Heiko Mell

Und ewig lockt das Angebot

Momentan bin ich im Entwicklungsbereich eines Konzerns der Branche A als Gruppenleiter tätig. Seit kurzem bin ich in die Führungskräfte-Fördergruppe für die nächsthöhere Ebene aufgenommen worden. Das bedeutet, dass ich in zwei bis drei Jahren (bei weiterhin sehr guten Arbeitsergebnissen) eine Stelle als Abteilungsleiter bekommen werde.

Über einen Headhunter, den ich schon länger kenne, wurde mir kürzlich eine Stelle als Bereichsleiter für den Branchenbereich A bei einem Top-Mittelständler mit mehreren tausend Mitarbeitern und sehr hohem Wachstumspotenzial angeboten. Die Position entspricht einem Hauptabteilungsleiter mit mehr als fünfzig Mitarbeitern in mehreren Abteilungen und hoher Umsatzverantwortung.

Nach einem ersten Gespräch mit zwei maßgeblichen Vertretern des Unternehmens habe ich einen sehr positiven Eindruck hinterlassen; nach weiteren Gesprächen stehe ich nun vor der Entscheidung.

Der bisherige Stelleninhaber hatte wohl sehr viele Projekte angenommen, welche jetzt teilweise kurz vor dem Scheitern stehen. Dabei hat er den Überblick verloren, die Projektkosten sind enorm gestiegen, deshalb wurde er entlassen. Die meisten der unterstellten Abteilungsleiter-Positionen sind inzwischen ebenfalls unbesetzt (der neue Bereichsleiter soll die Chance bekommen, hier die Entscheidungen zu treffen).

Mein Bauchgefühl sagt „ja“, da ich durch diese neue Position einen deutlichen Schritt im Gehalt und in der Verantwortung nach vorne mache. Vor der Herausforderung habe ich etwas Respekt, bin aber überzeugt, das hinzubekommen. Mein Ziel war es schon immer, nach ein paar Jahren im Konzern zum Mittelstand in eine Position wie die mir jetzt angebotene zu wechseln.

Wie lautet Ihr Rat?

Antwort:

Um einmal ganz weit zurückzugehen in der Historie: Auch Adam ging es gut im Paradies – bis die Versuchung an ihn herantrat oder herangetragen wurde. Ab jenem Zeitpunkt ist es nicht mehr so besonders gut gelaufen mit der Entwicklung der Menschheit – aber es war spannend und aufregend und herausfordernd, jedoch z. T. auch schrecklich für viele Millionen von Adams Nachkommen. Sind Versuchungen nun gut oder schlecht? Einigen wir uns darauf: Sie sind Teil des Lebens; wie wir sie einstufen, ist kaum von Belang. Was ich damit sagen will: Alles schon mal dagewesen, was Sie da erleben. Gehen wir Punkt für Punkt vor:

 

1. Sie: Top-Ausbildung, besser geht es nicht, (natürlich) Einser-Kandidat und ebenso natürlich: in der zweiten Hälfte der 30, in der jene Einser-Leute in der Regel erstmals zu mir kommen; alles schon mal …Ihr Arbeitgeber ist nach allgemeinen Maßstäben ebenfalls top, Ihr Weg dort läuft absolut vorzeigbar, Sie wären, wenn sich alles planmäßig entwickelt, noch vor 40 Abteilungsleiter in diesem Konzern.

Aber: Große Unternehmen sind – wie Tanker auf dem Ozean – schwerfällig, alles geht langsam, der Einzelne bewegt kaum etwas. Man geht am besten auch nicht in den Konzern, um etwas zu bewegen, sondern um etwas zu werden. Dabei sind Sie – ohne absolute Garantie für gutes Gelingen – auf dem allerbesten Wege.

Noch ein Aber: Solche Herausforderungen wie jetzt im Mittelstand mit der Aufgabe, einen tief im Dreck steckenden Karren herauszuziehen, dafür einen großen Sprung in Sachen Hierarchie und Einkommen machen zu können, bieten Konzerne ihrem jungen Nachwuchs in der Regel nicht.

 

2. Das Angebot an sich: Sie kennen meine Devise, nach der jedes von außen an Sie herangetragene Angebot grundsätzlich „verdächtig“ ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass es vom gesamten Inhalt und vom Zeitpunkt her zufällig zu Ihnen und Ihrer Situation passt, ist einfach zu gering.

Immerhin ist das Angebot gut für zwei der drei beteiligten Parteien (das suchende Unternehmen stopft sein personelles Loch und der Headhunter verdient sein Honorar). Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Auch ich setze beruflich die Direktansprache ein – die Geschichte wird auch weiterhin funktionieren, sie tut es schließlich seit Eva und dem Apfel. Aber Sie haben gefragt, da muss ich ehrlich antworten.

 

3. Die Details des Angebotes und deren Relation zu Ihnen: Die Grundkonstellation stimmt: Nach ungefähr fünf Jahren verlässt der junge Kandidat seinen ersten Arbeitgeber und steigt beim Wechsel zu einem kleineren Unternehmen in der Hierarchie auf.

Aber: In der Regel wird der Kandidat zu diesem Wechsel motiviert, weil es hausintern nicht vorwärts geht mit ihm. Das ist hier überhaupt nicht so – die nächste Beförderung steht schon so gut wie fest. Und grundsätzliche Gedanken über Arbeitgeberwechsel muss man sich erst ab deutlich mehr als zehn Dienstjahren machen. Ihr Konzept, „später“ auf jeden Fall in den Mittelstand gehen zu wollen, klingt vernünftig. Aber dieser Systemwechsel hat bei Ihnen noch fünf Jahre Zeit.

Sie würden mit dem Sprung eine wesentliche Hierarchiestufe überspringen, so etwas ist immer risikobehaftet.

Und dann ist die Geschichte dort eine Mischung aus Himmelfahrtskommando und Feuerwehreinsatz. Die Gefahr, dass nach Ihrem Vorgänger auch Sie scheitern, ist sehr hoch. Wir wissen auch nicht, ob die Chefs Ihres Vorgängers diesen nicht sogar genötigt haben, so viele Projekte anzunehmen und ihm dann die Unterstützung bei der Durchführung schuldig blieben …Auch dafür würde gelten: Alles schon mal dagewesen.

Dieser Job dort ist ideal für den gestandenen Manager von 50, der zwanzig Jahre Praxis als Führungskraft mitbringt, der erfahren ist in der Auswahl und der Führung unterstellter Abteilungsleiter (Sie waren bzw. sind noch nicht einmal ein solcher). Sie würden mit der Annahme dieses Angebots ein übergroßes Risiko eingehen – und dafür gibt es nicht einmal einen wirklich überzeugenden Grund.

Vor allem sollten Sie sich im Klaren über Ihre eigenen Motive sein. Sie wissen, dass ich bei der Analyse von schriftlichen Darstellungen mitunter „die Flöhe husten“ höre. Da fiel mir nun in Ihrem vorletzten abgedruckten Absatz eine Formulierung auf: „Mein Bauchgefühl sagt ‚ja‛, da ich durch diese neue Position einen deutlichen Schritt im Gehalt … nach vorne mache.“ Das gefällt mir nicht! Sie lassen damit den Schluss zu, dass vor allem das – natürlich – höhere Gehalt Ihr „Bauchgefühl“ beeinflusst hat. Prüfen Sie, ob man Sie hier nicht ganz einfach zu „kaufen“ versucht.

Natürlich verstehe ich den Reiz des Angebotes für Sie. Aber es kommt in meinen Augen zu früh innerhalb des Werdeganges. Ich rate Ihnen, noch mindestens fünf Jahre in diesem Konzern einzuplanen, alle internen Chancen „mitzunehmen“ und dann neu nachzudenken.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
1. Man verlässt einen Top-Arbeitgeber nach nur wenigen Jahren, wenn sich die Dinge dort absolut nicht erfreulich anlassen, wenn keine positive Weiterentwicklung absehbar ist oder wenn der Konzern sogar aktiv negativen Einfluss auf die eigene Entwicklung genommen hat. Aber zu sagen „Es geht mir heute sehr gut“ und dann einer hoch risikobehafteten Chance nachzulaufen, um später vielleicht(!) sagen zu können „Es geht mir noch besser als sehr gut“, kann nicht empfohlen werden.

2. Wo Eva noch ein Apfel reichte, wird heute sehr oft Geld als Mittel der Versuchung eingesetzt.

Frage-Nr.: 2773
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-09-17

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