Heiko Mell

Führungskraft, frustriert, sucht andere Aufgaben

Frage/1: Ich bin Software-Ingenieur und Führungskraft mit einiger Berufserfahrung. Ich stehe jetzt etwa in der Mitte meines Arbeitslebens (Ende 40) und überlege, wie es weitergeht. Meine aktuelle Position ist ungekündigt, aber auch unbefriedigend, und so bin ich wieder auf der Suche. Auf die ersten Bewerbungen erhielt ich Absagen. Ich bitte Sie um Ihre Beurteilung und Empfehlung, wie ich weitermachen könnte und was ich vermeiden sollte.

Frage/2: Der rote Faden meiner bisherigen Arbeit ist die Software in wechselnden Produkten (Fachbegriff „embedded“), die Technologie und insbesondere die Menschen, die das Produkt entwickeln und nutzen. Die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine sind fast ein Hobby von mir; mich interessiert, wie die Maschine an die Menschen angepasst werden muss, um den Bedürfnissen der Beteiligten gerecht zu werden.

Frage/3: Ich habe relativ bald Führungsverantwortung übernommen und diese Rolle gut, allerdings nicht „stets zur vollsten Zufriedenheit“ (also sehr gut) ausgeführt. Weiter aufgestiegen bin ich nicht, auch deshalb, weil ich die Arbeit an der Basis organisieren möchte und nie einen Vorstandsposten anstrebte. Meinen Führungsstil würde ich als menschlich bezeichnen. Ich versuche, mit meinen Mitarbeitern Lösungen zu finden und uns weiterzuentwickeln.

Frage/4: In der aktuellen Position sehe ich mich vor allem mit einem übertriebenen Projektmanagement konfrontiert. Ein Manager sagte neulich, dass wir hier eine Matrix-Struktur mit vermutlich mehr als drei Dimensionen haben, er würde da auch nicht mehr durchsehen. Die Arbeit auf meiner Führungsebene besteht nur noch aus Reporting an mehrere Projekte. Wir dürfen nur Best-Case-Planungen abgeben, Risiken werden nicht eingeplant und für Linienarbeit ist kein Budget vorhanden. Da man dann seine Wochen-Pläne nicht erfüllt, darf man auch wöchentlich an Feuerlösch-Meetings teilnehmen und neu planen, was dann wiederum Begründungen für den weiteren Ausbau des Projektmanagements liefert. Für die Arbeit mit meinen Mitarbeitern habe ich keine Zeit, ich muss mich darauf verlassen, dass kurze Infos von mir ausreichen. Wenn Managementtätigkeit so aussieht, möchte ich auch gar nicht aufsteigen. Freunde sagen mir, in anderen Firmen läuft es genauso.

Frage/5: Welche Möglichkeiten habe ich jetzt?

Antwort:

Antwort/1:

Sie haben ein verbrieftes Anrecht auf zwei „systembedingte Problembereiche“: Sie nähern sich der Midlifecrisis oder sind mittendrin. Sie sind ferner Einser-Abiturient, und Einser-TU-Absolvent. Über alle damit pauschal zusammenhängenden Probleme haben wir hier oft geschrieben und können uns eine Neuauflage ersparen.

Nehmen wir einmal einen Aspekt aus Ihrem Werdegang vorweg: Sie sind jetzt im dritten Konzern tätig. Die beiden vorliegenden Zeugnisse von den ersten Arbeitgebern sind nur „gut“, heute sind Sie auch unzufrieden. Das ist keine Basis, um nun bei einem Routinewechsel mit Aussicht auf Erfolg endlich einmal an frühere (Studium) Top-Leistungen anknüpfen zu können.

Fazit 1: Schon aus den bisher abgedruckten kurzen Ausführungen geht hervor: Sie spielen jeweils in den „falschen Filmen“. Die Regel lautet: Wenn man trotz guter persönlicher Anlagen in einer bestimmten Arbeitsumgebung nicht auf seinen Leistungsstand kommt, soll man beim Wechsel den Unternehmenstyp mit wechseln. Sie wiederholen sonst immer nur die gleichen Resultate.

Fazit 2: So wie Sie Ihre Grundproblematik ausdrücken, ist ziemlich klar, dass man Ihnen nicht einreden kann, dort zu bleiben und einfach glücklich zu werden. Sie werden also noch einmal wechseln müssen – brauchen aber einen ganz anderen Unternehmens- und/oder Aufgabentyp.

Übrigens lässt sich so etwas bei Konzern-Arbeitgebern leichter sagen als bei der Herkunft aus entsprechenden Mittelständlern. Großbetriebe sind einander ähnlich – wer einen kennt, kennt alle (das ist natürlich mit der üblichen Fehlerquote pauschaler Aussagen behaftet). Mittelständler sind demgegenüber im Kern auch irgendwie typisch, aber mit größerer Streubreite (in alle Richtungen) ausgestattet.

Nun handeln wir noch einmal schnell das beigefügte Bewerbungsbeispiel ab. Es sucht eine größere Unternehmensberatung einen Berater im Projekt- und Qualitätsmanagement für „die Beratung in Kundenprojekten im IT-Bereich“. Gefordert wird mehrjährige Berufserfahrung in IT-Projekten des angesprochenen Bereichs. Übrigens sind „mehrjährige“ ca. drei, eventuell sogar fünf Jahre, mehr geht in Richtung Überqualifizierung.

Sie bieten zwanzig Jahre Praxis und sind Teamleiter (von Führung oder Führungspraxis ist im Inserat keine Rede). Das ist schon einmal gar nicht gut. Fachlich steht in Ihrem Lebenslauf „Software, Software, Software“, heute eben als Teamleiter Software-Entwicklung für konkrete Produktbereiche. Da sieht ein Laie (wie ich) keine Übereinstimmung mit der ausgeschriebenen Position.In Ihrem Anschreiben beginnen Sie (Zielposition ist der Berater für Projekt- und Qualitätsmanagement): „Als Software-Ingenieur mit Berufserfahrung bewerbe ich mich …“ Dann zählen Sie die Produktgruppen auf, für die Sie Software-Entwicklung betrieben haben. Dann schreiben Sie, dass Sie mit Ihrem Arbeitsumfeld „nicht ausreichend zufrieden“ sind – und dass Sie Produkte und Prozesse „rund um die Software“ weiter optimieren möchten. Und Sie wollen damit „auch den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden“.

Ich rate zunächst einmal von der Formulierung „heute nicht ausreichend zufrieden“ ab. Das „atmet“ förmlich den Frustrierten mit unklaren Idealansprüchen. Gesucht sind dort – vorzugsweise jüngere – dynamische Erfolgsmenschen. Wer garantiert dem Bewerbungsempfänger, dass Sie dort nicht wieder unzufrieden werden? Dann klingt die Sache mit den „Bedürfnissen der Menschen“ nach „sendungsbewusstem Gutmensch“. Und ich habe es geprüft: Im Anzeigentext ist wohl von IT-Kundenprojekten die Rede, aber nicht ein einziges Mal von Software oder gar Software-Entwicklung.So wird das also nichts. Stellen Sie sich einen typischen Bewerbungsempfänger wie eine Art routinemäßig stupide vor sich hinarbeitenden Computer vor, dem man gesagt hat: „Erkenne Gemeinsamkeiten zwischen unserer Anzeige und den Informationen des Bewerbers zur derzeitigen Tätigkeit aus Lebenslauf und Anschreiben. Warne uns zusätzlich bei Anzeichen für Neigung zur Unzufriedenheit und Gutmenschentum/Sendungsbewusstsein.“ Und das hat diese „Kiste“ halt gemacht, sie ist eher kein Talent-Scout.

Als kleine Abschweifung: (Fast) alle Menschen, die ein Unternehmen verlassen wollen, sind unzufrieden. Aber es gehört zum guten Ton des Stellenwechsels, auf etwas zu-, nicht vorrangig vor etwas wegzulaufen. „Leute, die ständig unzufrieden sind, haben wir hier selbst“, sagt der Bewerbungsempfänger sonst nur allzu leicht.Nun wissen wir immerhin, was nicht geht. Blicken wir einmal auf die Hintergründe Ihrer Unzufriedenheit:

 

Antwort/2:

Vergleichen Sie diese Ihre Worte noch einmal mit der Stelle, auf die Ihre oben besprochene Bewerbung zielte – das liegt meilenweit auseinander.Ich weiß, dass diese oft schon niedergeschriebene Aussage von mir gefährlich ist, das macht sie aber nicht weniger richtig: Man geht nicht in einen Großbetrieb, um etwas zu bewegen, um ein Anliegen zu verwirklichen, um gar ein Hobby auszuleben. Man geht entweder in einen Großbetrieb, um einen guten, zumutbaren Job zu machen gegen gute, zumutbare Bezahlung und dabei (oder dafür) alles zu tun, zu geben, was gefordert wird – man zahlt halt seinen Preis. Oder – und das ist der anspruchsvollere Teil einer möglichen Motivation – man geht dorthin, um etwas zu werden (im Sinne von Hierarchie / Karriere / Macht). Mit beiden Zielen kann man dort sehr zufrieden werden. In hohem Maße von Frustration bedroht jedoch sind hochintelligente, fachlich hoch qualifizierte Menschen, die dorthin gehen, um etwas Besonderes, Anspruchsvolles, Herausforderndes tun zu wollen. Sie kommen sehr oft (natürlich nicht zwangsläufig immer) dorthin, wo Sie heute sind.

 

Antwort/3:

Da Sie ein intelligenter Mensch sind und eine hohe Fachqualifikation haben (typisch für Einser-Kandidaten), fiel „nebenbei“ genug an brauchbaren Resultaten Ihrer Arbeit ab, um Ihnen das interne Überleben zu sichern und einen moderaten Aufstieg in die untere Führungsebene zu ermöglichen. Aber „der ist einer von uns, den halten wir fest, dem geben wir Höchstbewertungen“ hat das System nie über Sie gesagt. Was Sie da über sich und Ihre Mitarbeiter schreiben, ist ja durchaus nachvollziehbar, aber hart am Thema vorbeiformuliert.Im Sinne des Systems sollten Sie als Konzern-Führungskraft etwa so formulieren (auch wenn es in internen Hochglanzbroschüren anders dargestellt wird):“Man gibt mir Ziele vor, man hat Erwartungen an mich. Und man vertraut mir konzerneigene Ressourcen an (Mitarbeiter, Tools, Budgetmittel). Und dann strebe ich danach, frohen Herzens, voll glühender Überzeugung und strotzend voller Engagement und Dynamik sowie erkennbar positiv denkend unter Einsatz der mir überantworteten Ressourcen die mir gesetzten Ziele zu erreichen. Ändern sich die Ziele (180 °-Wechsel sind durchaus möglich), folge ich ihnen mit gleichbleibender Begeisterung, reduziert man meine Ressourcen, werde ich stets versuchen, auch das noch großartig zu finden.“Das ist nur ein bisschen übertrieben, es geht schon in diese Richtung.

 

Antwort/4:

Sage ich ja: Wer eines kennt, kennt alle. Nun müssen wir aber das System sowie Ihr Unternehmen als typischen Vertreter in Schutz nehmen:

a) So ähnlich läuft es in vielen (Groß-)Unternehmen, ich höre oft solche Schilderungen.

b) Sie sind in der deutschen Regionalorganisation eines internationalen Konzerns in der mittleren Führungsebene. Das kann man machen. Übertragen auf ein anderes Feld sind Sie ein Unteroffizier (Optio) in der römischen Armee und zwar in jener Legion, die in Germanien stationiert ist. Rom, wo allein alles in dieser Armee gestaltet, strukturiert und entschieden wird, ist weit, weit weg. Was könnte sich ein engagierter, ehrgeiziger und in jedem Fall hochintelligenter Optio für Ziele setzen?

Er könnte die Strukturen, die Waffentechnik oder die Kampftechnik der Armee für unvollkommen halten und sich dem Ringen um grundlegende Veränderungen verschreiben. Seine Chance? Deutlich unter null; alle anderen Legionen des „Konzerns“ sind ähnlich organisiert, in „Rom“ hört kein Mensch auf ihn.

Er könnte aber auch die Dienstvorschriften der römischen Armee verinnerlichen, sich der Einfachheit halber gar nicht erst die Mühe machen, sie zu bewerten – aber beschließen, er wolle Zenturio werden. Und dann Legionskommandant. Alles andere führt zu Frustrationen. Und dann lässt er seine Soldaten den Pilum (Speer) genau nach der römischen Heeresdienstvorschrift schleudern oder werfen oder was auch immer. Auf dass die Augen seiner Vorgesetzten leuchten. Wer das nicht will, geht nicht zur Legion. Schon gar nicht in Germanien (er müsste dann in Rom im Zentralstab „Heeresstrukturreform“ des Kaisers arbeiten).

Ach und weil es gerade so schön passt: Shakespeare lässt Julius Cäsar im Hinblick auf einen seiner späteren Mörder sagen: „Er denkt zu viel; die Leute sind gefährlich.“ Ich bin nicht Shakespeare und muss es zwei Nummern kleiner nehmen: „Dieses extrem erfolgreiche System ist nur bedingt für allzu hohe Ansprüche stellende, zu viel nachdenkende Einser-Kandidaten geschaffen.“

 

Antwort/5:

Ganz pauschal: Wechseln Sie den Unternehmenstyp; nicht weil Ihrer schlecht ist, sondern weil Sie nachgewiesen haben, dass Sie dort nicht hinpassen.Suchen Sie sich eine Position, bei der ein die Bewerbungen lesender „Computer“ (Antwort/1) ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen offener Stelle und dem, was Sie heute tun (nicht dem, was Sie gerne täten) erkennt. Der Job kann größer, in der Hierarchie eine Stufe höher sein, aber fachlich müssen Sie verkaufen, was Sie nachweislich können – sprich kürzlich gemacht haben oder heute machen. Die Branche ist nicht so furchtbar wichtig, aber Software-Entwicklung im Produktumfeld sollte es schon sein.

Sie deuten einen denkbaren Wechsel ins Qualitäts- und Prozessmanagement an, in dem Sie schon gearbeitet haben, das Sie aber ebenfalls frustrierend fanden. Ich rate ab, frustriert sind Sie jetzt auch – wo läge da der Fortschritt?

Dann sprechen Sie noch von der Selbstständigkeit und einer Produktidee, die Sie hätten. Das könnte einerseits durchaus die Lösung sein, ist aber andererseits ein sehr steiniger, schwieriger Weg, der viel Frustrationstoleranz erfordert, denn es wird Niederlagen geben. Wie immer im marktwirtschaftlichen System, steht einer großen Chance ein großes Risiko bis hin zum Totalverlust gegenüber. Ihnen fehlt, wie Sie an anderer Stelle schreiben, etwas Mut – und vom heutigen Einkommen „leben derzeit mehrere Menschen“. Ich bin skeptisch, Idealvoraussetzungen sind das nicht. Bedenken Sie: Ihr eine Selbstständigkeit tragendes Produkt muss nicht gut sein, es muss „nur“ sehr gut verkauft werden. Das wäre eine völlig neue Welt für Sie.

Ich sehe ein mittelständisches, erfolgreiches Industrieunternehmen um 1.000 Mitarbeiter vor mir, dessen hochwertige Produkte anspruchsvollste (Steuerungs-)Software brauchen. Und Sie leiten deren Entwicklung.Und nein, zu teuer sind Sie nicht, eher für Ausbildung und Alter recht preiswert. Optio-Schicksal halt, Zenturionen werden deutlich besser bezahlt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2699
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-07-04

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