Heiko Mell

Chaos auf breiter Front – wie verpacke ich das in Bewerbungen?

Frage/1: Ich habe mehr als zehn Jahre Berufserfahrung. Seit knapp drei Jahren bin ich bei meinem heutigen Arbeitgeber tätig, seitdem führe ich als Teamleiter ständig Mitarbeiter.Nachdem ich massiv von meinem direkten Vorgesetzten (Abteilungsleiter) unter Druck gesetzt wurde (es grenzte schon an Mobbing), habe ich selbst gekündigt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine neue Position.

Der Konflikt mit meinem Chef schwelte seit Beginn meiner Tätigkeit. Bisher hatte er stillgehalten und nun hat er die Situation eskaliert. (Das kann er nicht: Man sagt „eine Situation ist eskaliert“ oder „er hat zugelassen, dass die Situation eskaliert“, aber nur Situationen eskalieren, nicht Menschen; H. Mell).

Meine Aufgabe war es, eine neue Konstruktionsgruppe aufzubauen und anzulernen. Scheinbar war ich so gut, dass ich jetzt nicht mehr gebraucht werde (Ich will nicht kleinlich erscheinen, aber hier hätte es „anscheinend“ heißen müssen, das bedeutet „es kann sein, es kann auch nicht sein, es sieht jedenfalls so aus“; „scheinbar“ sagt man nur, wenn man schon weiß, dass es nur so aussieht, aber in Wirklichkeit nicht so ist).

Mein Vertrag endet in sieben Monaten. Ich wurde nach meiner Kündigung in eine andere Abteilung (neue Aufgaben, ohne Führung) versetzt. Man hat mir eine Aufhebungsvereinbarung vorgelegt, die mir ein kurzfristiges Ausscheiden ermöglichen würde.

Frage/2: Inzwischen habe ich Bewerbungen verschickt und Vorstellungsgespräche stehen an.
Ist es ratsam, einem möglichen neuen Arbeitgeber mitzuteilen, was vorgefallen ist? Wie gehe ich mit dem frühestmöglichen Eintrittstermin um?

Frage/3: Da ich schnellstmöglich eine neue Anstellung suche, habe ich mich auch auf Positionen ohne Führungsverantwortung beworben. Wie kann ich hier argumentieren, dass ich einen Karriererückschritt akzeptiere?

Antwort:

Antwort/1:

Arbeiten wir erst einmal diese Fakten auf. Vorab: Wenn Sie in einem schwierigen, schwer zu lösenden Problem stecken, dann deshalb, weil Sie gegen mehrere Regeln verstoßen haben. Jetzt kann es für Sie keine Standardempfehlung mehr geben, weil Sie sich außerhalb der Standards positioniert haben.

Ich will, auch wenn es für Sie vielleicht nicht so klingt, Ihnen helfen (vor allem dabei, Ihre Situation zu verstehen) und ich will potenzielle Nachahmer abschrecken.

Fangen wir mit den Hintergründen an:

  • Sie waren zehn Jahre nichtführend tätig, das ist recht (aber nicht absolut zu) lange. In Ihrer nachfolgenden ersten kleineren Führungsfunktion sind Sie gescheitert, so muss man es sehen. Da liegt der Verdacht nahe, dass Sie sich vielleicht weniger für die Führung eignen. Ihr eigenes Verhalten nach Ihrer Kündigung scheint das zu unterstreichen (s. Frage/2).
  • Man kann nicht einen „schwelenden Konflikt“ mit dem Chef vom ersten Tag an haben, das fast drei Jahre so laufen lassen – und hoffen, dass alles gut wird. Ein Konflikt mit dem Chef ist ein Warnsignal allererster Güte und von höchster Eindringlichkeit. Der Konflikt muss weg – um (fast) jeden Preis.
  • Ihre Vermutung, anscheinend seien Sie in Ihrem Aufbau-Job so gut, dass Sie nun nicht mehr gebraucht werden, ist unrealistisch. Gescheitert sind Sie an dem permanent „schwelenden Konflikt“. Es kann lediglich sein, dass Ihr Chef einen für ihn günstigen Moment abgewartet hat. Der Krug geht halt so lange zum Wasser, bis er bricht. Drei Jahre lang auf einem Pulverfass zu sitzen, das war schlicht leichtsinnig.
  • Sie haben gekündigt, ohne eine neue Position zu haben. Das tut man nicht, niemals, unter keinen Umständen!
  • Dass Ihr Chef Sie nach Ihrer Kündigung nicht mehr als Teamleiter bei sich haben wollte, nachdem Sie beide ohnehin im Dauerkonflikt standen, ist verständlich.
  • In solchen Fällen ist Freistellung bei voller Gehaltszahlung üblich. Sie nun hat man stattdessen in eine neue Abteilung gesteckt. Dies weniger, damit Sie dort Nützliches tun, sondern damit Ihr alter Chef Sie los ist und Sie keinen destruktiven Einfluss auf Ihre früheren Mitarbeiter ausüben können.
  • Aber nun zahlt man Ihnen ebenfalls – wie bei einer Freistellung – Gehalt und bekommt keine entsprechende Leistung dafür (die Sie in der fremden Umgebung einer neuen Abteilung auch gar nicht so schnell erbringen können). Also will man Sie möglichst schnell endgültig loswerden, daher die vorgelegte Aufhebungsvereinbarung. Solange Sie keinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben haben, ist die für Sie erst einmal nicht interessant. Bedenken Sie auch: Was immer geschieht, Sie(!) hatten gekündigt, Sie scheiden „auf eigenen Wunsch“ aus, Ihnen wurde nicht etwa gekündigt. Dieser Status muss (Zeugnis) bei allem, was Sie intern unterschreiben, ausdrücklich gewahrt bleiben.
  • Wenn Sie vor einem halben Jahr zur mir gekommen wären, hätte ich Ihnen noch wirksam helfen können. Jetzt steht Ihr „Haus“ in hellen Flammen und kann nicht mehr darauf hoffen, ohne Blessuren aus der Sache herauszukommen.

Soviel zur Aufarbeitung der Vorgeschichte.

 

Antwort/2:

Für denjenigen Angestellten, der sich regelgerecht verhält, gibt es meist klare Antworten auf klare Fragen. Bei jemandem, der sich einmal über die Regeln des Systems hinweggesetzt hat, ist das nicht mehr so einfach. Stellen Sie sich vor, jemand wird auf der Autobahn zum Geisterfahrer und fragt nun per Handy beim ADAC an, ob er jetzt auch blinken muss beim Spurwechsel.

Es gibt Grundregeln für Vorstellungsgespräche. Danach müssen Sie mit mindestens drei Ihr spezielles Problem tangierenden Fragen rechnen. Die sollten Sie stets „sehr nahe an der Wahrheit“ beantworten; Falschaussagen bringen das Risiko mit sich, später aus genau diesem Grund entlassen zu werden. Natürlich kommt nicht jede Untat ans Licht, aber wollen Sie mit dem ständigen Risiko am neuen Arbeitsplatz leben?

Diese drei Fragen sind:

 

a) „Warum wollen Sie vom heutigen Unternehmen weg?“

Diese Frage stellt der Gesprächspartner in völliger Naivität – Sie werden ihm ja nicht geschrieben haben, dass Sie die Kündigung bereits ausgesprochen hatten als Sie die Bewerbung abschickten. Eine korrekte Antwort darauf gibt es gar nicht mehr: Sie wollen jetzt nicht dort weg, Sie müssen. Denn die Kündigung läuft, wer Sie ausgesprochen hat, ist unter diesem Blickwinkel nicht interessant.

Ihre völlig korrekte Antwort müsste eigentlich lauten: „Ich will nicht dort weg, ich wollte. Deshalb hatte ich gekündigt. Jetzt muss ich nun auch gehen.“ Daraufhin wird Ihr Gegenüber eine Erklärung verlangen.

Dabei gilt: Ärger mit dem Chef, auch noch von Anfang an, ist absolut keine Empfehlung, das spricht immer(!) gegen den Bewerber. Wenn Sie den Ärger aber nicht zugeben, haben Sie keine Begründung für die absolut kritisch zu sehende Kündigung ohne neuen Job. Die wiederum kommt durch die nächste Frage ans Tageslicht:

 

b) „In welcher arbeitsrechtlichen Situation sind Sie – ungekündigt, gekündigt (wer hat …?), Aufhebungsvertrag, Freistellung?“ Hier zu lügen ist extrem gefährlich. Es geht um klare, einfach zu definierende Fakten. Also – siehe auch a – kann die Antwort nur lauten: „Ich habe selbst gekündigt.“ Dann wird er wissen wollen, warum. Nun wird er nach einem neuen Job fragen, ohne den doch niemand kündige; a und b sind eben eng verzahnt.

 

c) „Wann ist Ihr frühester Eintrittstermin?“ Die korrekte Antwort lautet: „In sieben Monaten.“ Das ist ihm viel zu spät. Dann könnten Sie erwidern, Sie gingen fest davon aus, man ließe Sie früher gehen, dann fragt er, warum Sie das glauben. Eine Unwahrheit würde die nächste Falschaussage nach sich ziehen, denn c ist auch mit a und b verzahnt.

 

Antwort/3:

Ihr Lebenslauf wird in schriftlicher Form vorgelegt, er wird Teil Ihrer Personalakte dort. Die Regel lautet: Was immer Sie auch erzählen, geben Sie keine unkorrekten schriftlichen Darstellungen („was immer Sie erzählen“ heißt genau das; es heißt nicht, Sie dürfen mündlich munter lügen).

Also muss(!) Ihr Lebenslauf die Versetzung in die andere Abteilung in eine Sachbearbeiter-Position mit klarem Datum enthalten. Und genau das machen Sie zum zentralen Aufhänger Ihrer Geschichte. Das setzt voraus, dass Sie dabei bleiben, sich auf Jobs ohne Führung zu bewerben – ich glaube auch nicht, dass Sie im Augenblick Chancen haben, irgendwo Führungskraft zu werden.Ihre Geschichte, ganz nah an der Wahrheit (aber ohne den Ärger mit dem Chef, der einfach nicht sein darf, der auch nicht im Zeugnis stehen wird):

Sie gehen davon aus, ein guter Ingenieur zu sein. Alle Vorgesetzten haben das bestätigt, Sie sehen es auch im Vergleich mit Kollegen. Beim letzten Wechsel hatten Sie einen Fehler gemacht und sich um eine Teamleitung beworben, die man Ihnen auch gegeben hat. Leider, wie Sie heute sagen müssen. Bei der Ausübung dieses Jobs hätten Sie wiederum, auch das sei bestätigt worden, sehr gute Sacharbeit geleistet. Zum Beispiel hätten Sie … und … und … Aber die spezielle Teamleitung hätten Sie in der Praxis mehr und mehr als lästig empfunden. Darin seien viele Verwaltungsangelegenheiten enthalten, dieser Aspekte hätte Sie, das wüssten Sie heute, letztlich nur „vom ingenieurmäßigen Arbeiten“ abgehalten. Sie hätten sich eigentlich nur gewünscht, diese Belastung wieder loszuwerden.

(So weit ist das absolut glaubhaft, solche Ingenieure gibt es. Kaufleute übrigens eher nicht, das furchtbare Wort „ingenieurmäßig“ lässt sich nicht einmal ins Kaufmännische übertragen.) Ihr Chef hätte das wohl auch gesehen, man hätte nach einer Lösung gesucht. Im eigenen Team wäre eine Rücksetzung nicht gut möglich gewesen. Daher die Versetzung in die andere Abteilung. Aber das sei ein Fehlschlag: Das Aufgabengebiet sei zu weit von Ihrem Fach weg, außerdem wüssten die neuen Kollegen alle, dass Sie früher Teamleiter waren, die ganze Situation sei unbefriedigend. Sie hätten damit einen Fehler gemacht und statt in die neue Abteilung gleich zu einem anderen Arbeitgeber gehen sollen.

Also hätten Sie – trotz der Bedenken, weil man so etwas ja eigentlich nicht macht (dieses Zugeständnis ist wichtig) – selbst gekündigt. Ihre lange Kündigungsfrist böte genügend Sicherheit, erste Bewerbungen seien auch durchaus erfolgreich. Sie gingen davon aus, dass die neue Abteilung, in der Sie ja noch in der Einarbeitung wären, Sie jederzeit früher gehen ließe, Sie kosteten ja dort nur Geld ohne adäquate Gegenleistung. Das gelte aber nur, weil Sie gekündigt hätten, nur so hat der neue Chef keinerlei Hoffnung mehr, von Ihnen jemals einen Nutzen zu haben – aber Sie belasten sein Budget. Also wird er Sie gehen lassen. Mit sieben Monaten Kündigungsfrist hätten Sie ungekündigt auf dem Markt als Sachbearbeiter keine Chance gehabt (was absolut stimmt).

Soviel zu Ihrer Darstellung beim neuen Arbeitgeber. Das sollte reichen. Ich wiederhole sicherheitshalber, dass man im gesamten Bewerbungsprozess – schriftlich wie mündlich – immer nur die Wahrheit sagen soll. Wer es nicht tut, trägt ein hohes Risiko. Aber ich sage auch: In sehr vielen Fällen ist die reine Wahrheit mit dem noch höheren Risiko verbunden, nirgends eingestellt zu werden. Also suchen viele Bewerber hier ihren individuellen Kompromiss.

Kurzantwort:

1. Jahrelange „schwelende“ oder schon flammende Konflikte mit dem Chef entladen sich irgendwann zulasten des Mitarbeiters. Sie müssen rechtzeitig ausgeräumt werden.

2. Man kündigt nicht, ohne einen neuen Arbeitsvertrag zu haben. Schließlich droht sonst der bei Bewerbungsempfängern extrem unbeliebte Status „arbeitslos auf eigenen Wunsch“.

3. Ein Bewerber soll stets nur die Wahrheit sagen, andererseits gibt es „einstellungsverhindernde“ Wahrheiten. Die Lösung kann ein Balanceakt werden.

4. Die eigentliche Regel lautet weniger, keinen Ärger mit dem Chef einzugestehen, sie lautet hingegen, keinen solchen Ärger zu haben.

Frage-Nr.: 2600
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-01-11

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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