Heiko Mell

Und was machen Sie danach?

In Ihren „Notizen aus der Praxis“ (Nr. 415 vom 15.03.2013) beschreiben Sie ein Phänomen, das unsere Gesellschaft aus meiner Sicht eher belastet als vorwärts bringt. Man ist mit dem Erreichten nie wirklich zufrieden. In Wissenschaft und Forschung ist dieser Aspekt besonders wichtig, im privaten und beruflichen Umfeld ist diese Entwicklung schlimm.

Im Berufsleben gibt es sicher auch Phasen, die mit Langeweile zu überschreiben sind. Die Anforderungen, die Sie in Ihrem Beitrag an die Traumposition stellen, machen es doch noch schwerer, sie überhaupt zu finden, denn sie ist ja wohl nur ein Zwischenschritt. Das geht dann ewig so weiter. Bei einem Berufsleben von ca. fünfunddreißig bis vierzig Jahren bedeutet das ca. fünf bis acht Wechsel (die fünf Jahre pro Anstellung sind sicher nicht immer einzuhalten).

Traumjob heißt doch, dass ich eine Position gefunden habe, die mir zunächst beruflich ein passendes Umfeld bietet und die auch noch ordentlich dotiert ist. Ich verbinde damit auch die Erwartung, dass die Möglichkeiten des Weiterkommens (hierarchisch, finanziell oder vom Aufgabenspektrum her) bestehen.

Wenn ich also das Glück habe, eine Tätigkeit zu finden, die diesem Begriff sehr nahe kommt, warum soll ich diese heute schon so begreifen, dass ich sowieso in fünf Jahren weiter suche?

Antwort:

Und schon sind wir mitten im Thema. Die Antwort auf Ihre letzte Frage ist ganz einfach:

Weil Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in etwa fünf Jahren weiter suchen werden – und weil Sie als Angestellter stets(!) damit rechnen müssen, eines Tages wieder auf den Arbeitsmarkt gehen zu müssen, ob freiwillig oder nicht. Die Vorsorge für diesen Fall ist ebenso systemimmanent wie der Abschluss einer Brandschadenversicherung für Ihr neugebautes Haus – ob Sie nun an die entsprechende Gefahr glauben oder nicht.

Mir ging es in jenem Punkt gar nicht um die Traumposition als solche, mir ging es um die Mahnung: Was immer Sie beruflich tun, welche neue Position Sie auch immer annehmen, denken Sie daran, dass Sie eines Tages damit auf den Arbeitsmarkt gehen wollen oder müssen und Ihre „frischen“ Erfahrungen aus genau dieser Position zum Verkauf anbieten. Wie begehrt werden Sie dann damit sein?

Zur Erinnerung: Ich habe das Bild geprägt, nach dem der Angestellte symbolisch auf zwei Beinen steht. Eines ist der Job, den er gerade hat. Das andere ist die Gewissheit, im Bedarfsfall einen ebensolchen (oder besseren) jederzeit anderswo auf dem Markt zu finden. Beides ist wichtig, wenn man nicht bewusst „einbeinig“ sein will.

Ich halte es für unvertretbar naiv, einen Job anzutreten und sicher sein zu wollen, dass Sie diesen bis zur Pensionierung nicht mehr in Bewerbungen als tragende Säule Ihrer Qualifikation anbieten müssen. Ob Sie einen neu angetretenen Job nun Traumjob nennen oder nicht, ist dabei ziemlich egal.

Nicht ohne Grund schloss mein Beitrag damals mit der Mahnung: „Man kaufe keinen Neuwagen, der sich später nicht in Zahlung geben lässt. Ich hatte mal so einen …“ Haben Sie so etwas schon einmal erlebt? Ich kaufte danach einen Neuwagen einer anderen Marke, was kein Problem zu sein schien. Aber als der Verkäufer kurz vor der Unterschrift hörte, welches Modell welcher Marke ich in Zahlung geben wollte, zerriss er den schon ausgefüllten Kaufvertrag. Dabei war das Altauto nur ein paar Jahre zuvor mein „Traumwagen“ gewesen.

Immer wieder stoße ich auf Bewerber oder sonstige Kandidaten, die heute verzweifelt versuchen, eine vor Jahren begeistert angetretene Position zu vermarkten und dabei „vor eine Wand“ laufen. Denken Sie stets an das Prinzip: Jener Bewerber ist begehrt, der ziemlich genau zuletzt gemacht hat, was im neuen Job zu machen ist. Das klappt dann am besten, wenn es viele solche Jobs gibt wie er ihn heute hat. Die angestrebte Position darf dann „besser-größer-schöner-mehr“ von allem sein, aber vor allem hat sie doch „ähnlich gelagert zu sein.

Natürlich dürfen Sie eine neu gefundene Anstellung als Traumposition empfinden und glücklich sein. Aber Sie sollten dennoch damit rechnen, dass Sie eines Tages damit auf den Markt geben müssen.

Sehen Sie, auch wer von uns schon viele Jahre lang unfallfrei fährt, wird nicht hingehen und seine Kfz-Haftpflichtversicherung kündigen (in diesem Fall passt dann sogar der Staat auf und legt das Fahrzeug still).

Denn auch nach fünfundzwanzig unfallfreien Autofahrerjahren müssen Sie damit rechnen, morgen in einen Unfall verwickelt zu werden, an dem man Ihnen später zumindest Teil-Schuld zuspricht. Ich kann das auch kürzer ausdrücken: Sie können in der Zukunft rein gar nichts ausschließen. Einer der einfachsten zu berücksichtigenden Fälle, auf die Sie vorbereitet sein müssen, ist dann: Ich muss oder will meine vor allem durch die heutige Position geprägte Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt an den Mann zu bringen.

Einigen wir uns doch darauf: Wir hängen an Ihre Definition von „Traumposition“ noch den Aspekt an „und die sich in einigen Jahren relativ problemlos auf dem Arbeitsmarkt gegen eine mindestens gleichwertige eintauschen lässt“. So wie ja auch der karrierebewusste Angestellte nur solch ein Eigenheim kaufen oder bauen sollte, das „im Falle eines Falles“ problemarm verkauft werden kann. Denn auch mit der Notwendigkeit eines Umzugs ist vorsichtshalber zu rechnen.

Fazit: Berufliche Träume aller Art sind jederzeit erlaubt. Doch von Dauer, nein von Dauer sind sie nicht. Und für den Fall ist Vorsorge zu treffen.

Frage-Nr.: 2644
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-09-19

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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