Heiko Mell

Reicht das Diplom (FH)?

Ich bin Dipl.-Ing. (FH) Kraftfahrzeugtechnik, Anfang 30, und arbeite seit einigen Jahren bei einem großen Automobilkonzern in der Applizierung von Verbrennungsmotoren. Ich möchte mich beruflich weiterentwickeln und in Entwicklungsbereiche einsteigen, die mich bereits seit meiner Zeit als Diplomand in höchstem Maße interessieren: Applizieren und/oder Funktionsentwicklung alternativer Antriebe (Aufgabenfeld ist meinem aktuellen Bereich nicht so fern). Leider gibt es keine Möglichkeiten, bei meinem aktuellen Arbeitgeber direkt in solche Bereiche einzusteigen. Bewerbungen auf Stellen bei anderen namhaften Herstellern und Entwicklungspartnern blieben erfolglos.

Meine aktuellen Schlüsselqualifikationen: FH-Abschluss mit 1,9; Praktikum + Diplomarbeit im Ausland an einer renommierten TU (Forschungsarbeit für einen großen Automobilkonzern), Thema verwandt mit meinem gewünschten Entwicklungsbereich, zusätzlich die erwähnten mehrjährigen Berufserfahrungen (nicht allzu fern vom Zielgebiet).

Meine Ziele:

a) kurz- und mittelfristig: Einstieg in anderen Entwicklungsbereich (alternative Antriebe) bei attraktivem Arbeitgeber (Premiumhersteller), erste Projekte abwickeln, ggf. Teamleader, Grundsteine legen für nächste Ziele;

b) langfristig: Verantwortung, strategische Entscheidungen treffen, leitende Funktion, Projekte leiten, mehrere Projekte managen, eventuell Einstieg ins Management, Beschäftigung entweder im Großunternehmen oder in höherer Position eines mittelständigen Unternehmens (letztere gibt es nicht, hat es nie gegeben und wird es nie geben, schauen Sie in den Duden; H. Mell); allerdings mit guter Work-Life-Balance (ausreichend Zeit für Familie wäre mir wichtig), gute finanzielle Absicherung schaffen, Einkommensziel: zwischen 80.000 und 100.000 EUR; großes Interesse an der technischen Seite, aber auch Stärken in Organisation, Konfliktmanagement, Aufgabenverteilung, gepaart mit Einfühlsamkeit, systematisches Arbeiten.

Frage/2:Wie gut bin ich Ihrer Meinung nach für meine Ziele eingestellt? Welche Maßnahmen würden Sie mir raten, um mich besser zu qualifizieren? Ich habe folgende Möglichkeiten gefunden:

a) berufsbegleitender Master (Fernstudium nur an FH möglich) mit Spezialisierung auf o. g. Entwicklungsbereich;

b) Selbststudium gepaart mit Weiterbildungsmaßnahmen (Seminare, Fachbücher etc.);

c) direkter Jobwechsel in den angestrebten Entwicklungsbereich (schwierig; Erfahrung hat gezeigt, dass dies auf Basis meiner bisherigen Qualifikation kaum möglich ist);

d) berufsbegleitendes MBA-Studium (statt des technischen Masters lt. a) mit den Problemen, mich zwar gut für die Führungsebene zu qualifizieren, mich aber auf das Management festzulegen, wo ich nur geringen Bezug zur Technik hätte;

e) Fachwirt (ohne oder parallel zum technischen Master) mit dem Problem, nicht so hochwertig wie ein MBA-Studium zu sein – reicht das für meine Zielstellung?

Antwort:

Antwort/1:

Irgendwann bei den langfristigen Zielen sind Ihnen die Pferde durchgegangen: Alles was hier hinter Ihren 100.000 EUR kommt, sind keine Ziele, sondern Eigenschaften Ihrerseits, die gehören da nicht hin. Insbesondere bei Ihren langfristigen Zielen geht mir noch zu viel durcheinander, Sie wollen sehr viel gleichzeitig: eine typische Managementposition mit definiertem Einkommen, aber auch genug Zeit für Privates und – das soll es wohl heißen – Anwendung der von Ihnen vermuteten persönlichen Fähigkeiten und Vorlieben.Ich empfehle in solchen Fällen die „Mell’sche Prioritätenliste“: Bauen Sie sich eine Liste mit zehn abgestuften Rangstufen, Nr. 1 ist das Wichtigste, Nr. 10 das Entbehrlichste. Dann schreiben Sie auf jede Stufe nur einen(!) Begriff; dann ist diese Rangstufe besetzt, alles andere muss mit rangniederen Stufen vorlieb nehmen. Sie verfolgen dann konsequent Ziel Nr. 1, dabei behalten Sie Nr. 2 und 3 noch im Blick, der Rest verliert sich. Das hilft ungemein. Und wer das ausführlich nachlesen möchte: Ende 2013 erschienen ist in der Reihe „VDI Karriere“ die 4. Auflage von „Heiko Mell, Spielregeln für Beruf und Karriere“, Springer-Verlag, dort steht diese Prioritätenliste unter Kapital 5.10. Die im benannten Buch fixierten Regeln fußen auf den Beiträgen zu dieser Serie.

Gespannt wäre ich, was Sie jeweils auf Nr. 1 und 2 der Liste setzen: Mich stört ein wenig der von Ihnen bisher in den Vordergrund gestellte Schwenk zu den alternativen Antrieben einer- und der Wunsch nach Aufstieg ins Management andererseits.

Fangen wir mit den „alternativen Antrieben“ an; Antriebe entwickeln Sie heute auch, was bringen Ihnen jetzt die „alternativen“? Diese Konzepte können ja nicht ewig alternativ sein. Sie werden entweder irgendwann Standard wie heute der Verbrennungsmotor oder sie sterben. Wenn also z. B. die Brennstoffzelle, die heute noch alternativ ist, irgendwann in Serie geht, wollen Sie denn da wieder weg und neue Alternativen um ihrer selbst willen entwickeln? Bitte prüfen Sie einmal sehr sorgfältig, ob Sie da nicht einem verschwommenen Traum hinterherlaufen.Ich könnte es ja verstehen, wenn Sie sich seit Jahren intensiv mit einer besonderen Technologie auseinandergesetzt hätten und seitdem konsequent die Arbeit daran als Ziel verfolgten.

Ich meine, Sie haben in Ihrem Leben drei Entscheidungsknoten passiert, an denen Sie eine reale Chance hatten, ganz nah an Ihr heutiges Ziel zu kommen:

 

1. Sie wollen bei einem Premiumhersteller in das Management der Entwicklung neuer Antriebstechnologien – eine technisch sehr anspruchsvolle Herausforderung auf höchstem Niveau. Unterstellen wir einmal, Sie hätten Abitur gehabt, dann wäre der ideale Weg dorthin ein TH/TU-Studium mit auf das Ziel ausgerichteter Promotion gewesen.

 

2. Ihr im FH-Studium absolviertes Praktikum und die anschließende Diplomarbeit „an einer renommierten ausländischen TU mit einer dem Zielthema verwandten Ausrichtung“ wären vermutlich im Sinne Ihrer Zielsetzung besser absolviert worden in der Entwicklung genau im Bereich alternativer Antriebe eines bedeutenden Automobil-Premiumherstellers.

 

3. Ihr Berufseinstieg hätte idealerweise im Bereich der Entwicklung alternativer Antriebe eines solchen Premiumherstellers stattgefunden.In allen drei Fällen lagen Sie dicht daneben, aber eben nicht im Idealbereich. Damit verbinde ich weder Vorwürfe noch Kritik, die Dinge laufen mitunter so im Leben. Ob man daran die Schuld trägt oder nicht, spielt dann kaum eine Rolle. Gewertet werden die Fakten, „Rabatt“ für Pech oder Schicksal gibt es in der Regel nicht. Wenn Sie jetzt mit Ihrer realen Basis auf Ihrer speziellen Zielsetzung bestehen, hecheln Sie vermutlich mit großem Aufwand einem extrem schwierig zu realisierenden Wunschtraum hinterher. Denken Sie auch an die abgelehnten Bewerbungen, von denen Sie oben sprechen. Die Zielfirmen haben Ihre Qualifikation nicht als interessant eingestuft.

Sie sind bisher den alternativen Antrieben zwar so nahe gekommen, dass Sie sagen können: „Das würde ich gern machen.“ Aber nicht nahe genug, um überzeugend formulieren zu dürfen: „Sehet her, das kann ich.“ Sie setzen heute „Arbeiten auf einem ganz speziellen, für mich letztlich doch neuen Fachgebiet“ gleichberechtigt mit „Ich will ins Management der Entwicklung eines Premiumherstellers“ auf Nr. 1 der Prioritätenliste. Und das beißt sich.

Und da ich gerade dabei war, ein bisschen Reklame für eines meiner Bücher zu machen: In den erwähnten „Heiko Mell, Spielregeln für Beruf und Karriere“ lautet Kapitel 7.4: „Entweder Sie tun etwas Interessantes – oder Sie sind es.“ Genau darum geht es auch hier.

Mein Vorschlag: Sie setzen ein, was Sie unbestreitbar haben, nämlich mehrjährige Erfahrungen im Bereich der Entwicklung von Verbrennungsmotoren, auf der Basis streben Sie ins Management, fassen dabei unbedingt auch mittelständische Unternehmen ins Auge. Und die irgendwo unten auf der Prioritätenskala anzusiedelnde Modeerscheinung „Work-Life-Balance“ vergessen wir erst einmal ebenso wie die konkreten Gehaltsziele. Wenn man das richtig anpackt, gibt es gar keine Work-Life-Balance, was ja das Austarieren von Gegensätzlichem suggeriert. Für mich und sehr viele andere ist „work“ ein selbstverständlicher Teil von „life“, ohne eine sinnvolle berufliche Aufgabe ist uns gar kein erfülltes Leben möglich.

Ich glaube, unter Einbeziehung aller Fakten sollten Sie Ihren Frieden damit machen, dass der Zug zum unbedingten Arbeiten in Ihrem technischen Wunschumfeld weitgehend abgefahren ist; überdenken Sie diesen Wunsch, dann ist der „Rest“ Ihrer Pläne machbar.

 

Antwort/2:

Als pauschale Warnung: Auf diese Fragen einer konkreten Aus-/Weiterbildungsplanung gibt es keine einfache Antwort. Beispiel: Was nützt Ihnen der Antritt eines Super-Studiums, wenn Sie den Abschluss nicht schaffen – oder wenn Ihre Persönlichkeit nicht ausreicht, den Rahmen auszufüllen, den Sie damit zimmern? Ich will es dennoch versuchen, kann aber letztlich nur Denkanstöße geben:

Zu a: Sie sind FH-Dipl.-Ing., das liegt etwas über Bachelor-Niveau, aber klar unter dem Standard TH/TU-Diplom, der oft als Anforderungsbasis für die Entwicklungsbereiche solcher Konzerne gilt, insbesondere wenn dort nicht nur ein Job, sondern eine Managementlaufbahn angestrebt wird.

Ob der FH-Master dem heutigen Uni-Master wirklich gleich ist, weiß offenbar so ganz genau „kein Mensch“. Unterschiede gibt es sicher, aber oft setzt die Praxis auch „Master gleich Master“. Sie wären damit also einen deutlichen Schritt näher am Standard-Qualifikationsniveau im Zielbereich „Entwicklungsmanagement“. Der fachliche „Rest“ käme dann aus Maßnahmen gem. b.Aber natürlich meinen Sie mit „Spezialisierung“ wieder Ihre alternativen Antriebe, ich eher die allgemeine Entwicklung, ggf. Fahrzeug-/Motorentechnik. Auf jeden Fall wäre dieses Studium ein Vorhaben, gegen das nichts spricht und das grundsätzlich empfehlenswert ist.

Zu b: Das ist zu vage, um es einstufen zu können. Schaden, so viel lässt sich sagen, wird es keinesfalls. Aber bei einer externen Bewerbung zählt ein klarer Status durch Ausbildung/Studium in der Regel mehr als diverse einzelne Seminare; Fachbuchstudium führt zu Wissen, lässt sich aber kaum belegen und damit kaum bewerten.

Zu c: Das wird nicht gehen, Sie haben derzeit außer Ihrem Interesse kaum etwas bei Arbeitgebern Begehrtes zu bieten.

Zu d: Der MBA ist zunächst ein Master, wie der of Engineering auch, nur eben stärker auf wirtschaftswissenschaftliche Bereiche ausgerichtet. Er ist keine „Wunderwaffe“, er führt ebenso wenig „ins Management“ wie ein anderes Studium, nur manche Ingenieure beten ihn an. Beachten Sie: Er wird kaum direkt gesucht. Analysieren Sie doch einmal 100 Stellenanzeigen für technische Manager und prüfen Sie, in wie vielen Fällen der MBA ebenso zwingend gefordert wird wie etwa der Dipl.-Ing. Es sind extrem(!) wenige. Er kann sogar schaden. Nicht wegen Überqualifikation, sondern wegen eventueller „überhöhter Erwartungen“, die sich bei manchen MBA-Studenten und –Absolventen ergeben. Da ist oft Realitätsferne im Spiel.

Zu e: Die hier zu erwerbenden Fachkenntnisse können für die Erledigung der Aufgaben im Tagesgeschäft eines Entwicklungs-Managers nützlich sein, sie unterstützen weniger die Bewerbungen beim Einstieg in diese Ebene.

Fazit: Natürlich ist es das gute Recht eines jeden Ingenieurs, in einem ganz bestimmten fachlichen Spezialgebiet tätig sein zu wollen. Dann aber sollte er seine komplette Ausbildung, vom Studienschwerpunkt bis zum Thema der Diplomarbeit, schon darauf ausrichten, seine Praktika möglichst entsprechend gestalten und jegliche Berufspraxis genau passend darauf ausrichten.

Es bleibt aber die Erkenntnis, dass das berufliche System eher so aufgebaut ist: Es ist grundsätzlich einfacher, im Rahmen der langfristigen Zielsetzung etwas Bestimmtes werden (z. B. Manager im Entwicklungsbereich) als etwas Bestimmtes tun zu wollen (z. B. arbeiten am Fahrzeugantrieb durch Brennstoffzellen), sofern man nicht vom Studienschwerpunkt an darauf konsequent ausgerichtet ist. Die Kombination beider Aspekte ist besonders schwierig, man sollte sich für eines der Ziele entscheiden.

 

Für Sie, geehrter Einsender, gilt zusätzlich: Sie sind jetzt Anfang 30 – und noch nicht drin im fachlichen Traumgebiet. Über ein zusätzliches Masterstudium könnten Sie sich diesem Gebiet nähern, wären dann aber beim Start im Zielbereich Mitte 30, Traumerfüllung immer noch ungewiss. Ein Wettbewerber von Ihnen hatte Studienschwerpunkt, Praktika, Diplomarbeit auf jenes Thema ausgerichtet und war mit 26 ins Berufsleben eigestiegen, natürlich ins Zielgebiet. Dort hat er dann ca. zehn Jahre Berufspraxis, wenn Sie beide Mitte 30 sind, Sie jedoch sind Fach-Neuling. Er wird dann Ihr Chef. Warum wollen Sie sich das antun?

Kurzantwort:

1. Der später im Berufsleben angestrebte Schwenk in ein neues Fachgebiet ist schwierig zu realisieren, das Projekt sollte gut überlegt sein.

2. Man kann als Ingenieur noch den MBA „machen“. Bevor man sich aber davon zu viel verspricht, analysiere man, wieviele Stellenanzeigen für spätere Zielpositionen diesen Abschluss fordern oder auch nur erwähnen.

Frage-Nr.: 2702
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-07-31

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