Heiko Mell

Karriereknick bei Topmanagern

Der aktuelle Skandal bei einem großen Automobilkonzern ist auch bei uns Mitarbeitern (ich arbeite im technischen Verkauf eines großen Zulieferers dieser Branche) täglich ein vieldiskutiertes Thema.

Mich interessiert, wie Topmanager mit solchen Problemen umgehen. Diese Manager, die jetzt bei diesem Unternehmen entlassen/beurlaubt/freigestellt wurden, standen in der Hierarchie sehr weit oben, viel höher geht es nicht mehr. Z. T. sind diese Herren noch jung genug, um nach Abschluss möglicher Strafverfahren wieder im Beruf arbeiten zu können.

Was sieht unser System mit Leuten wie diesen vor? Ist da überhaupt noch Platz für solche Manager, zumal adäquate Positionen (Entwicklungsleiter und Markenvorstand) nicht wie Sand am Meer zu haben sind. Und wer stellt schon gerne einen Topmanager ein, der wegen Betrugs entlassen wurde?

Ich kann mir auch schlecht vorstellen, dass diese Herren bereit wären, einige Ebenen unter ihrer zuletzt innegehabten Position bei deutlich niedrigerem Gehalt einzusteigen. Oder sagt unser System in solchen Fällen, wer so viel betrügt, für den ist schlicht und ergreifend bei uns kein Platz mehr, der hat sich selbst ruiniert?

Wie würden Sie diese Manager beraten, wenn sie zu Ihnen kämen, um mit Ihrer Unterstützung wieder in ihren Beruf einzusteigen?

Ich bin sicher, dass Ihre Ausführungen für viele Leser, die anstreben, in diese Ebenen aufzusteigen, sehr hilfreich sein werden. Ebenso für diejenigen, die entschieden haben, den Aufstieg bis ganz nach oben lieber nicht zu wagen.

Antwort:

Auch mich reizt dieses Thema, das ja nahezu täglich in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Da wir noch längst nicht alle Details kennen und nur sehr rudimentär wissen, was da überhaupt passiert ist und wie die diversen beteiligten Stellen reagieren, hätte ich mit einer Aussage dazu gern noch etwas gewartet. Allein der Druck von Seiten der Leser in ihren Briefen und bei persönlichen Kontakten ist zu groß, ich kann mich dem nicht völlig entziehen. Als Hilfsargument für mich: Ich unterstelle, was ich ja bei den anderen Fragen auch tue, es sei genau so (gewesen), wie es der jeweilige Einsender formuliert. Natürlich nennen wir wie immer keine Namen, weder von Unternehmen noch von Menschen, ich habe auch Ihre Einsendung entsprechend neutralisiert.

Die erste pauschale Aussage: Das System hat für Vorfälle dieser Art und Dimension keine ausgefeilten Regeln, alle Betroffenen auf Mitarbeiter- (wozu auch Topmanager gehören) und auf Entscheiderseite müssen sich an individuelle Lösungen herantasten. Würden zwei Topmanager in zwei verschiedenen Unternehmen Vergleichbares tun, könnte das also durchaus unterschiedliche Folgen für sie haben (wir reden hier über die berufliche, nicht über die strafrechtliche Seite der Angelegenheit).

Die zweite pauschale Aussage: Das Tragen von Verantwortung kann zu Konsequenzen führen, die nichts mit der persönlichen Schuld zu tun haben. Bei ranghohen Beamten ist eine „Entlassung“ (die dort anders heißt) möglich, weil sie schlicht nicht mehr das Vertrauen des vorgesetzten Ministers haben. Es brauchen dafür noch nicht einmal Gründe genannt zu werden. In der freien Wirtschaft ist das ganz ähnlich, letztlich ist das hier nur eine Frage des Geldes (Höhe der Abfindung). Und: Ein solcher Topmanager kann jederzeit in eine taktisch so kritische Situation geraten, dass er gerade machen kann, was er will: Seine Anstellung ist in jedem Fall bedroht. Ich bin überzeugt, dass wir eines Tages in dem Zusammenhang auch über tragische Schicksale lesen: Hätte ein solcher Manager damals als die „Aktion“ anlief, den Mund aufgemacht, wäre er zu jenem Zeitpunkt in Ungnade gefallen und hätte seinen Job riskiert. Nun verliert er ihn heute. Außer dem seinerzeitigen fluchtartigen Verlassen des Unternehmens hatte er vermutlich keine große Wahl. Dann kennt man ja auch noch Begriffe wie „Bauernopfer“.

Die dritte pauschale Aussage: Je höher ein Manager steigt, desto mehr gilt für ihn: Das deutlich höhere Einkommen gegenüber den ausführenden Mitarbeitern ist nicht nur seiner höheren Leistung geschuldet, es bildet auch die ungleich höhere Verantwortung ab und ist z. T. auch schlicht Risikoprämie. Wer eine solche Prämie kassiert, muss auch damit rechnen, dass ein damit abgegoltenes Risiko irgendwann eintritt. Die vierte pauschale Aussage: Topmanager verwalten, schlicht gesagt, „anderer Leute Geld“, also Vermögensteile von Aktionären, Gesellschaftern etc. Und solche „Leute mit Geld“ können ausgesprochen zurückhaltend sein, wenn sie einem Fremden (einem externen Bewerber, z. B.) Vermögenswerte anvertrauen. Von Managern wird mehr verlangt als irgendwelche Fachkenntnisse. Eine überzeugende Persönlichkeit, eine fleckenlose Erfolgsbilanz, ein untadeliger Ruf sind Mindestvoraussetzungen. Entlassungen durch frühere Arbeitgeber, Betrugsvorwürfe, strafrechtliche Verfahren, Gefängnisaufenthalte, Verstöße gegen allgemein übliche Ethikregeln und vor allem früheren Arbeitgebern zugefügte Schäden in Milliardenhöhe sind da überhaupt nicht akzeptabel. Die fünfte pauschale Aussage: Die Bereitschaft solcher Manager, auch in tieferen hierarchischen Ebenen bei geringeren Bezügen einzusteigen, ist nicht das Problem. Auch wenn sie dazu bereit wären, würde man sie nicht gewähren lassen. Denn alle Argumente aus der vierten pauschalen Aussage gelten weiter – und man lässt Bewerber niemals gern tiefer einsteigen als es ihrem bisherigen Status entsprechen würde. Nun noch zu meiner – hoffentlich nicht wirklich erforderlich werdenden – Karriereberatung für betroffene ehemalige Topmanager: Ich würde ihnen vermitteln, dass die bisherige Karriere vorbei ist und keine realistische Chance besteht, bei einem namhaften Unternehmen der alten Branche den Wiedereinstieg in adäquate Positionen zu schaffen. Sie könnten höchstens versuchen, auf andere als die bisherige Art und Weise beruflich tätig zu werden: in einer Selbstständigkeit (Berater, Einstieg als Gesellschafter irgendwo), als Interimsmanager oder durch Kauf oder Gründung eines eigenen Unternehmens.

Übrigens: Überhaupt keine Gnade kennen Arbeitgeber, wenn Angestellte, ganz besonders Manager, das Unternehmen schädigen, um sich persönlich zu bereichern (was hier bisher nicht behauptet wurde). Im vorliegenden Fall wird der eine oder andere betroffene Manager vielleicht sogar mit der Erklärung kommen, er habe ja eigentlich nur dem Unternehmen helfen wollen. Der jetzt schon absehbare Schaden wird aber wohl als „Hilfe“ nicht anerkannt werden. Ich muss Ihnen, geehrter Einsender, noch etwas zum letzten Satz Ihrer Zuschrift sagen: Nicht einmal annährend alle Angestellten, die nicht „bis ganz oben aufgestiegen“ sind, haben das vorsichtshalber so entschieden. Etwa nach dem Motto: „Wenn ich gewollt hätte, wäre ich auch Bereichsvorstand geworden. Aber ich habe mich wegen der rauen Luft da oben dagegen entschieden.“

Die weitaus meisten von ihnen sind nicht wegen fehlenden Wagemuts, sondern wegen nicht gegebener Fähigkeiten „unten“ geblieben. Was absolut nicht ausschließt, dass sie dort sogar glücklich geworden sind.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2793
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-01-14

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