Heiko Mell

Chancen noch mit 60+?

Was tun, wenn man als Führungskraft mit 60+ seinen Job verloren hat?

Antwort:

Für den Betroffenen, der seine Lebensplanung anders ausgerichtet hatte, ist das ein harter Schlag.

Man muss einen Blick ins Umfeld werfen, um sich über die eigene Lage Klarheit zu verschaffen. Und da zeigt sich, dass von Freunden, Nachbarn, ehemaligen Kollegen etc. in diesem Alter schon sehr viele ihr Erwerbsleben bereits beendet haben – aus welchem Grund auch immer. Diese Konstellation prägt natürlich auch die Einstellung von Unternehmen und einzelnen Entscheidungsträgern zur generellen Frage nach Chancen in diesem Alter („Über 60? Was will der denn noch?“).

Eine realistische Möglichkeit, auf dem Weg über externe Bewerbungen an fremde Adressen eine reguläre (Standard-)Führungsposition zu erhalten, sehe ich grundsätzlich nicht. Aus der Sicht des Arbeitsmarktes ist ein Manager dieses Alters, der ein neues Engagement sucht, eine Ausnahmeerscheinung (auch deshalb, weil es kaum Bewerber in dieser Altersgruppe gibt). Folgerichtig sollte ein Betroffener nach Engagements streben – und die damit verbundenen Einschränkungen akzeptieren -, die eben nicht in die Standardkategorie fallen. Im Klartext heißt das: die ein gesunder, aufstrebender Bewerber von 45 Jahren nicht haben wollen würde.

Beispiele:

  • befristete Anstellungsverhältnisse/Interim-Management (das reicht von der Mutterschaftsvertretung weiblicher Führungskräfte über die Einführung einer neuen Software bis zur zeitlich begrenzten Begleitung eines jungen Firmenerben, der noch ein paar Jahre braucht, bis er es selbst „kann“);
  • projektbezogene Engagements;
  • freiberufliche Tätigkeiten;- Jobs in „toten“ Branchen oder absolut unbeliebten Regionen inner- und außerhalb der deutschen Grenzen;
  • spezielle Einsätze in kleinen und mittleren Unternehmensberatungen;
  • Einsätze über Arbeitnehmer-Überlassungs-Firmen.

 

Stets gilt: In diesem Alter verkaufen Sie, was Sie waren und können, nicht mehr das Potenzial zur Nutzung verborgener Talente auf neuen Feldern. Es ist außerordentlich hilfreich, auf einem Fachgebiet fundierte Spezialkenntnisse zu haben (z. B. Fertigungsleiter in der Schweißtechnik für hochlegierte Spezialstähle gewesen zu sein).

Sprechen Sie Unternehmen initiativ an, verbreiten Sie Ihren Lebenslauf bei Personalberatern, nutzen Sie alle persönlichen Kontakte, die Sie haben; inserieren Sie – mit dem Hinweis auf die Bereitschaft, auch befristete Aufträge zu übernehmen – unter „Stellengesuche“ in Zeitungen und stellen Sie Ihr Profil in Internet-Stellenbörsen.

Sie müssen viele unterschiedliche Aktivitäten starten, mit großen Streuverlusten rechnen und hoffen, dass eines Ihrer auf Verdacht abgefeuerten „Schrotkügelchen“ zufällig irgendetwas Brauchbares trifft. Geben Sie die Hoffnung nicht auf: So wie Sie auf dem Bewerbermarkt eine Ausnahme sind, gibt es irgendwo auch immer Jobs, die auf die klassische Art und Weise mit Standard-Bewerbern nicht zu besetzen sind. Nur: Kalkulierbar sind Ihre Chancen nicht (mehr).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2609
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-03-01

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