Heiko Mell

Wechsel gegen den Willen des Chefs?

Als promovierter Maschinenbauer wurde ich erst technischer Spezialist für ein Fachgebiet, dann Gruppenleiter Qualitätssicherung mit disziplinarischer Führung einer „Handvoll“ Mitarbeiter bei einem Großunternehmen. Meine Verantwortung war erst auf ein Werk beschränkt, wurde dann vor mehr als fünf Jahren auf mehrere Werke erweitert. Nun halte ich einen Wechsel des Tätigkeitsfeldes für sinnvoll und überfällig, da ich neugierig und mit der Materie nicht verheiratet bin.

Mich interessieren der Produktentstehungsprozess und umfassende disziplinarische Führung. Mir ist bewusst, dass ich bei einem Wechsel passende Fähigkeiten mitbringen muss. Nach einigen erfolglosen Anläufen sehe ich es für unser Haus so:

a) Im Bereich Qualität wird man neutral (wenn alles läuft) bis negativ (es gibt Qualitätsprobleme) wahrgenommen.

b) Freiwerdende Stellen werden vorrangig bereichsintern besetzt.

c) Der Aufgabenbereich bietet keine Aufstiegschancen, besonders da enge „Leitplanken“ keine Sonderprojekte erlauben.

Mein Vorgesetzter stimmt trotz mehrfacher Anfrage keiner Veränderung (Bereichswechsel) zu, da dies Unruhe in das System bringe und für meine Qualifikation im Unternehmen schwer Ersatz zu finden sei (ich habe gute bis sehr gute Bewertungen und erhalte Zusatzleistungen). Wie kann man sich am besten gegen den Willen des Vorgesetzten im Unternehmen verändern, wenn man außerhalb des eigenen Bereichs nur eingeschränkt „sichtbar“ ist?

Antwort:

Ich hoffe, dass ich Sie in jedem Punkt richtig verstanden habe: Sie sind seit etwa zehn Jahren in Q tätig, wollen aufsteigen, haben die Qualität satt, wollen aber im Unternehmen bleiben, Ihr Chef will Sie nicht gehen lassen. Damit sind mehrere Problemkreise angesprochen:

1. Nach zehn Jahren in Q und disziplinarischer Führung dort ist ein Fachbereichswechsel mit wachsendem Führungsumfang intern sehr schwierig, beim Wechsel in ein anderes Unternehmen (Arbeitgeberwechsel) praktisch unmöglich. Hintergrund: Ein Gruppenleiter ist generell eine Art „führender Oberfachmann“ seines Gebiets. In einem fremden Fachgebiet könnten Sie das nicht darstellen.

2. Q ist nicht uninteressanter als andere Bereiche, nur Sie langweilt er inzwischen. Das ist Ihr Recht, aber nach so langer Zeit nicht gerade originell. Wenn man so etwas merkt, drängt man deutlich schneller zu neuen Ufern, beispielsweise nach zwei bis drei Jahren entsprechender Tätigkeit.

3. Vorgesetzte, die selbst mit sich und ihrer beruflichen Welt auf Dauer zufrieden sind, nicht nach mehr streben und keine Unruhe (sprich Veränderung) wollen, weder über, noch unter sich, sind der Schrecken sowohl ihrer Chefs als auch ihrer aufstrebenden Untergebenen. Dieses Beharrungsbestreben ist eine Persönlichkeitsfrage, generell ändern können Sie als Mitarbeiter das nicht.

Ich sehe zwei Lösungsmöglichkeiten für Sie:

I. Sie wechseln doch den Arbeitgeber. Dabei werden Sie weitgehend auf Q fixiert bleiben. Sie können bei einem anderen Großunternehmen Ihrer Branche in vergleichbarer oder höherer Q-Funktion einzusteigen versuchen. Oder, das ist der Normalfall, Sie wechseln mit deutlichem Hierarchiesprung nach oben zu einem Zulieferer oder zu einem großen Mittelständler in ähnlich gelagerter Branche. Für diesen Wechsel brauchen Sie die Zustimmung Ihres heutigen Chefs nicht. Sie lassen zusätzlich andere „hauseigene“ Belastungen (wie die überwiegende Stellenbesetzung mit bereichsinternen Bewerbern) hinter sich.

Aber Sie brauchen den Mut zu einem Neuanfang. Der ist nicht ohne Risiko – aber wo gibt es schon die Chance, etwas zu gewinnen, ohne etwas einzusetzen? Für Situationen wie diese gibt es den Arbeitsmarkt.

II. Sie bleiben beim Konzern, streben aber den Aufgaben-/Bereichswechsel an – wissend, dass Ihr Chef dagegen ist.Zunächst brauchen Sie Informationen: Wie läuft so etwas in Ihrem Konzern (die Regelungen sind sehr unterschiedlich)? Für Sie die zentrale Frage: Ist ein interner Wechsel ohne Zustimmung Ihres Chefs möglich, im System vorgesehen, vom Unternehmen gewollt? Die Antwort hat Ihre zuständige Personalabteilung, vielleicht gibt es sogar eine konzernweit tätige Personalentwicklung. Seien Sie auf alles gefasst: In vielen Großunternehmen sind die Schwierigkeiten so groß, dass es einfacher ist, den Arbeitgeber zu wechseln als die Abteilung.

Sind die Auskünfte positiv, müssen Sie sich intern einen neuen potenziellen Chef suchen, der eine für Sie interessante Position hat – und Sie nähme. Zu den Informationen, die Sie brauchen, gehört auch: Verhandelt dieser mögliche neue Chef überhaupt ernsthaft mit Ihnen, ohne Ihren heutigen Vorgesetzten zu informieren?

Dann müssen Sie sich entscheiden. Vorsichtshalber sage ich: Ein Arbeitgeberwechsel ist ein völlig normaler, täglich von Tausenden von Angestellten vollzogener Vorgang. Man muss halt wissen, welche Ziele man hat und welche Prioritäten man ihnen zumisst.

Kurzantwort:

1. Nach zehn Jahren in einem Tätigkeitsgebiet dieses unbefriedigend zu finden, gilt nicht als originell.

2. Fachgebietswechsel sind intern (wo wenigstens die Persönlichkeit bekannt ist) leichter als extern (wo die völlig unbekannte Persönlichkeit als Risikofaktor hinzukommt).

3. In manchen Großunternehmen ist der Abteilungs-/Bereichswechsel sehr schwierig und gegen den Willen des Chefs praktisch unmöglich; man wechselt einfacher den Arbeitgeber.

4. Wie immer, so passen auch hier nicht zwei Begriffe auf den Nr. 1-Rang der persönlichen Prioritätenliste: „Bei diesem Unternehmen bleiben“ und „ein bestimmtes berufliches Ziel erreichen“. Man muss sich entscheiden.

Frage-Nr.: 2598
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 52
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-12-21

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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