Heiko Mell

Bleiben oder gehen?

Frage/1: Ich bin Mitte/Ende 40 und seit mehr als fünfzehn Jahren bei meinem Arbeitgeber, einem amerikanischen Unternehmen, tätig, derzeit als einer der Vice Presidents (VP).
Wie Sie den beigefügten Dokumenten entnehmen können, habe ich im Laufe dieses Beschäftigungsverhältnisses verschiedene Funktionen durchlaufen. Neben den eigentlichen Arbeitsinhalten lag mein Fokus hierbei auch immer auf einer Erweiterung meiner Aufgaben, idealerweise begleitet jeweils von einer Beförderung. Solche Möglichkeiten schätze ich sehr an amerikanischen Unternehmen.

Ich kenne Ihre Bedenken bezüglich Dienstzeiten von mehr als zehn Jahren. Da meine Funktionen teilweise sehr unterschiedliche Inhalte hatten, würde mich Ihre Meinung interessieren, inwieweit Sie Ihre grundsätzlichen Bedenken bezüglich einer eventuellen Betriebsblindheit aufrechterhalten. Würden die einzelnen Abschnitte möglicherweise als individuelle Stationen gezählt, die dann wieder voll im Rahmen liegen würden oder bezieht sich Ihre Empfehlung mehr auf den Aspekt „Zugehörigkeit zu einem einzelnen Unternehmen“ denn auf die einzelnen Tätigkeiten?

Frage/2: Hier geht es mir darum, inwieweit man jenseits der 50 noch für die amerikanische „Hire and Fire-Mentalität“ geeignet ist.Ich bin also derzeit als VP (wie übersetzt man das eigentlich ins Deutsche: Abteilungsleiter?) auf einer Ebene angekommen, auf der sich relativ wenig weitere Karriereschritte bieten. Meinen Job würde ich als ziemlich sicher bezeichnen und meine Leistungen als gut bis sehr gut. Mein Arbeitgeber ist sehr stark auf Shareholder Value fokussiert. Dies führt in der Konsequenz zu einer Politik des „Hire and Fire“. Insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Herausforderungen sind Entlassungen an der Tagesordnung.

In wenigen Jahren werde ich 50. Auch wenn ich mich nicht so „alt“ fühle, erinnere ich mich an Ihre Empfehlung, mit 50 die Position erreicht zu haben, die man zur Not bis zur Rente beibehalten kann.

Soll ich demnächst extern sehr aktiv nach einer neuen Herausforderung suchen, um noch „unter 50“ in eine neue Position einzusteigen? Oder soll ich es beim derzeitigen Arbeitgeber aushalten, um im Falle einer Entlassung in einigen (hoffentlich erst in fünf bis zehn) Jahren die Zeit bis zur Rente mittels einer Abfindung überbrücken zu können?

Frage/3: Bei meinem derzeitigen Arbeitgeber sind Personalwechsel aus unterschiedlichsten Gründen eher häufig. Vor diesem Hintergrund habe ich mir in regelmäßigen Abständen Zwischenzeugnisse ausstellen lassen. Hierbei referenziert das jeweils aktuellste Zeugnis die Vorhergehenden. Das würde im Falle einer Bewerbung bedeuten, dass der Adressat fünf bis sechs Seiten Zeugnisse lesen muss, um den Gesamtinhalt zu erfassen.

Inwieweit stellt das aus Ihrer Sicht ein Problem dar? Würde diese Zeugnisstruktur im Falle eines Ausscheidens auch für das Abschlusszeugnis beibehalten werden?

Antwort:

Antwort/1:

a) Die aus dem Denken typischer Bewerbungsempfänger abgeleitete Empfehlung lautet: Beginnen Sie ab einer Arbeitgeber-Zugehörigkeit von etwa zehn Jahren mit dem Nachdenken darüber, ob nicht ein Wechsel aus grundsätzlichen Erwägungen heraus ratsam sein könnte. Hintergrund ist die oft zu sehende Reserviertheit gegenüber Bewerbern mit sehr langen Dienstzeiten. Die wiederum beruht nicht nur auf Instinkt, sondern auch auf Erfahrung: Man sieht sehr häufig, dass in solchen Lebensläufen nach z. B. vierzehn oder einundzwanzig Dienstjahren eine sehr kurze Beschäftigungszeit folgt, also ein neuer Wechsel fällig wurde.

b) Der Mensch ist ein „Gewohnheitstier“. Gepflogenheiten fressen sich tief in unser Bewusstsein ein, Besonderheiten unserer Umgebung nehmen wir irgendwann nicht mehr als solche wahr; ein Verhalten entgegen jenem Kodex, der beim langjährigen Arbeitgeber herrscht, haben wir uns längst abgewöhnt. Und es fehlt uns an der Fähigkeit zu unterscheiden, was an den „Haus-Ritualen“ unseres langjährigen Arbeitgebers Standard auf dem Markt ist, was als Besonderheit gelten muss und was vielleicht sogar eine „exotische“ Ausnahme darstellt.

Es besteht der Verdacht, dass ein neuer Mitarbeiter mit einer so langen prägenden Dienstzeit beim vorigen Unternehmen die Umstellung auf das neue Umfeld nicht mehr schafft oder sogar verweigert. Dieser Aspekt schließt auch die Arbeitsmethodik ein.

c) Wer demgegenüber bei seiner ersten Stelle vielleicht nach drei, bei seiner zweiten nach acht Jahren gewechselt hat und jetzt nach vielleicht vier Jahren in der dritten Anstellung wechseln will, hat Erfahrung damit, wie „anders“ neue Arbeitgeber sein können – und hat solche Umstellungen bereits wiederholt erfolgreich durchgestanden. Vor allem: Er weiß, dass er sich umstellen muss und ist sensibilisiert für die auf ihn zukommenden Probleme.

Ein kleines (realistisches) Beispiel: Abteilungsleiter Müller kommt nach achtzehn Jahren Dienstzeit bei Firma A nun zu B. Er bietet „seinen Leuten“ sofort das Du an, weil das bei A üblich war und er nichts anderes kennt. Bei B schätzt man das gar nicht – der erste dicke Fleck auf der Weste von Müller ist da, seine Chefs beäugen misstrauisch, „was er denn wohl sonst noch so anstellt“. Und: Beim nächsten Wechsel ist Müller klüger und vorsichtiger (hoffentlich); er weiß, wo überall „Fallen“ lauern können.

d) Der erwähnte Vorbehalt gegen lange Dienstzeiten von deutlich mehr als zehn Jahren bezieht sich grundsätzlich auf die Zugehörigkeit zu einem einzigen Arbeitgeber, das ist die zentrale „Klammer“.Er wird verstärkt, wenn diese vielen Jahre mit weitgehend gleicher Tätigkeit, in immer derselben organisatorischen Einheit auf gleichbleibender hierarchischer Ebene zugebracht wurden. Er wird deutlich(!) abgeschwächt, wenn sich mehrere dieser Kriterien öfter einmal geändert haben, besonders hilfreich sind Beförderungen.

e) Es gibt hier keine feststehende Formel für die Gewichtung. Der Bewerber ist den höchst unterschiedlichen Empfindungen ebenso verschiedener Entscheidungsträger ausgeliefert bzw. unterworfen. Darunter sind Menschen, die ihren Job selbst seit zwanzig Jahren ausüben und solche, die neu im Hause sind. Auch die jeweilige Situation auf dem Arbeitsmarkt (viele oder wenige Mitbewerber) verstärkt oder mildert entsprechende Bedenken.

Aber: Wer nicht sehr viel mehr als zehn Dienstjahre bei einem (vielleicht noch dem ersten und einzigen) Arbeitgeber aufzuweisen hat, ist für den Fall einer plötzlichen arbeitgeberseitigen Kündigung besser gerüstet. Wer hingegen ganz sicher weiß, dass er niemals dort weggehen will und garantiert niemals dort weggehen muss, der braucht diesen Aspekt nicht zu beachten. Er hätte dann aber auch noch zusätzlich das Talent zum Hellsehen.

 

Antwort/2:

Sie unterstreichen meine Aussagen unter 1., wenn Sie nicht wissen, wie man auf dem hiesigen Arbeitsmarkt, der im Falle eines Falles der Ihre wäre, Ihre heutige Position überhaupt bezeichnet. Genau das ist eines der Probleme, wenn jemand einen einzigen Arbeitgeber als „meine Welt“ ansieht – und er keine der anderen Welten mehr kennt.

Ich kann Ihre Frage nach der Übersetzung des Begriffs VP auch nicht endgültig beantworten, letztlich müssten Sie sich darum kümmern. In eine Bewerbung einfach nur „VP“ zu schreiben, wäre sehr kritisch, weil Sie sich dann dem ausliefern, was der jeweilige Bewerbungsempfänger denkt: Die Darlegung Ihrer Qualifikation dergestalt, dass der Bewerbungsleser etwas damit anfangen kann, ist eine „Bringschuld“ Ihrerseits.

Auch wer amerikanische Verhältnisse nicht kennt, weiß doch vom Präsidenten der USA. Der hat einen einzigen 2. Mann, den Vizepräsidenten, so ähnlich stellt unser Betrachter sich den VP Ihres Unternehmens vor. Wenn das nicht stimmt, sollten Sie etwa schreiben (im Lebenslauf):“Leitung des Bereichs … in der Region …mit einem Umsatz von …, (interne Rangstufe Vice President – eine Bezeichnung, die konzernweit für Manager der …ten und …ten Führungsebene vergeben wird).“

Wobei Sie das überprüfen und ggf. für Ihr Unternehmen stimmend umformulieren müssten. Achtung: Es dient Ihren Interessen nicht, wenn der Leser mehr dahinter vermutet als zutreffend ist; vermutete Überqualifikation ist ebenso schädlich wie das Gegenteil.

 

Zu Ihrer Kernfrage: Ich glaube nicht, dass man Ihnen in Ihrer speziellen Situation pauschal zum Wechsel raten sollte:

a) Man soll bei einem Wechsel den Unternehmenstyp nur wechseln, wenn man mit dem bisherigen eher schlecht zurechtgekommen ist. Das ist bei Ihnen absolut nicht der Fall. Sie sollten also ein Unternehmen wie Ihr heutiges anstreben – und wären dort identischen Gefahren ausgesetzt, nur hätten Sie eine viel kürzere Dienstzeit. Sie würden sich also verschlechtern.

b) Jeder Wechsel kann schiefgehen, damit ist stets zu rechnen. Wenn Sie dann davon betroffen wären, träfe es Sie mit 50 oder mehr Lebensjahren. Bedenken Sie: Beim neuen Arbeitgeber könnte es Ihnen neben allem anderen schlicht nicht gefallen, z. B. vom Aufgabenbereich oder den Kompetenzen her. Das droht beim derzeitigen Arbeitgeber derzeit überhaupt nicht.

c) Durch Ihre vielen Veränderungen im Aufgabenbereich und insbesondere durch Ihre Beförderungen ist bei Ihnen der „Wechseldruck“ nach der Zehn-Jahres-Regel derzeit sehr gering.

 

Fazit: Nach der „Maxime vom kleineren Übel“ bestünde dieses bei Ihnen im Bleiben.Damit Sie sich nicht über Regeln und daran hängende Probleme wundern: Berufsstart mit 25, dann zwei Jahre beim ersten und vielleicht zwölf im zweiten Unternehmen. Wenn dieser Kandidat dann „vorsichtshalber“ wechselt, ist er 39 – und die 50 sind weit weg.

Zu Ihrer Frage passt auch eine allgemeine Regel, die man an diesem Beispiel gut darstellen kann:Das Berufsleben ist Kampf: mit gelegentlichen Schlachten, öfteren Scharmützeln und häufigen kleinen Einzelgefechten. Erst kämpft man, um etwas zu werden und später dann (so ab 50), um das Erreichte zu sichern. Aber: Es gibt stets auch „Soldaten“, die einen kompletten „Weltkrieg“ überstehen, ohne je einen scharfen Schuss abgegeben oder auch nur gehört zu haben. Man weiß nur vorher nicht, ob man zu dieser oder jener Gruppe gehören wird.

 

Antwort/3:

Ich fürchte, Ihr „referenziert“ im dritten Satz dieses Frageteils haben Sie erfunden. Gemeint ist: Das jeweils neueste Zwischenzeugnis verweist auf die vorher ausgestellten Dokumente, die damit zum Bestandteil des jeweils späteren werden. Eigentlich müssten Sie dann alle einer Bewerbung beifügen, aber Ihr Hinweis auf die Datenflut ist berechtigt.

Lösungsvorschlag: Fügen Sie einer Bewerbung jeweils die letzten beiden Zwischenzeugnisse aus dem aktuellen Arbeitsverhältnis bei, das reicht. Schreiben Sie aber bei der Erwähnung der „Anlagen“ ganz klar: „die letzten beiden Zwischenzeugnisse meines derzeitigen Arbeitgebers; ältere Dokumente dieses Unternehmens stehen auf Wunsch gern zur Verfügung.“

Bei einem Endzeugnis fasst man in der Regel alle Zwischenzeugnisse und den Rest der Dienstzeit in nur einem Dokument zusammen. Gelegentlich sieht man darin dann noch ein bestimmtes Zwischenzeugnis erwähnt, mehr aber nicht. In Ihrem Fall sollten Sie um nur ein einziges Gesamtdokument bitten.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2641
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-09-05

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