes Mal übertroffen. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Wort und meine Meinung in allen Ebenen geschätzt wurden.

Frage/4: Natürlich musste ich mich als der mit Abstand Jüngste in der zweiten Hierarchieebene unter dem Konzernvorstand regelmäßig doppelt beweisen. Im Schnitt arbeitete ich 10-12 h/Tag, öfter auch am Wochenende, und ich war für alle Probleme, alle Kunden/Mitarbeiter/Lieferanten immer die erste Anlaufstation. Im Laufe des letzten Jahres gab es bei der Einführung eines neuen Produktes bei einem OEM Probleme. Nachweislich trug „mein“ Standort zu 50% die Verantwortung dafür. Es gab bei mehreren Personen, auch bei mir, einen Eintrag in die Personalakte.

Kurz danach bemerkte ich bei der Jahresinventur Diebstähle aus unserem Zentrallager im Wert mehrerer 100 000 EUR. Ich habe das meinen Vorgesetzten gemeldet, ein Mitarbeiter konnte als Täter identifiziert werden. Sein direkter Vorgesetzter und ich wurden ebenfalls entlassen.

Die Begründung bei mir lautete: Es gab ein Führungsproblem am Standort, man müsse Konsequenzen ziehen. Ich habe das letztlich akzeptiert und mich im Guten vom Unternehmen getrennt.

Frage/5: In den letzten Monaten habe ich diverse Bewerbungen als Betriebsleiter, Produktionsleiter, Werkleiter und Abteilungsleiter an Mittelständler unterschiedlicher Branchen geschrieben. Es gab nur Absagen, überwiegend ohne, in drei Fällen nach Bewerbungsgesprächen.

Ich füge die jeweils von mir übermittelten Unterlagen (Lebenslauf und Arbeitszeugnis) bei.

Kann ich wieder eine Führungsposition erreichen, soll ich auf Positionen mit Projektverantwortung bzw. als Projektingenieur zurückgehen?

Für Ihren offenen und fundierten Ratschlag möchte ich mich bereits vorab bedanken.

Antwort:

Antwort/1: Halten Sie mich nicht für kleinlich, aber mein Zeuge sagt, Sie hätten gar kein Abitur, sondern nur eine Fachhochschulreife. Das ist ein Unterschied, den Sie – ohne jede Not – missachtet haben. Mein Zeuge sind übrigens Sie selbst: In Ihrem eigenen Lebenslauf schreiben Sie „Fachhochschulreife“. Der gelegentlich gebrauchte Ausdruck „Fachabitur“ ist nur ein volkstümlicher Begriff ohne Wert. Ich brauche Ihren speziellen Umgang mit Fakten später noch öfter.

 

Antwort/2: Sie hätten auf Ihre innere Stimme hören sollen. Sie waren für diese Aufgabe zu jung und unerfahren, insbesondere die Funktion des „Chefs vor Ort, zuständig für alles“ war einfach zu groß für Sie. Jetzt waren Sie für den Bereich Produktion gesamtverantwortlich, hatten aber in dieser Kernfunktion keine Erfahrungen. Und ob die plötzliche Überstellung über den „alten“ Betriebsleiter so glücklich war, ist auch völlig offen.

Natürlich kann man sagen: Das Unternehmen hätte Sie – mit drei Jahren nicht optimaler Berufspraxis und im zarten Alter von 30 – nie auf diesen Stuhl setzen dürfen, aber das nützt jetzt nichts mehr.

Meine stärksten Bedenken richten sich gegen die sehr anspruchsvolle Standort-Gesamtver­antwortung an einer weit von der Zentrale entfernten Stelle. Wenn Ihnen eine Betriebsleitung mit 140 Mitarbeitern im wohlorganisierten Umfeld der Zentrale angeboten worden wäre, hätten Sie es ruhig riskieren dürfen.

 

Antwort/3: Mir gefällt die Reihenfolge der Aufzählung im zweiten Satz des vorstehenden Textblocks nicht. Man kann sich über den Platz streiten, an den die Kunden gehören. Aber so sicher wie das Amen in der Kirche ist es, dass Sie erst die Vorgesetzten zufrieden stellen müssen – und erst viel später vielleicht auch die Mitarbeiter. Selbst juristisch lässt sich das begründen: Sie sind angestellt beim Unternehmen, dieses wird vertreten durch Ihre Vorgesetzten. Das Unternehmen bezahlt Sie, das gibt ihm in einer Marktwirtschaft ein „einklagbares“ Recht auf Zufriedenheit mit Ihnen und Ihren Leistungen. Die Mitarbeiter sind zwar auch enorm wichtig, aber ein „Recht auf Zufriedenheit“ mit Ihnen haben sie absolut nicht.

Sagen Sie nicht, es sei doch bloß eine Aufzählung, die Reihenfolge sei Zufall. Ich glaube das nicht. Hingegen glaube ich, dass „Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über“ absolut stimmt (Luther-Übersetzung von Matthäus12,34). Und: Sehr junge Führungskräfte sind hier besonders gefährdet, ihnen sind „ihre“ Mitarbeiter schnell näher als irgendwelche Chefs, noch dazu solche an anderen Standorten.

 

Antwort/4: Zwei Vorkommnisse dieser Art können absolut ausreichen, da nützen denn alle vorangegangenen Leistungen und Erfolge nichts.

Aber ich muss wieder einmal auf Details achten: Nicht Sie haben sich vom Unternehmen getrennt, ob im Guten oder sonst wie, sondern man hat Sie für Fehlverhalten bestraft, indem man Sie gefeuert hat.

Sie schreiben dann noch über großzügige finanzielle Regelungen und ich sehe das Zeugnis, bei dem man sich im Rahmen der nun einmal gegebenen Umstände sehr angestrengt hat, Ihnen zu helfen. Aber „Ich habe mich im Guten vom Unternehmen getrennt“ ist nicht drin, nicht einmal andeutungsweise. Sie müssen vor einer möglichen Lösung Ihres Problems die Dinge völlig realistisch sehen, sonst irritieren Sie Ihre Bewerbungsempfänger.

Und es gilt auch: Sie waren alleiniger Chef vor Ort. Die Unternehmensleitung hat gesagt: Es gibt dort ein Führungsproblem. Das war dann Ihres, keine Frage. Es handelt sich dabei um einen ganz massiven Vorwurf Ihnen gegenüber.

Meine Vermutung: Schon länger dürfte die Unternehmensleitung bei Ihnen den Eindruck gehabt haben, Sie seien zu weich in der Führung, zu nachgiebig, zu mitarbeiterorientiert. Ein Werkleiter ist vor Ort Vertreter der fernen Unternehmensleitung, nicht etwa Vertreter der dortigen Belegschaft gegenüber den Konzernchefs.

 

Antwort/5: Sie haben mehrere Probleme, die ich hier anreißen, aber auf diesem Wege nicht komplett lösen kann:

a) Sie sind sehr jung, hatten eine sehr verantwortungsvolle Position, die Sie seit etwa einem halben Jahr verloren haben. Die alles überstrahlende Frage jedes Bewerbungsempfängers lautet: WARUM? Ihre Misserfolge bei den bisherigen Bewerbungsbemühungen zeigen, dass die potenziellen Arbeitgeber mit Ihren schriftlichen und mündlichen Aussagen dazu nicht zufrieden waren. Ich ordne diesem Aspekt 100 fiktive „Bedeutungspunkte“ mit negativem Vorzeichen zu.

b) Es wäre ja schon ein bisschen interessant zu wissen, was Sie bisher dazu geschrieben haben in Ihren Bewerbungen. So etwas gehört ins Anschreiben, ein solches legen Sie mir aber nicht bei. Schön, ich bin Hellseher, aber vielleicht kein besonders guter … (30 fiktive Bedeutungspunkte mit negativem Vorzeichen, weil Sie nicht auf die Idee gekommen sind, dass ich Ihre bisherige Argumentation kennen muss).

c) Nun sind Sie, wenn Ihre neuesten Bewerbungen gelesen werden, etwa seit einem halben Jahr arbeitslos. Die Kündigung, so vermutet man, hat man Ihnen mindestens drei weitere Monate davor ausgehändigt, Sie bewerben sich also seit mindestens neun Monaten „rund um die Uhr“ – und keiner der Empfänger wollte Sie haben. Damit sinkt die Bereitschaft neuer Leser, sich überhaupt noch im Detail mit Ihnen zu beschäftigen.

Ich habe hier schon oft die Bewerbung berufserfahrener Menschen mit den Bemühungen um den Verkauf eines Gebrauchtwagens verglichen. Stellen Sie sich vor, Sie sehen auf dem Hof eines Händlers das von Ihnen bevorzugte Modell. Und dann sagt der Verkäufer: „Der steht da allerdings schon seit neun Monaten – alle bisherigen Interessenten sind nach Prüfung wieder abgesprungen.“ Dann verlieren auch Sie das Interesse an dem Auto.Hier gebe ich etwa 70 fiktive „Bedeutungspunkte“ mit negativem Vorzeichen.

d) Kern jeder Bewerbung ist der Lebenslauf. Mit ihm steht und fällt jede Bemühung um einen neuen Job.Sie haben sich, wo Sie doch „alle Zeit der Welt“ haben, die besondere „Mühe“ gemacht, sich in eine Datenbank für Bewerber einzutragen – dann das entstandene „Werk“ abzuspeichern und Ihren Bewerbungen als Lebenslauf beizufügen.

Das ist absolut inakzeptabel, in Ihrer speziellen Situation ist das „heller Wahnsinn“. Für Datenbankbelange geht die Vorlage an. Aber Sie präsentieren dem Bewerbungsempfänger jetzt z. B. einen ehemaligen Arbeitgeber über den Sie in Ihrem (!) Lebenslauf schreiben: „Mitarbeiter: 1001 – 5000 Mitarbeiter“. Wenn das kein höherer Blödsinn ist, was ist es dann? Man wird doch die paar Leute noch zählen können.

Dann die Kleinigkeiten: Sie geben einen ausländisch klingenden Geburtsort ohne Landesbezeichnung an – und lassen den Leser mit dem Problem allein. Seit wann leben Sie in Deutschland, welche Staatsangehörigkeit haben Sie? Immerhin: Aus anderen Details kann man erkennen, dass Sie spätestens mit 16 Jahren in dieses Land gekommen sein müssten. Aber ein Bewerbungsempfänger will nicht rechnen und spekulieren.

Für den Lebenslauf gebe ich für „Form + Aufbereitung der Daten“ noch einmal etwa 50 fiktive „Bedeutungspunkte“ mit negativem Vorzeichen.

Ihr Werdegang selbst vom Studium bis zum Werkleiter war eindrucksvoll, wenn auch vielleicht ein wenig zu schnell. 100 fiktive „Bedeutungspunkte“ mit positivem Vorzeichen kann ich dafür schon geben.

e) Ihr letztes Arbeitgeberzeugnis bestätigt die vorletzte Position als Betriebsleiter und die anschließende Beförderung zum Werkleiter einer rechtlich selbstständigen Fertigungseinheit. Es ist sehr positiv-lobend gehalten und hebt diverse Details bei Eigenschaften und Fähigkeit lobend hervor. Die zentrale Zufriedenheitsnote ist gut, als Gesamtnote ergibt sich eine 2+.

Mit den Formulierungen zum Ausscheiden hat man Ihnen eine brauchbare Brücke gebaut. Zwar spricht man von der betriebsbedingten Beendigung im gegenseitigen Einvernehmen (=arbeitgeberseitige Entlassung), die man sehr bedauert, führt dann aber noch besondere Aspekte an, die Sie entlasten. Am Schluss steht der Dank für „geleistete hervorragende Arbeit“ und man „kann Sie jederzeit bestens empfehlen“. Wer nur das Zeugnis liest, stößt nicht auf Vorbehalte und Verdachtsmomente. 70 fiktive „Bedeutungspunkte“ mit positivem Vorzeichen – aufgezehrt durch die 70 Negativpunkte gemäß c. Ihre Gesamt-Punktebilanz läuft ins Minus.

 

Ausblick: Sie hätten, der Tipp ist bei den erkennbaren „Leistungen“ in Sachen Bewerbung erlaubt, vor neun Monaten(!) in die Hände eines Profis gehört, der Ihnen zu allen Details Tipps gibt, mit Ihnen eine Strategie und ein taktisch geschicktes Vorgehen ausarbeitet. Heute lässt sich nur sagen: Eine Werkleiterposition ist derzeit nicht zu erringen, dieser frühere Status muss in der gesamten Bewerbung heruntergefahren werden (er verbraucht heute 18 cm Höhe in Ihrem Lebenslauf, der Betriebsleiter davor nur 4). Es müssen mehrere unterschiedliche Lösungsansätze (auch: Geld) versucht werden, unrealistische Pläne müssen vom Tisch (niemand nimmt einen Ex-Werkleiter als Projekt­ingenieur), vor allem aber muss eine überzeugende Antwort formuliert werden auf die Fragen: Warum sind Sie draußen, warum hat Sie bisher niemand eingestellt?

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2807
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-03-10

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