Heiko Mell

Habe ich noch eine Chance?

Ich war lange Jahre Assistent und (inoffizieller) Stellvertreter meines Chefs. Auf mein Anliegen, sein Nachfolger werden zu wollen, hat er stets ausweichend geantwortet. Und er sagte „Leistung zählt nicht, Vitamin B ist wichtig.“
Das aber lag mir nicht.

Jetzt ging der Chef in Rente, er hat mich wohl auch als Nachfolger vorgeschlagen, ich kam aber nie offiziell ins Gespräch. Die Stelle wurde extern vergeben.
So einen Chef wie den neuen habe ich noch nie erlebt. Nach zwei Wochen drohte er bereits mit Konsequenzen, wenn man nicht macht, was er sagt. Einige Wochen später drohte er uns allen, wenn das Gerede auf den Fluren über ihn nicht aufhöre, gäbe es personelle Konsequenzen. Externe Partner haben sich bereits über ihn beschwert, er würde z. B. Lieferanten „wie den letzten Dreck“ behandeln. Die Geschäftsleitung hat die Beschwerden nicht ernst genommen.

Die Stimmung in unserer Abteilung ist schlecht, auch andere Abteilungen sind nicht glücklich über seinen harschen Umgangston. Mich hat er schon beschuldigt, ich würde ihm das Messer in den Rücken drücken. Einhellig geht die Aussage durch die Flure: Er bleibt, Führungskräfte werden hier nicht gekündigt. Er hat übrigens mit dem Wechsel einen Branchenwechsel vollzogen und leitet jetzt einen Bereich, von dem er nichts versteht.

Habe ich noch eine Chance, mich hier weiter zu entwickeln? Ist dieser Führungsstil noch üblich, muss ich den akzeptieren? Wie sind die Konsequenzen, wenn ich damit zum Betriebsrat gehe? Soll ich mich extern bewerben? Oder kann es nach seiner Einarbeitungszeit besser werden?

Antwort:

Sie haben ein recht „einfaches“ Problem: Sie hatten den Chef-Posten gewollt, man hat Sie nicht genommen, ein anderer wurde ernannt – den Sie jetzt nicht leiden können, nicht akzeptieren wollen etc.

Ihre Abneigung gegen ihn hat damit, wie die Süddeutschen sagen, ein Geschmäckle. Selbst wenn Sie recht hätten mit Ihrer Kritik – nie wird Sie ein außenstehender Beobachter für objektiv halten. Und es ist kaum zu erwarten, dass Sie jemals mit diesem Chef warm werden. Er sitzt, wo Sie sitzen wollten. Punkt. Damit ist er für Sie Todfeind, potenziell unfähig, Produkt einer Fehlentscheidung – irgendetwas in der Art.

Übrigens hat schon Ihr netter alter Chef Sie nicht so recht auf seinem Stuhl haben wollen, vergessen Sie das nicht. Er hat Sie – mit den üblichen vorsichtigen und oft tröstend-un­realistischen Begründungen – für ungeeignet gehalten: ein Warnsignal erster Güte.

Nein, Ihre Welt ist dieser Kampf um Macht und Aufstieg, um Positionen und um das richtige Image bei der Geschäftsleitung wirklich nicht, solche Kämpfe sind nichts für Sie. Woran ich das u. a. aufhänge? An einem dieser eher lächerlich erscheinenden Symptome, die ich aber zu werten gelernt habe: Wenn Sie jemanden ausschalten wollen, dann „drücken“ Sie ihm kein Messer in den Rücken, dann „stoßen“ Sie. Wenn Sie das nicht wissen, fehlt es Ihnen an Grundkenntnissen über Machtstrukturen und „Bosskilling“.

Nun im Ernst: Wen kritisieren Sie hier eigentlich? Jawohl, Ihre Geschäftsleitung! Die erst Ihre Talente nicht erkennt oder nicht würdigt, die dann diesen unmöglichen Menschen einstellt und Beschwerden über ihn nicht zur Kenntnis nimmt. Was wollen Sie noch in einem so falsch geführten Laden? Dort zumindest werden Sie weder etwas ändern, noch etwas werden.

Also: Wenn man bei einer Nachfolgeregelung für den eigenen Chef seinen Hut in den Ring geworfen hat, erst nicht ernst und dann überhaupt nicht genommen wurde, muss man gehen. Sowohl aus Selbstachtung als auch wegen des neuen Chefs: Der weiß natürlich, dass Sie seinen Job haben wollten und nach wie vor wollen. Er muss Sie als störend oder bedrohend empfinden und alles tun, um Sie loszuwerden. Die Regeln des Machtkampfes und Machterhalts sind so.

Ich rate zum Wechsel. Ob Sie gut beraten sind, eine größere Leitungsposition anzustreben, weiß ich nicht. Ihr alter Chef und Ihre Geschäftsleitung, die Sie genau kannten, hatten da Zweifel. Dafür glaube ich uneingeschränkt, auch dafür gibt es Anzeichen, an Ihre fachliche Tüchtigkeit.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Wenn man die Nachfolge seines Chefs anstrebt, dabei aber leer ausgeht, gelten zwei Regeln: Man kritisiert nicht den Sieger des Wettbewerbs um die Position und man wechselt besser den Arbeitgeber.

Frage-Nr.: 2798
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-02-04

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