Heiko Mell

Freistellung gefordert

Es geht mir darum, welches Licht eine Freistellung auf den betroffenen Mitarbeiter wirft.

Als Geschäftsführer eines regional sehr bekannten, international operierenden Unternehmens trenne ich mich aktuell von einem technischen Leiter. Wir haben ihm angeboten, dass er von sich aus kündigt und alle Beteiligten Stillschweigen wahren.

Er besteht jetzt auf Freistellung, die er auch offen im Unternehmen kommunizieren möchte. Ich meine, dass er damit sich selbst schaden würde. Eine Beschäftigung beim Wettbewerb strebt er nach eigener Aussage nicht an, er möchte sich aber in der Region bewerben. Es ist also davon auszugehen, dass die Adressaten seiner Bewerbung den Umstand der Freistellung erfahren würden.

Antwort:

Wie immer die Einleitung, dass ich keine arbeitsrechtliche Beratung geben darf, kann und will.Nach der arbeitgeberseitigen Kündigung bzw. nach dem vom Arbeitsmarkt damit gleichgesetzten Abschluss einer Aufhebungsvereinbarung ist bei Führungskräften die Freistellung (bei Fortzahlung der Bezüge und Weiternutzung eines eventuellen Dienstwagens) grundsätzlich üblich. Diese Freistellung spricht der Arbeitgeber aus, der Mitarbeiter kann sie vielleicht vorschlagen oder erbitten, nie fordern. Beide Parteien können sich jedoch auch jederzeit auf eine einvernehmliche Freistellung einigen. Weil die Freistellung nach außen hin etwa bedeutet „Der Schaden, den wir durch diesen Mitarbeiter erfahren, ist kleiner, wenn er bei voller Bezahlung zu Hause bleibt“, reagieren die meisten Führungskräfte zurückhaltend darauf und sind oft ängstlich bemüht, die Freistellung vor Bewerbungsempfängern zu verbergen.

Da der Bewerber mit dem potenziellen neuen Arbeitgeber ein relativ enges Vertrauensverhältnis begründen will, ist ihm dringend zu raten, dort vor Abschluss eines neuen Arbeitsvertrages den Umstand der arbeitgeberseitigen Kündigung mit Freistellung offen und auch ungefragt zu erwähnen. Das reduziert etwas – nicht entscheidend – seine Chancen auf dem Markt. Denn eine Freistellung gibt es in der Regel, wenn der bisherige Arbeitgeber den Mitarbeiter unbedingt loswerden will. Das ist ein Etikett, das man sich als Bewerber nicht gern umhängt.

Für Betroffene: Die Freistellung ist für den Mitarbeiter im Regelfall nicht das eigentliche Problem. Sie ist nur ein Symptom. Die dahinterstehende „Krankheit“ heißt: Mein Arbeitgeber will mich loswerden. Bestrebungen des Arbeitnehmers, lieber nicht gekündigt zu werden, sind ggf. sinnvoll, ein Widerstand gegen die Freistellung nach Kündigung ist es nicht. Da in den letzten Jahren sehr viele Manager gekündigt (oder zur Unterschrift unter eine Aufhebungsvereinbarung gebracht) wurden, ist die Zahl freigestellter Bewerber so groß, dass jeder von ihnen „in guter Gesellschaft“ ist. Bewerbungsempfänger pflegen nicht pauschal alle freigestellten Bewerber abzulehnen, aber im Vorstellungsgespräch sorgfältig nach den Gründen des Arbeitgebers für dessen Kündigung zu fragen.

Zurück zum Fall: Ich kann aus der Einsendung nicht erkennen, ob diesem Mitarbeiter nun tatsächlich gekündigt worden ist oder ob er das Angebot angenommen hat, lieber selbst zu kündigen, In beiden Fällen ist eine Freistellung möglich. Vom Wunsch des Arbeitnehmers, nach seiner eigenen Kündigung freigestellt zu werden, habe ich noch nie gehört. Hintergrund: Ein freigestellter Bewerber steht beim Bewerbungsempfänger erst einmal unter „Pauschalverdacht“, dass ihm gekündigt wurde. Freistellungen nach arbeitnehmerseitiger Kündigung sind weniger verbreitet, aber kommen vor.

Mögliche Gründe des Arbeitnehmers, eine Freistellung zu bekommen und diese betriebsintern offen zu kommunizieren:

 

1. Für den Arbeitnehmer ist es das höchste Gebot, mit seiner Arbeit und mit seiner Person die uneingeschränkte Zufriedenheit seines Arbeitgebers zu finden. Die Kündigung(sabsicht) des Arbeitgebers zeigt, dass der Mitarbeiter damit gescheitert ist (es sei denn, sehr überzeugende betriebliche Gründe machen deutlich, dass es gar nicht um Leistung oder Person des Mitarbeiters ging). Dem Mitarbeiter wird durch eine solche Kündigungsabsicht des Arbeitgebers oft spontan der Boden unter den Füßen weggezogen – irrationales Verhalten als Folge ist durchaus denkbar und vorkommend. Vielleicht hofft der Mitarbeiter, im Betrieb irgendjemandem etwas durch die Freistellung „beweisen“ zu können. Einen tieferen Sinn kann ich darin nicht erkennen.

 

2. Manche Arbeitnehmer (nicht immer sind es die besten) sehen es als „Sieg“ an, nun mehrere Wochen bei vollem Gehalt zu Hause bleiben zu dürfen. Am Stammtisch mag das jemandem imponieren.

 

3. Die nun notwendig werdende Bewerbungsaktion des Kandidaten ist zeitaufwendig, die beschäftigungslose Zeit der Freistellung ist dafür sehr gut geeignet.Ein Arbeitnehmer, dem nun ohnehin gekündigt wurde (was die eigentliche Katastrophe darstellt), kann also eine damit verbundene Freistellung nutzen, um sich wieder irgendwo eine neue Position zu besorgen.

 

4. Auf den jetzt geschilderten Aspekt weise ich nur hin, ich habe ihn in der Literatur gefunden. So ganz verstehe ich das nicht; wer darauf abzielt, sollte unbedingt vorher anwaltlichen Rat einholen: Anscheinend kann ein Arbeitnehmer, der sich in kündigungsbedingter Freistellung befindet (und natürlich sein Gehalt weiter bezieht) eine anderweitige Beschäftigung aufnehmen und damit doppelt verdienen. Gehen Sie bitte vorsichtig an diese Thematik heran – ich habe noch nie von einem solchen Fall gehört, nur darüber gelesen.

Kurzantwort:

1. Freistellungen des Arbeitnehmers bei vollem Gehalt sind aus verschiedenen Anlässen möglich, Standardauslöser ist die arbeitgeberseitige Kündigung.

2. Eine bestehende Freistellung sollte unbedingt potenziellen neuen Arbeitgebern im Verlauf des Vorstellungsprozesses vor Vertragsunterzeichnung (nicht unbedingt schon in der schriftlichen Bewerbung) offenbart werden.

3. Ein freigestellter Bewerber steht, wenn dieser Umstand bekannt wird, leicht unter Pauschalverdacht, sein Arbeitgeber wolle ihn loswerden. Daher ist es eher unüblich, dass Arbeitnehmer ausdrücklich um Freistellung ersuchen.

Frage-Nr.: 2620
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-04-24

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