Heiko Mell

Zurück zum alten Arbeitgeber?

Auch ich bedanke mich für die vielen hilfreichen Darstellungen in Ihrer Serie. Meine Frage können Sie sicherlich nutzen, um interessierten Lesern Sachverhalte zu verdeutlichen. Aber ich bin auch gespannt und etwas nervös, welche meiner Schwächen und Probleme Sie zutage fördern.

Ich bin Dipl.-Ing. (FH), Mitte 30; duales Studium, Berufsausbildung und Diplomarbeit absolvierte ich bei dem Großunternehmen A der Branche I, dort wurde ich über ein Assessment Center in das Nachwuchsführungskräfteprogramm an einem Standort übernommen. Ich kam innerhalb des Traineeprogramms relativ schnell in eine (Meister-) Führungsfunktion in der Produktion mit dreißig Mitarbeitern. Das war als Bewährungsprobe angelegt. Ich hatte in der Zeit Gelegenheit zu einer Präsentation vor dem Produktionsvorstand, der als „Managermacher“ galt.

Ich bekam eine sehr gute Bewertung, wurde für weitere Fördermaßnahmen vorgeschlagen und befristet für zwei Jahre in ein anderes Konzernwerk als Trainer für Lean-Management entsandt. Anschließend Rückkehr in mein entsendendes Werk, Schichtbetriebsleiter in der Produktion mit achtzig bis hundert Mitarbeitern.

Wegen drohender Werksschließung bemühte ich mich erfolgreich um eine Versetzung ins Stammwerk, wo ich eine vergleichbare Position erhielt, die ich aber nur wenige Monate ausübte. Ich hatte mich, da die Berufung ins Stammwerk zunächst ungewiss war, auch extern bemüht und nahm beim Unternehmen B in einer völlig fremden Branche II für gut zwei Jahre ein Engagement an. Zunächst war ich dort Lean Management-Spezialist, zuletzt Projektmanager für Investitionsprojekte in der Produktion. Nach einem Teilverkauf unserer Sparte sah ich mich erneut extern um und bekam mehrere Angebote.

Ich entschied mich bewusst für das Unternehmen C in meiner alten Branche I. C ist ganz sicher für viele Menschen der Traumarbeitgeber. Ich bin dort seit zwei Jahren Schichtleiter in der Produktion eines Werkes.
Nun wird mir kurzfristig in der Konzernzentrale meines Arbeitgebers eine neue Position als Berater für die Prozessoptimierung Lieferanten angeboten. Das ist für mich ganz klar eine Chance mit der Möglichkeit, erneut wichtige Leute kennenzulernen, da die Abteilung sehr hoch aufgehängt ist.

Kurz vor Unterzeichnung des Vertrages über diese neue Position kontaktierte mich ein Headhunter. Es geht um die Position des stellvertretenden Werkleiters bei meinem ersten Arbeitgeber A. Mein Profil passt perfekt auf die Stelle, ich würde dort wohl ein konkretes Angebot erhalten.
Aber mein Bauchgefühl ist negativ. Daher wende ich mich an Sie. Entweder nehmen Sie mir das merkwürdige Gefühl oder Sie machen mir zumindest meine Entscheidung leichter. Ich bin übrigens auch überzeugt, dass ich bei meinem heutigen Arbeitgeber C meinen Weg machen werde.

Antwort:

Ich habe einen Ruf zu verteidigen. Daher: Was sein muss, muss sein, da müssen Sie durch.Sie haben es nicht so mit den Details. Ich sage das so offen – auf dass Sie betroffen sein, in sich gehen und sich in der Zukunft mehr bemühen mögen.

Zwei Aspekte greife ich heraus: In Ihrer ersten Führungsposition („auf Bewährung“) bei A hatten Sie lt. Brief an mich dreißig Mitarbeiter, lt. Ihrem eigenen Lebenslauf fünfundzwanzig, während das entsprechende Arbeitgeberzeugnis gar keine Zahl nennt, dafür aber diese Phase ausdrücklich als ein Modul Ihres Traineeprogramms kennzeichnet, obwohl Ihr Lebenslauf das als normale Gruppenleiterposition darstellt. Natürlich sind das unerhebliche Details – die aber mit dem nächsten Aspekt zusammen ein merkwürdiges Bild ergeben: Ihr offizielles Arbeitgeberzeugnis von A, in der Konzernzentrale ausgestellt, bescheinigt Ihnen, dass Sie im zarten Alter von 20 Jahren, etwa sechs Jahre vor Abschluss Ihres Ingenieurexamens, als Betriebsleiter eines Werkes an Ihrem Standort eingestellt wurden.

So etwas merkt man bei der Aushändigung des Dokumentes und bittet um Korrektur.Nun analysieren wir einmal, was Sie im Werdegang zu bieten haben:

– Fünf Jahre ab Studienende bei A, das ist erst einmal solide. Aber die Zeit zerfällt: in 1,5 Jahre für das Traineeprogramm mit den typischen unterschiedlichen Modulen; in die zwei Jahre Lean Trainer im Schwesterwerk; in ein Jahr als Schichtbetriebsleiter in einem und in ein halbes Jahr in einer solchen Funktion in einem zweiten Werk. Was im Kern bleibt, sind letztlich 1,5 Jahre als Schichtbetriebsleiter an zwei Standorten.

– 2 Jahre in einer völlig fremden Branche in eher artfremden Tätigkeiten, nimmt man Ihren heutigen Job als Bezugsgröße.

– 2,5 Jahre Schichtbetriebsleiter bei C in der alten Branche wie bei A, jetzt aber bei einem Top-Arbeitgeber.Wenn man das alles wertet, ist das alles vielversprechend, aber nicht solide genug, um Ihnen jetzt zu einem erneuten Arbeitgeberwechsel raten zu können.Könnten Sie sich nach einer Rückkehr zu A dort nicht länger als etwa ein bis zwei Jahre halten und müssten sich wiederum extern bewerben, sähe Ihr Werdegang extrem zerrissen aus.Wenn Sie die Angebote von A (stellv. Werkleiter) und heutigem Arbeitgeber C (Prozessoptimierung Lieferanten) vergleichen, gewinnt zwar A, sofern etwa Werkleiter Ihr Ziel wäre. Aber das gilt nur bei der kurzfristigen Betrachtung.

Sie sind bei dem hochrenommierten C etabliert, bekommen eine zur Profilierung geeignete Brennpunktaufgabe, man sieht Potenzial bei Ihnen, der jetzt dort angebotene neue Job ist nur eine Station auf dem weiteren Weg nach oben. Und: Sie sammeln Dienstzeiten pro Arbeitgeber, die Sie dringend brauchen.

Das Angebot als stellvertretender Werkleiter bei A hat zwei Schwachstellen:

a) Die Rückkehr zum alten Arbeitgeber kann durchaus ihre Tücken haben. Wenn Sie dort jetzt zehn Jahre blieben, wäre alles in Ordnung. Aber wenn Sie selbst nach zwei Jahren wieder gehen wollten, sähe das doch sehr unschön aus („rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln“).

b) Der stellvertretende Leiter einer Einheit lebt stärker als andere Führungskräfte nahezu ausschließlich von seinem Verhältnis zum Manager, dessen Stellvertreter er ist. Nur mit dessen Zustimmung kann er arbeiten, ohne ihn ist er wenig bis nichts.

Natürlich hat auch die mögliche neue Position bei C ihre Schwachstelle: Wieder extern bewerben können Sie sich dort erst, wenn Sie sich jetzt bewähren und profilieren, dann erneut eine neue (größere) Führungsposition in Ihrem Stammgebiet Produktion bekommen und in dieser etwa zwei Jahre erfolgreich tätig sind, also etwa in fünf Jahren. Aber warum sollten Sie von diesem Superunternehmen wieder weggehen wollen? Nur: Ohne Risiko ist keine der Möglichkeiten.Ich rate Ihnen, bei C zu bleiben. Plötzlich hereinschneiende Angebote können zur eigenen Werdegangplanung passen. Aber hoch ist die Wahrscheinlichkeit eher nicht.Nutzen Sie die Chance, Ruhe und Beständigkeit in Ihren Werdegang zu bringen, er braucht das. Und wie wollten Sie fünf Jahre später Bewerbungsempfängern erklären, warum Sie damals bei C weggegangen sind, diesem „Traumarbeitgeber“?

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Ein Werdegang, der Erfolg und Potenzial für die weitere Karriere ausstrahlen soll, braucht unverzichtbar auch die Komponenten überzeugende Solidität, konsequentes Handeln und erkennbares Gesamtkonzept.

Frage-Nr.: 2805
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-03-03

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